Celine Nadolny mit dem Buch Denken wir noch oder fühlen wir schon?, daneben Cover und aufgeschlagene Seite, Rezension.
Mindset & Persönlichkeitsentwicklung

Denken wir noch oder fühlen wir schon? Emotionen als Schlüsselfaktor für beruflichen Erfolg

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★★★☆☆

★★★☆☆ DENKEN WIR NOCH ODER FÜHLEN WIR SCHON? von Nadja Kahn und Christoph Theile* – Ein kluges Buch über Gefühle, das mehr behauptet, als es beweist. anzeige

Die Finanzbranche pflegt ein Lieblingsmärchen. Es geht so: Der vernünftige Mensch entscheidet kühl, mit Tabelle und Verstand, und seine Gefühle gibt er an der Tür ab. Ich habe in sieben Jahren als Kritikerin knapp tausend Sachbücher gelesen, viele davon über Geld und Führung, und ich kann dir sagen, dass dieses Märchen mit der Wirklichkeit ungefähr so viel zu tun hat wie ein Börsenprospekt mit einem Liebesbrief. Die teuersten Entscheidungen, die mir untergekommen sind, wurden nicht im Kopf getroffen, sondern im Bauch. Der Verstand durfte hinterher das Protokoll schreiben.

Wer das akzeptiert hat, steht vor der spannenderen Frage. Dass Emotionen unsere Entscheidungen prägen, ist längst geklärt. Interessant wird erst, was man damit anfängt. Wie erkennt man, welches Gefühl gerade am Steuer sitzt? Und wie nutzt man es, statt ihm ausgeliefert zu sein?

Nadja Kahn und Christoph Theile haben dazu ein ganzes Buch geschrieben, und sie haben sich einen klugen Umweg ausgedacht. Bevor sie mit Theorie kommen, schicken sie dich durch eine Geschichte. Das ist die größte Stärke dieses Buches, und es ist zugleich der Ort, an dem ich anfange, ihm zu widersprechen.

Vorweg mein Urteil, damit du weißt, woran du bist. Ich gebe „Denken wir noch oder fühlen wir schon?“ drei von fünf Sternen. Es ist ein didaktisch kluger Business-Roman mit einem richtigen Kerngedanken und echtem Gebrauchswert als gemeinsame Sprache für Teams. Seine Schwäche liegt in der Beweisführung an den großen Stellen und in einem deutlich spürbaren kommerziellen Rahmen. Für Führungskräfte, Personaler und Coaches, die eine zugängliche Landkarte für Emotionen im Job suchen, lohnt es sich. Wer harte wissenschaftliche Belege für die ganz großen Thesen erwartet, klappt es enttäuscht wieder zu.

„Es gibt keine negativen Emotionen.“
Nadja Kahn und Christoph Theile

Erst die Geschichte, dann das Modell, und warum das klug ist

Das Buch zerfällt bewusst in zwei Hälften. Im ersten Teil begleitest du Maxi van Weller, die in der PR-Agentur Clarke die Event-Abteilung leitet. Es ist ein Laden mit echter Wohlfühlkultur, in dem sich das Team montags zur Pizza zusammensetzt, den legendären MoMiPiPas. Dann wird die Agentur an einen Branchenriesen verkauft, an dessen Spitze der eitle Selbstdarsteller Prof. Gettler thront, und Maxis heile Bürowelt bricht in sich zusammen. Was folgt, ist eine emotionale Achterbahn durch Verlust, Angst, Wut und Wiederaufbau. Der Kniff: In Maxis Kopf sitzen zwei Stimmen, Ratio, das Sprachrohr der reinen Logik, und Emotia, die Stimme der Gefühle, und die beiden zanken sich durch jede Szene. Im zweiten Teil wird dasselbe Erlebte dann seziert, entlang von sieben Basis-Emotionen und dem hauseigenen Modell der Autoren.

Diese Dramaturgie ist schlichtweg gut gedacht. Wer mit Modellen fremdelt, und das sind in Führungsetagen mehr Menschen, als zugeben würden, steigt über die Erzählung ein und versteht hinterher die Theorie, weil er die Gefühle vorher selbst durchlebt hat. Erst fühlen, dann begreifen. Das senkt die Hürde, und es ist handwerklich sauber gebaut.

Der für mich stärkste Gedanke des Buches steckt im Paradigmenwechsel, der dem zweiten Teil zugrunde liegt. Es gibt, sagen Kahn und Theile, keine negativen Emotionen. Wut, Angst, Gier sind keine Defekte, die man wegräumt, sie sind Zeiger auf ein unerfülltes Bedürfnis. Die Furcht zielt auf Sicherheit, die Verachtung wird zum Kompass für die eigenen Werte, weil sie zeigt, was man meiden will. Das deckt sich mit dem, was die funktionale Affektforschung ohnehin vertritt, und die Autoren bringen es lebensnah rüber. Es erinnert an das alte Bild von zwei Brüdern mit demselben schwierigen Elternhaus, der eine wird erfolgreich und sagt deswegen, der andere scheitert und sagt deswegen. Dieselbe Emotion, zwei Richtungen, und der Unterschied liegt darin, was man daraus macht.

Ganz ohne Reibung läuft der Romanteil allerdings nicht. Die Figuren bleiben streckenweise grob gezeichnet, der Bösewicht ist sehr Bösewicht, und der Ton kippt mitunter ins Betont-Saloppe. Das ist verschmerzbar, weil die Geschichte ihren Zweck erfüllt. Sie soll keine Literatur sein, sie soll ein Gefühl erfahrbar machen, und das gelingt ihr.

Wo das Buch zu viel verspricht

Jetzt zur Stelle, an der ich hängenbleibe, und sie steht gleich am Anfang. Das Buch eröffnet sein Manifest mit einem Satz, der absolut gemeint ist: „jede – ausnahmslos jede – deiner Entscheidungen beruht auf Emotionen, da sind sich Neurowissenschaftler heute sicher“. Als Beleg dient eine Fußnote auf Antonio Damasio, den Bestseller „Descartes‘ Irrtum“.

Das Problem ist, dass Damasio etwas anderes sagt. Seine These, der somatische Marker, lautet: Emotion ist für vernünftiges Entscheiden notwendig, Gefühl und Verstand arbeiten zusammen, und Menschen mit beschädigtem Gefühlszentrum entscheiden katastrophal. Damasio behauptet nirgends, jede Entscheidung sei rein emotional und der Verstand liefere nur die nachträgliche Rechtfertigung. Er lässt sogar ausdrücklich offen, ob sein Modell wirklich für alles Denken gilt. Aus „Emotion ist nötig“ macht das Buch „alles ist Gefühl, der Kopf redet es hinterher schön“. Das ist ein gutes Stück mehr, als die Quelle hergibt, und einen wissenschaftlichen Konsens für das absolute „ausnahmslos jede“ gibt es in dieser Form nicht.

Beim zweiten großen Aufhänger wird es noch deutlicher. Bis zu 70 Prozent aller Change-Prozesse, heißt es, würden scheitern. Diese Zahl geistert seit gut zwei Jahrzehnten durch jede zweite Management-Publikation, und sie ist ein Mythos. Sie geht auf einen Artikel von Michael Beer und Nitin Nohria aus dem Jahr 2000 zurück, die sie seinerzeit als beiläufigen Einleitungssatz ohne jeden Beleg in den Raum gestellt haben. Der Organisationsforscher Mark Hughes hat 2011 mehrere prominente Quellen für diese Zahl durchverfolgt und keine empirische Grundlage gefunden. Ein Buch, das sich seinen wissenschaftlichen Anspruch derart auf die Fahne schreibt, sollte ausgerechnet diese Zahl nicht ungeprüft weiterreichen.

Und hier liegt das eigentliche Muster. Es ist nicht so, dass dem Buch jede Quelle fehlt, im Gegenteil, es zieht durchaus ernstzunehmende Forschung heran, dazu gleich mehr. Aber an den größten, lautesten Behauptungen ist die Stütze am dünnsten. Da, wo das Buch am meisten verspricht, hält es am wenigsten. Dieser Mangel betrifft damit das Fundament, auf dem der gesamte Autoritätsanspruch des Buches ruht.

Ein Modell, das sich für ein Naturgesetz hält

Im Zentrum des zweiten Teils steht der Globe of Emotions®, eine dreidimensionale Anordnung der sieben Basis-Emotionen, mit Hemisphären, einem Äquator der Bedürfnisse und fünf sogenannten emotionalen Gesetzen. Als Landkarte, in vielen Coachings erprobt, ist das durchaus brauchbar. Wer im Meeting bisher nur sagen konnte, die Stimmung kippt, hat danach Begriffe, und ein Team, das eine gemeinsame Sprache für Gefühle findet, redet besser miteinander. So weit überzeugt der Globe.

Das Buch begnügt sich aber nicht mit „nützliche Landkarte“. Es erklärt die Reihenfolge der Emotionen für zwingend und keineswegs zufällig, der Globe mache die zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten erstmals sichtbar, und es verkauft diese Erkenntnis als neu, vergleichbar mit Naturgesetzen. Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Der Globe ist so gebaut, dass er die Gesetze zeigt, und gilt damit als ihr eigener Beweis. Ehrlich gesagt würde das Modell stärker wirken, wenn es bescheidener aufträte. Als erprobte Heuristik überzeugt es sofort. Als Naturgesetz mit dem Anspruch der Erstentdeckung lädt es eine Prüfung ein, die es dann nicht ganz besteht.

Dasselbe Muster zeigt sich bei der Auswahl der Belege. Die starke These, Empathie laufe über unsere Spiegelneuronen, präsentiert das Buch als gesicherte Wissenschaft, gestützt aber nur auf ein Interview, obwohl gerade diese Lesart in der Forschung umstritten ist. Fairerweise muss man sagen, dass die Autoren an anderen Stellen sehr wohl starke Primärquellen heranziehen, Paul Ekmans Arbeiten zur Mimik, die klassische Hirnforschung von Olds und Milner, eine echte Amygdala-Studie. Das spricht für ihren Anspruch. Nur wird die Sorgfalt eben ausgerechnet dort dünner, wo die Behauptung am größten wird.

„Emotionen folgen Gesetzmäßigkeiten.“ Den Satz hätte ich gern belegt gesehen statt behauptet. Denn dass Gefühle Muster haben, ist plausibel. Dass diese Muster die Strenge von Gesetzen tragen, ist eine ganz andere Liga des Anspruchs, und die löst das Buch nicht ein.

Für wen lohnt sich das Buch, und für wen nicht?

Stell dir die Frage nüchtern, dann wird die Antwort klar. Wenn du eine Führungskraft, einen Personaler oder einen Coach vor dir hast, die mit ihren Teams besser über Emotionen sprechen wollen und einen niedrigschwelligen Einstieg suchen, dann ist dieses Buch eine echte Hilfe. Die Geschichte zieht rein, das Vokabular ist sofort anwendbar, und der Kerngedanke ist richtig. Geld und Karriere sind eben mehr Psychologie als Mathematik, und wer das verinnerlicht, trifft bessere Entscheidungen.

Wer dagegen die wissenschaftliche Tiefe sucht, ist mit den Klassikern besser bedient. Daniel Kahnemans „Schnelles Denken, langsames Denken“ oder Damasio im Original liefern dieselbe Grundeinsicht mit ungleich mehr Belegdichte und ohne den Drang zur großen Geste. Kahn und Theile sind die wärmere, zugänglichere Verwandtschaft dieser Bücher, sie tauschen Strenge gegen Lesbarkeit. Das ist ein legitimer Tausch, man sollte nur wissen, dass man ihn macht.

Einen Punkt muss ich offen ansprechen, weil er weit über dieses eine Buch hinausreicht. Das Buch steht nicht für sich allein, es ist der Eingang in ein ganzes Angebot. Der Globe trägt ein ®, es gibt eine App, einen Emotions-Test, Coaching-Karten, eine Trainer-Zertifizierung und mehr. Im Buchtext selbst halten sich die Autoren damit in Grenzen, der ausdrückliche Aufruf, die App zu laden, steht vor allem am Anfang und am Ende, nicht auf jeder Seite. Trotzdem bleibt ein leiser Verkaufs-Beigeschmack, weil das Werk erkennbar auch ein Produkt-Einstieg ist. Mein Maßstab ist hier simpel: Ein Sachbuch soll befähigen, nicht in erster Linie ein Begleitprodukt verkaufen. Diesen Test besteht das Buch knapp, aber es besteht ihn.


Wer hinter dem Buch steht

Hinter dem Modell stehen zwei Praktiker, und ihre Wege sind aufschlussreich. Christoph Theile ist von Haus aus Wirtschaftsmathematiker, hat lange in der Personalentwicklung großer Handelshäuser gearbeitet und sich später als Coach für Führungskräfte selbstständig gemacht. Heute führt er mit EQting sein eigenes Unternehmen und hat nach eigenen Angaben über zehntausend Menschen in Seminaren und Coachings begleitet; für das Führungsformat „Emotional Leadership“ gab es zudem einen HR Excellence Award. Mehr als ein Jahrzehnt hat er an den Mustern gefeilt, aus denen am Ende der Globe wurde.

Nadja Kahn kommt aus einer ganz anderen Ecke. Sie ist Diplom-Betriebswirtin, hat 2003 ihre Eventagentur KahnEvents gegründet und seither weit über tausend Firmenveranstaltungen rund um den Globus auf die Beine gestellt, von Kuba bis Lappland. Wer so lange Säle füllt, lernt aus erster Hand, wie sehr die Stimmung über den Erfolg eines Abends entscheidet, oft mehr als jede Tagesordnung. Seit 2018 ist sie mit Theile liiert, und gemeinsam entwickeln die beiden den Globe of Emotions.

Das ist ein starkes Praktiker-Duo, und genau das merkt man dem Buch an, im Guten wie im Problematischen. Beide kommen aus der angewandten Wirtschaft, nicht aus der Psychologie oder der Hirnforschung. Das erklärt, warum die wissenschaftliche Flanke ins Wanken gerät, sobald das Buch den Ton der gesicherten Forschung anschlägt, ihm fehlt dort schlicht die fachliche Deckung. Am stärksten ist es deshalb da, wo es aus echter Erfahrung mit echten Menschen in echten Unternehmen schöpft.


Fazit

„Denken wir noch oder fühlen wir schon?“ ist ein solides Buch mit einem richtigen Herzen. Sein Kerngedanke stimmt, seine Didaktik ist klug, und als gemeinsame Sprache für Emotionen im Berufsalltag hat es echten Wert. An den großen Stellen behauptet es allerdings mehr, als es beweist, bei den überdehnten Thesen und dem Modell, das sich für ein Naturgesetz hält, und auch der kommerzielle Rahmen scheint durch.

Für Führungskräfte, HR-Verantwortliche und Coaches, die einen warmen, anwendbaren Einstieg ins Thema suchen, spreche ich eine eingeschränkte Kaufempfehlung aus, mit dem klaren Hinweis, die wissenschaftlichen Großbehauptungen nicht für bare Münze zu nehmen. Wer Strenge und Belege will, greift zu Kahneman oder Damasio. Drei Sterne, ehrlich gemeint, mit Respekt vor der Arbeit und ohne Lobhudelei.


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Meine 5 Key Learnings aus Denken wir noch oder fühlen wir schon? – von Nadja Kahn und Christoph Theile:

Jedes Gefühl hat einen Auftrag

Es gibt keine negativen Emotionen. Jedes Gefühl hat eine Funktion und zeigt auf ein unerfülltes Bedürfnis. Die Furcht zielt auf Sicherheit, die Verachtung wird zum Kompass für deine Werte. Statt ein Gefühl wegzudrücken, lohnt die Frage, worauf es eigentlich hinweist.

Der Bauch entscheidet, der Kopf begründet

Wir entscheiden emotionaler, als wir glauben. Der Verstand liefert oft die nachträgliche Begründung für etwas, das längst gefühlt entschieden war. Das absolute „alles ist Gefühl“ geht mir zu weit, aber die Richtung stimmt, und sie zu kennen schützt vor teuren Selbsttäuschungen.

Vom Umdenken zum Umfühlen

Bei Veränderung reicht Umdenken nicht. Wer im Kopf einsieht, dass etwas Neues nötig ist, hat sich emotional noch lange nicht vom Alten gelöst. Erst dieses „Umfühlen“ lässt den Wandel gelingen, und das erklärt, warum so viele gut begründete Veränderungen trotzdem im Sand verlaufen.

Deine Stimmung färbt ab

Gefühle sind ansteckend. Als Führungskraft gibst du den emotionalen Takt vor, ob du willst oder nicht. Wer das ernst nimmt, achtet auf die eigene Stimmung, bevor er sie unbemerkt ins ganze Team trägt.

Steuere deine Affekte, bevor sie dich steuern

Gier, Angst und Wut lassen sich nicht verbieten, aber steuern. Der Hebel ist das Bedürfnis dahinter. Gerade an der Börse ist das die wichtigste Lektion überhaupt, die teuerste Entscheidung ist fast immer die, sich gegen die eigenen Affekte zu schützen.

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Celine Nadolny lächelt in die Kamera und hält einen Stapel Bücher in den Händen. Auf dem Bild steht der Text ‚Effektiver Speed Reading Onlinekurs – schneller lesen, mehr behalten, konsequent umsetzen‘.

Schneller Lesen – Mehr Behalten – Konsequent Umsetzen

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