Was bleibt vom Selbst, wenn die Inszenierung fällt? / anzeige
In Zeiten permanenter Selbstoptimierung und ständiger Sichtbarkeit wird das „Ich“ zur Währung – und zur Überforderung. Was ist echt, was ist Strategie? Was bedeutet es heute wirklich, sich selbst zu finden, wenn die Welt da draußen lauter ist als die eigene Stimme?
Ich habe Peter Kohlen, Autor des Buches „Die Reise zum Ich“, 15 schriftliche Fragen gestellt, die weit über das hinausgehen, was in typischen Motivations-Interviews verhandelt wird. Es geht um mehr als Durchhalteparolen, Kalendersprüche und flüchtige „Quick Wins“.
Wir sprechen über strukturelle Hürden, über die Grenzen der Selbstverwirklichung, über Spiritualität jenseits esoterischer Floskeln, über die Gefahr toxischer Positivität – und über die schmale Linie zwischen Individualität und Egoismus. Dabei geht es nie um einfache Antworten, sondern um eine ehrliche Auseinandersetzung mit Widersprüchen, Brüchen und Ambivalenzen.
Die Fragen sind klar, kritisch und bewusst unbequem. Die Antworten: überraschend reflektiert, pointiert – und an entscheidenden Stellen auch streitbar. Genau so, wie es sein soll.

Wer ist Peter Kohlen? – Zwischen C-Level, Selbstzweifel und Sinnsuche
Peter Kohlen ist vieles – aber sicher nicht bloß der nächste Motivationsredner mit perfekten Insta-Slides. Der studierte Hotelmanager, Unternehmer und Autor bewegt sich seit Jahren an der Schnittstelle zwischen Führung, Persönlichkeitsentwicklung und gesellschaftlicher Reflexion.
Als Mitgründer eines HR-Startups kennt er die betriebswirtschaftlichen Stellschrauben moderner Unternehmen ebenso wie die psychologischen Fallstricke von Überforderung, Selbstausbeutung und Identitätsdruck. Sein Buch „Die Reise zum Ich“ ist kein Feelgood-Workbook, sondern ein Erfahrungsbericht mit Haltung – und mit Brüchen.
Kohlen erzählt von Aufstieg und innerem Rückzug, von Konzernstrukturen und Sinnkrisen, vom Giants Run bis zur geistigen Einkehr. Seine Stärke liegt dabei nicht im großen Pathos, sondern in der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten und trotzdem weiterzugehen. Ein Gesprächspartner, der weder der Selbsthilfeindustrie zuarbeitet noch sich in Zynismus flüchtet – sondern eine persönliche Perspektive bietet, die reflektiert, zugänglich und durchaus streitbar ist.
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Du betonst, dass man nur dann richtig gut ist, wenn man tut, was man liebt. Doch was entgegnest du Menschen, deren Lebensrealität es schlicht nicht zulässt, diese Freiheit zu leben? Ist das Buch also vor allem eines für Privilegierte?
Ich glaube nicht, dass jeder jederzeit tun kann, was er liebt. Das wäre eine romantische Verkürzung der Realität. Was ich meine, ist etwas anderes: sich selbst nicht dauerhaft zu verraten.
Ich beschreibe mich bewusst als Arbeiterkind, weil genau dort dieser innere Konflikt entsteht: zwischen Anpassung und Eigenwert.
„Die Reise zum Ich“ ist daher kein Plädoyer für sofortige Freiheit. Es ist ein Plädoyer für innere Ehrlichkeit im Rahmen dessen, was gerade möglich ist.
In deinem Buch beschreibst du persönliche Erfolge und Wendepunkte – wie gehst du mit dem Vorwurf um, dabei eine Art Heldennarrativ zu bedienen, das strukturelle Hürden für viele Leserinnen und Leser ignoriert?
Ich erzähle Wendepunkte nicht, um Heldengeschichten zu schreiben, sondern um Brüche sichtbar zu machen. Wenn das Buch stellenweise wie ein Heldennarrativ wirkt, dann nur, weil wir es gewohnt sind, Erfolge zu erzählen und Zweifel zu verschweigen. Strukturelle Hürden ignoriere ich nicht – im Gegenteil: Sie sind der Ausgangspunkt meiner Erzählung.
Du plädierst für mehr Individualität und gleichzeitig für Disziplin und Durchhaltevermögen. Ist das nicht ein Widerspruch – braucht echtes individuelles Leben nicht auch die Freiheit, mal schwach zu sein?
Für mich ist das kein Widerspruch. Individualität ohne Disziplin bleibt Wunschdenken. Disziplin ohne Individualität wird zur Selbstverleugnung. Und ja: Schwäche gehört zwingend dazu. Ein zentrales Motiv des Buches ist, dass Stärke nicht bedeutet, immer leistungsfähig zu sein. Stärke heißt, sich Pausen, Zweifel und Rückschritte zu erlauben – ohne den eigenen Wert infrage zu stellen.
Immer wieder appellierst du an Selbstreflexion. Wie grenzt du diese produktive Selbstbeschäftigung vom modernen Selbstoptimierungswahn ab, den du selbst zu Beginn des Buchs kritisierst?
Der Unterschied liegt im Ziel: Selbstoptimierung will besser funktionieren – Selbstreflexion will ehrlicher werden. Ich kritisiere im Buch nicht Entwicklung, sondern den Druck, ständig besser funktionieren zu müssen. Ich lade dazu ein, weniger an sich zu arbeiten und mehr zuzuhören – dem eigenen Körper, den eigenen Grenzen, den inneren Spannungen.
Spiritualität spielt im späteren Verlauf deines Buchs eine größere Rolle. Ist das für dich ein logischer nächster Schritt oder ein notwendiger Fluchtpunkt, wenn rationale Selbsthilfe nicht mehr weiterhilft?
Für mich ist Spiritualität kein Ersatz für Rationalität, sondern ihre Ergänzung. Irgendwann reichen Kennzahlen, Methoden und Selbsthilfetools nicht mehr aus, um Sinnfragen zu beantworten. Spiritualität verstehe ich nicht religiös, sondern als Beziehung zu sich selbst – als Raum, in dem nicht alles erklärt, sondern gefühlt werden darf.
Die Reise zum Ich – Warum echte Erfüllung nur von innen kommt*
In Die Reise zum Ich erzählt Peter Kohlen, wie persönliches Wachstum, beruflicher Erfolg und innere Balance miteinander verbunden sein können – jenseits von Kalendersprüchen und Selbstoptimierungsfloskeln. Offen, reflektiert und mit viel Selbstironie beschreibt er seinen Weg vom Fünfer-Schüler zum Unternehmer, Hotelmanager und Gründer. Dabei verknüpft er Achtsamkeit, Disziplin und Spiritualität zu einem ganzheitlichen Ansatz für mehr Selbstbestimmung. Sein Buch ist ein Plädoyer für mutige Entscheidungen, echte Innenschau und die Kraft, auch gegen Widerstände den eigenen Weg zu gehen – inspirierend, zugänglich und überraschend tiefgründig.
In deiner Erzählweise findet man viele Heldenbilder, Superheldenmomente, Umhänge, die dich schützen sollen. Ist das nicht eine sehr männliche Bildsprache für ein Buch, das eigentlich alle Menschen erreichen will?
Die Bildsprache ist bewusst persönlich – nicht verallgemeinernd. Helden, Umhänge und Schutzbilder stammen aus meiner inneren Welt und stehen symbolisch für Schutzmechanismen, die wir alle entwickeln – unabhängig vom Geschlecht. Wer andere Bilder braucht, darf sie einsetzen. Das Buch will keine Rollenbilder festschreiben, sondern innere Prozesse sichtbar machen.
Dein Buch enthält viele wertvolle Impulse für persönliches Wachstum – doch welchen wissenschaftlichen oder psychologischen Fundamenten liegen diese eigentlich zugrunde?
Das Buch ist kein wissenschaftliches Fachbuch und erhebt diesen Anspruch auch nicht. Es basiert auf langjähriger praktischer Erfahrung in Führung, Unternehmertum und persönlicher Entwicklung – sowie auf intensiver Selbstreflexion. Ich nutze psychologische Denkansätze als Orientierung, nicht als Beweisführung. Entscheidend war für mich nicht akademische Theorie, sondern praktische Stimmigkeit und Wiedererkennbarkeit.
Du erzählst vom Giants Run und deiner körperlichen Überforderung. War das ein Wendepunkt oder eher ein symbolisches Element, das du rückblickend narrativ ausgeschlachtet hast?
Beides. Der Giants Run war real, körperlich schmerzhaft und emotional überfordernd. Gerade deshalb eignet er sich als Symbol. Er steht für einen Moment, in dem der Körper lauter war als der Kopf – und mir klargemacht hat, dass Durchhalten nicht immer gleich Wachstum bedeutet.
Deine Erfolge als Gründer, Hotelmanager und Autor klingen eindrucksvoll – doch wie viel davon ist replizierbar für Menschen ohne dein Netzwerk, deinen Background oder deinen Startvorteil?
Äußerer Erfolg ist selten replizierbar – innere Klarheit schon. Ich lade niemanden ein, meinen Weg zu kopieren. Im Gegenteil: Das Buch warnt in Teilen genau davor. Entscheidend ist nicht das Netzwerk oder der Titel, sondern die Fähigkeit, sich selbst ehrlich zu begegnen – und die ist nicht exklusiv.
Deine Ausführungen zu Konsum, Selbstverwirklichung und materieller Reduktion sind spannend – aber ist ein Leben im Einklang mit sich selbst nicht ebenfalls ein Luxusprodukt unserer Zeit?
Selbstverwirklichung wird zum Luxus, wenn sie an Konsum gekoppelt ist. Innere Klarheit hingegen ist oft das Ergebnis von Reduktion – nicht von Mehr. Viele der beschriebenen Prozesse beginnen genau dort, wo materielle Sicherheiten fehlen und innere Spannungen spürbar werden.
Du betonst immer wieder „Mut“. Wie definierst du diesen Mut eigentlich – und wo beginnt für dich die Grenze zu toxischer Positivität?
Mut ist für mich keine Lautstärke, sondern Aufrichtigkeit. Er bedeutet, unangenehme Wahrheiten anzuerkennen – statt sie positiv zu überdecken. Toxische Positivität beginnt dort, wo Probleme verdrängt werden. Mein Buch setzt auf Klarheit statt Beschönigung.
In deinem Kapitel „Erfolg ist mehr Einstellung als Fähigkeit“ sagst du: „Scheitern ist Definitionssache.“ Wie stellst du sicher, dass Leser diese Aussage nicht als Einladung zur Verdrängung oder Selbsttäuschung verstehen?
Scheitern wird gefährlich, wenn wir es verdrängen. Ich meine mit dieser Aussage keine Verharmlosung, sondern einen Perspektivwechsel: Nicht jeder Rückschritt ist ein Versagen – oft ist er ein Hinweis.
Viele deiner Tipps sind inspirierend, aber auch sehr individuell gefärbt. Glaubst du wirklich, dass sie für ein breites Publikum funktionieren – oder brauchen wir nicht eine neue kollektive Antwort auf persönliche Krisen?
Beides ist notwendig. Gesellschaftliche Krisen brauchen kollektive Lösungen – persönliche Krisen beginnen jedoch immer individuell. Mein Buch versteht sich als Beitrag zur inneren Arbeit, nicht als Ersatz für politische oder soziale Verantwortung.
Deine Biografie wirkt makellos – gab es Themen, Erfahrungen oder Brüche, die du bewusst ausgelassen hast, weil sie nicht zur Buchbotschaft gepasst hätten?
Natürlich ist ein Buch nie vollständig. Ich habe mich entschieden, das zu teilen, was für die Botschaft relevant ist – und anderes bewusst privat zu halten. Diese Grenze war für mich Teil eines verantwortungsvollen Umgangs mit der eigenen Geschichte.
Abschließend: Dein Buch wirkt wie ein Motivationsmanifest für ein selbstbestimmtes Leben. Aber was ist mit gesellschaftlicher Verantwortung? Wird das „Ich“ nicht zum neuen Egoismus, wenn das „Wir“ zu kurz kommt?
Das „Ich“ ist keine Alternative zum „Wir“, sondern seine Voraussetzung. Menschen, die sich selbst nicht kennen oder ablehnen, können kaum verantwortungsvoll für andere handeln. Mein Buch plädiert nicht für Egoismus, sondern für Eigenverantwortung als Grundlage von Gemeinschaft.
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Zwischen Individualismus und Verantwortung: Was wirklich bleibt
Nach 15 Antworten bleibt für mich vor allem eines hängen: Wer „Selbstverwirklichung“ sagt, sollte über Strukturen sprechen. Wer „Mut“ einfordert, darf „Zweifel“ nicht diffamieren. Und wer Selbstführung ernst meint, kommt an der Auseinandersetzung mit Eigen- wie Fremdbildern nicht vorbei.
Das Interview zeigt, dass Begriffe wie Disziplin, Klarheit oder Spiritualität nicht per se leer sind – aber neu befragt werden müssen. Kohlen gelingt es, seine persönliche Biografie nicht als Blaupause zu präsentieren, sondern als Ausgangspunkt für allgemeine Fragen: Wie viel Innenleben erträgt unser Alltag? Wo beginnt echte Veränderung? Und wie verhindern wir, dass das „Ich“ zur Ausrede wird?
Genau hier liegt die Relevanz dieses Gesprächs. Nicht in der Reproduktion von Erfolgsnarrativen – sondern im Versuch, ihre Bedingungen offen zu legen.
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