Resilienz, erzählt statt trainiert: die fünf Bücher von Günter Tomberg

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Mindset & Persönlichkeitsentwicklung

Resilienz ist zu einem dieser Wörter geworden, die man an alles klebt. Das krisenfeste Depot, das antifragile Unternehmen und der Mitarbeiter, der auch die dritte Umstrukturierung noch wegatmen soll. In der Finanzwelt läuft der Begriff ohnehin heiß. Umso bemerkenswerter, was passiert, wenn man jemanden fragt, der ein über vierhundert Seiten starkes Buch zu genau diesem Thema geschrieben hat. Prof. Günter Tomberg nennt fünf Titel. Drei davon sind Romane, hinzu kommen ein Sachbuch über Klima und Gesundheit und ein Buch über Werte. Kein Ratgeber aus dem Regal der Selbstoptimierung, und genau diese Lücke ist der interessante Teil. anzeige

Was die fünf verbindet, ist nicht Leistung, sondern Aushalten. Ein Kommissar, der nicht lügen kann und sich trotzdem in einer Welt zurechtfindet, die auf Lügen gebaut ist. Ein Arzt rechnet vor, dass sich Gesundheit und Klimakrise nicht trennen lassen. Im Pflegeheim verlischt langsam der Verstand einer Frau. Eine Familiensaga fragt, woher wir kommen. Und am Ende schreibt ein Theologe vom Loslassen und von der eigenen Vergänglichkeit. Resilienz ist hier etwas Leiseres und Härteres als die Version aus dem Wochenendseminar.

Ich teile nicht jede Prämisse hinter dieser Auswahl. In wirtschaftlichen Fragen denke ich vom Markt und von der Eigenverantwortung her, Tomberg setzt auf Suffizienz und Gemeinschaftssinn. Die Frage aber, die alle fünf Bücher umkreisen, nehme ich ernst: was einen Menschen trägt, wenn etwas zerbricht. Also lohnt der Blick auf ein Regal, das anders sortiert ist als das eigene.


Porträt von Günter Tomberg im dunklen Sakko vor rotem Hintergrund, dem Autor hinter diesen Buchtipps.

Ein Manager, den eine Diagnose zum Resilienzforscher machte

Günter Tomberg, Jahrgang 1953, hat den größeren Teil seines Berufslebens als Führungskraft bei der deutschen Caritas verbracht. Dreißig Jahre Management, dann, 2009, die Krebsdiagnose. In der Auseinandersetzung mit der Krankheit stieß er auf den Begriff Resilienz, zog daraus Konsequenzen und baute sein Leben um: raus aus dem Dauerstress, Weiterbildung zum systemischen Berater und Gesundheitscoach in St. Gallen, danach eine eigene Praxis für systemische Gesundheit und Resilienz am Bodensee. Heute ist er Honorarprofessor der Katholischen Hochschule Freiburg und arbeitet als Berater, Trainer und Redner.

Interessant wird Tomberg dort, wo er sich vom Mainstream der Resilienz-Literatur absetzt. Er misstraut dem Versprechen, Widerstandskraft sei reine Privatsache. Ein Resilienztraining, das im Unternehmen mitunter nur dazu dient, dass Beschäftigte noch mehr Stress schlucken, hält er für einen Missbrauch des Begriffs. Wo viele Ratgeber die Umstände einer Krise als gegeben hinnehmen und die Bewältigung dem Einzelnen überlassen, fragt er nach den Ursachen dahinter. Das ist eine Haltung, und sie steht quer zur allzu bequemen Lesart, nach der jeder seines Glückes Schmied ist und der Rest sich gefälligst zusammenreißt.

Für sein aktuelles Buch hat er den klassischen Kanon der Resilienzfaktoren um vier eigene erweitert: Haltung zeigen, demütiger werden, sich an Suffizienz orientieren, den Gemeinschaftssinn stärken. Man muss diese Faktoren nicht teilen, um zu erkennen, dass hier jemand schreibt, der die Abkürzung verweigert. Wer Suffizienz und Demut ins Zentrum rückt, verkauft eben keine schnelle Lösung. Genau das macht seine Buchauswahl glaubwürdig, weil sie dasselbe Regal meidet, das er kritisiert.

Das Cover von Günter Tombergs Das große Buch der Resilienz zeigt eine gelbe Blume in rissigem, trockenem Boden.

Das Große Buch der Resilienz. Ideen und Vorschläge für mehr Widerstandskraft in Krisenzeiteng*, novum publishing, 2025.

Das Buch führt zunächst durch die Theorie: woher der Begriff kommt, was das Konzept der Salutogenese damit zu tun hat, welche Säulen die Forschung der Resilienz zuschreibt und wo ihre Grenzen liegen. Ein eigenes Kapitel widmet sich der Verbindung von Resilienz und Klimakrise. Der zweite Teil besteht aus konkreten Übungen für den Alltag, den Arbeitsplatz und das Team, der dritte fasst alles in zehn Tipps zusammen. Illustriert ist der Band von Dorsi Doï Germann. Er richtet sich an Leser, die Widerstandskraft praktisch entwickeln wollen, für sich selbst oder im beruflichen Umfeld.


Die fünf Buchtipps

Gil Ribeiro: Lost in Fuseta. Ein Portugal-Krimi*

Den Auftakt macht ein Krimi. Lost in Fuseta (2017, Kiepenheuer & Witsch) ist der erste von sieben Fällen um den Hamburger Kommissar Leander Lost, den ein Europol-Austauschprogramm an die Algarve verschlägt. Lost ist Asperger-Autist und kann nicht lügen, und ausgerechnet das macht ihn zum außergewöhnlichen Ermittler.

Diese Krimireihe ist spannend und sehr unterhaltsam geschrieben. Ein deutscher Kommissar wird im Rahmen eines Austauschprogramms an die Algarve versetzt. Er ist Asperger-Autist und kann nicht lügen. Der Autor versteht es hervorragend, diesen Charakter mit all seinen Problemen und Qualitäten liebenswert darzustellen und zu zeigen, wie er mit seinen portugiesischen Kollegen knifflige Kriminalfälle brillant löst. Mittlerweile gibt es sieben Taschenbücher, und drei Fälle wurden verfilmt und sind in der ARD-Mediathek zu sehen.

Prof. Günter Tomberg

Buchcover von Gil Ribeiros Lost in Fuseta, eine sonnige Gasse mit Blick aufs Meer, ein Buchtipp von Günter Tomberg.

Dr. Eckart von Hirschhausen: Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben*

Vom Kriminalfall zur Klimafrage. Der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen denkt in seinem Sachbuch (2021, dtv) zusammen, was selten zusammengehört: die Gesundheit des Menschen und den Zustand des Planeten. Er verbindet Reportage, Grafik und Humor und landete damit einen Jahresbestseller.

Auf dem Cover von Mensch, Erde! sitzt Eckart von Hirschhausen im Gras, ein Sachbuch aus den Buchtipps von Günter Tomberg.

Ein tolles Buch, das eindringlich und mit sehr vielen Informationen, aber nicht panisch auf die Folgen der Klimakrise hinweist, viele konkrete Lösungen parat hält und mich sehr stark zum Nachdenken angeregt hat. Die Sprache des Mediziners und Comedians ist eindringlich und dennoch leicht zu lesen. Seine zentrale Botschaft: Es kann keine gesunden Menschen auf einer kranken Erde geben.

Prof. Günter Tomberg

Joy Fielding: Die Besucherin*

Joy Fielding, kanadische Bestsellerautorin, wird meist mit Psychothrillern verbunden; Die Besucherin (2024, Goldmann) ist ruhiger und ganz aus der Ich-Perspektive im Präsens erzählt. Linda besucht ihre demenzkranke Freundin im Pflegeheim und trifft dort die über neunzigjährige Jenny, die behauptet, mehrere Menschen getötet zu haben. Ob das stimmt oder der Verwirrung entspringt, bleibt lange offen.

Eigentlich ein Krimi, wie man ihn von der Autorin gewohnt ist. Doch die Geschichte ist mehr, weil sie konsequent aus Linda Davidsons Blick und im Präsens erzählt wird, was sie ungewöhnlich nah und persönlich macht. Die Dialoge tasten sich vor und wieder zurück, so wie ein Gespräch mit einem an Demenz erkrankten Menschen eben verläuft, und bleiben dabei trotzdem spannend. Dadurch entstehen manchmal humorvolle Szenen, die zwischendurch zum Schmunzeln animieren. Wie Linda damit ringt, ob sie ihre erwachsene Tochter schützen oder sich aus deren Ehe heraushalten soll, zeichnet Fielding fein nach. Und der Schluss ist genial ausgedacht, mehr wird nicht verraten.

Prof. Günter Tomberg

Joy Fieldings Die Besucherin, Cover mit beleuchtetem Herrenhaus unter dunklem Himmel, ein Buchtipp von Günter Tomberg.

Lucinda Riley: Die sieben Schwestern*

Deutlich raumgreifender ist der vierte Tipp. Die sieben Schwestern (2015, Goldmann) eröffnet eine Familiensaga um sechs Adoptivtöchter, die nach dem Tod ihres rätselhaften Vaters Pa Salt rund um den Globus ihrer Herkunft nachspüren, lose nach dem Mythos der Plejaden. Sieben Bände erzählen die Geschichten der Schwestern; das posthume Finale Atlas. Die Geschichte von Pa Salt (2023) vollendete Rileys Sohn Harry Whittaker aus den Notizen seiner 2021 verstorbenen Mutter.

Lucinda Rileys Die sieben Schwestern, auf dem Cover ein See mit Bergen und ein offenes Tor, ein Buchtipp von Günter Tomberg.

Diese epische Familiensaga verbindet Liebesgeschichten, detailreiche historische Rückblenden und Reiseerfahrungen und besticht durch ihren bildgewaltigen, emotionalen Schreibstil. Ich fand alle sieben Bände genial und spannend, und über die Familienbande auch systemisch sehr interessant. Auch der von ihrem Sohn vollendete Abschlussband gehört für mich dazu. Die Mischung aus Gegenwart und historischer Familiengeschichte regt zum Träumen an und ist eine wunderbare Urlaubslektüre, die einen viele Sorgen vergessen lässt.

Prof. Günter Tomberg

Friedrich Schorlemmer: Lass es gut sein. Ermutigung zu einem gelingenden Leben*

Den Schluss bildet das einzige Buch der Auswahl, das kein Roman ist. Friedrich Schorlemmer, Theologe, DDR-Bürgerrechtler und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, gestorben 2024, setzt in Lass es gut sein (2007, Aufbau) der resignativen Redensart „Lass es sein, es hat keinen Zweck!“ eine andere Maxime entgegen: Lass es gut sein und lass es gut werden.

In diesem Buch tritt der Publizist und Theologe für Grundwerte ein, die einander oft zuwiderlaufen und trotzdem jedem Menschen Halt geben können. Eindrücklich führt er vor Augen, was verloren geht, wenn ein Leben ganz im Jagen nach Wohlstand und Erfolg aufgeht. Schorlemmer rät dazu, schreckliche oder belastende Erfahrungen nicht ständig wieder aufzuwühlen, sondern abzuschließen, sie also „gut sein zu lassen“, um wieder handlungsfähig zu bleiben. Die Erkenntnis der eigenen Vergänglichkeit soll nicht lähmen, sondern einen gelassenen Umgang mit dem eigenen Leben, der Natur und Andersdenkenden ermöglichen. Trotz Nöten und Ängsten in der Welt plädiert er für ein Festhalten an essenziellen Werten wie Toleranz, Freiheit, Gerechtigkeit und Mitmenschlichkeit. Ein ermutigendes und zeitloses Buch.

Prof. Günter Tomberg

Friedrich Schorlemmer mit Brille vor grünem Efeu auf dem Cover von Lass es gut sein, ein Buchtipp von Günter Tomberg.

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Fünf Wege, ganz zu bleiben

Am Ende steht dasselbe Muster wie am Anfang: fünf Bücher vom Aushalten, keine vom Optimieren. Ein Mann, der als Manager funktionierte, bis eine Diagnose ihn zwang, alles neu zu ordnen, empfiehlt Bücher über Menschen, die genau das durchmachen: das Anderssein, das Vergessen, den Abschied, die Suche nach der eigenen Herkunft, das Loslassen.

Was das über Tombergs Denkwelt sagt? Er sucht Widerstandskraft nicht im härteren Panzer. Er sucht sie im Sinn und in tragfähigen Beziehungen, vor allem aber in der Fähigkeit, etwas gut sein zu lassen. Ein Resilienzexperte, der zu Romanen und Essays greift statt zum eigenen Fachgebiet, traut der Geschichte offenbar mehr zu als der Methode.

Was du mitnimmst? Vielleicht die Erlaubnis, Resilienz weniger als Trainingsprogramm zu verstehen und mehr als Haltung gegenüber dem, was ohnehin kommt. Und fünf Bücher, in denen Menschen diese Haltung vorleben, ohne ein Seminar besucht zu haben.

Viktor Frankl, der die Konzentrationslager überlebte und die Frage nach dem Sinn ins Zentrum seiner Psychotherapie stellte, machte einen Satz von Nietzsche zu seinem Leitspruch: „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Tombergs fünf Bücher erzählen von genau diesem Warum. Es steckt nicht im nächsten Ratgeber. Es steckt in den Geschichten der Menschen, die ihr Wie ertragen mussten und ihr Warum nicht verloren haben.

Wenn du auf der Suche nach weiteren spannenden Büchern bist, dann findest du unter Buchtipps eine interessante Auswahl aus über 550 ausführlichen Rezensionen. Diese kannst du individuell nach Preis, Seitenanzahl, Themenbereich, Bewertung und Zielgruppe filtern. Solltest du eine vergleichbare Buchempfehlung für mich haben, dann schreib mir doch gerne über meine Social-Media-Kanäle.

Celine Nadolny lächelt in die Kamera und hält einen Stapel Bücher in den Händen. Auf dem Bild steht der Text ‚Effektiver Speed Reading Onlinekurs – schneller lesen, mehr behalten, konsequent umsetzen‘.

Schneller Lesen – Mehr Behalten – Konsequent Umsetzen

Wie Lesen vom Konsum zur echten Veränderung wird

In diesem Online-Kurs zeige ich, wie Lesen wieder zu einem wirkungsvollen Werkzeug wird – für Klarheit, Fokus und bewusste Entscheidungen. Statt reiner Geschwindigkeit steht ein systematischer Ansatz im Mittelpunkt, der Verständnis, Erinnerung und Umsetzung miteinander verbindet.

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