GENERATION DEBTS von Frank Schäffler* – Warum die größte Umverteilung der deutschen Nachkriegsgeschichte nicht von oben nach unten stattfindet, sondern von jung nach alt. anzeige
2,55 Billionen Euro explizite Staatsschulden. Über 100 Milliarden Euro jährlicher Steuerzuschuss allein für die gesetzliche Rentenversicherung. Eine Billion Euro an frisch beschlossenen Sonderschulden, von denen Berichte zeigen, dass 95 Prozent zweckentfremdet wurden. Und dann noch ein Rentensystem, das auf einem Verhältnis von Einzahlern zu Empfängern beruht, das sich von 4 zu 1 in den Neunzigerjahren auf prognostizierte 2,3 zu 1 im Jahr 2050 verschiebt.
Wenn man diese Zahlen nebeneinanderlegt, muss man eigentlich keine Meinung mehr haben. Man muss nur rechnen können. Frank Schäffler hat beides getan – und aus der Rechnung ein Buch gemacht, das unbequem ist, politisch aufgeladen und in weiten Teilen erschreckend überzeugend.
Generation Debts ist dabei kein volkswirtschaftliches Lehrbuch und will auch keins sein. Schäffler schreibt als ehemaliger Bundestagsabgeordneter, als Gründer einer liberalen Denkfabrik, als Vater, der seinen Kindern nicht den Schuldenberg seiner Generation hinterlassen will. Das klingt pathetisch, liest sich aber erstaunlich wenig so. Der Ton ist direkt, die Argumentation zugespitzt, die Haltung klar. Wer ein ausgewogenes Pro-und-Contra erwartet, ist hier falsch. Wer eine meinungsstarke, gut lesbare Abrechnung mit der deutschen Schulden-, Renten- und Umverteilungspolitik sucht, findet sie hier.
Mein Urteil: 4 von 5 Sternen. Starke 4, mit Abzügen ausgerechnet dort, wo das Buch am mutigsten sein will.
„Nicht mehr die Eltern haften für ihre Kinder, sondern unsere Kinder haften für ihre Eltern.“
Frank Schäffler
Frank Schäffler – wer so über Schulden schreibt, sollte wissen, wie sie entstehen
Normalerweise stelle ich Autoren chronologisch vor. Bei Schäffler fange ich anders an, nämlich mit einem Detail, das für die Bewertung des Buches wichtig ist: Er war bis 2018 Mitglied im Verwaltungsrat der Bitcoin Group SE, dem Unternehmen hinter dem Kryptomarktplatz Bitcoin.de. Er hat das Amt niedergelegt, um Interessenkonflikte als Finanzausschuss-Mitglied zu vermeiden. Im Buch wird seine Verbindung zu Oliver Flaskämper und Bitcoin.de beiläufig erwähnt, aber nicht als Interessenerklärung reflektiert. Das ist kein Skandal, aber es ist ein blinder Fleck – und er spielt im Bitcoin-Kapitel eine Rolle, auf die ich noch zurückkomme.
Davon abgesehen ist Schäfflers Hintergrund für dieses Buch ein echter Vorteil. 16 Jahre Bundestag, davon Stationen im Finanzausschuss und im Haushaltsausschuss. Er war einer der lautesten internen Kritiker der Euro-Rettungspolitik, initiierte 2011 einen Mitgliederentscheid gegen den Europäischen Stabilitätsmechanismus und brachte seinen damaligen Generalsekretär Christian Lindner zur Aussage, Schäffler wandle auf dem schmalen Grat zwischen „frei denken und frei drehen“. 2014 gründete er Prometheus – Das Freiheitsinstitut, eine Denkfabrik, die sich an Hayek und Mises orientiert und programmatisch gegen staatliche Eingriffe in Markt- und Geldordnung positioniert.
Mit anderen Worten: Schäffler schreibt nicht als neutraler Beobachter. Er schreibt als jemand, der über Jahre versucht hat, politische Reformen durchzusetzen, der regelmäßig daran gescheitert ist und der diese Frustration in ein Sachbuch gießt, das explizit als Abrechnung verstanden werden will. Das merkt man auf jeder Seite. Und es ist genau der Grund, warum das Buch über weite Strecken funktioniert – es hat Reibung, Temperatur und einen inneren Kompass.
Die dreifache Diagnose: Rente, Schulden, Freiheitsverlust
Inhaltlich setzt Schäffler auf drei Achsen. Erstens: Der Generationenvertrag sei faktisch gescheitert. Was einmal als solidarisches Prinzip gedacht war, laufe längst nur noch mit massiven Steuerzuschüssen und werde für die jüngeren Generationen zunehmend zum Verlustgeschäft. Zweitens: Die Schuldenpolitik der Gegenwart belaste systematisch diejenigen, die jetzt ins Berufsleben eintreten. Drittens: Individuelle Freiheit, Eigenverantwortung und Kapitalmarkt seien der einzig realistische Gegenentwurf zu einer Politik, die sich in Umverteilung und Kontrolle verliert.
Das ist ideologisch klar verortet – liberal bis libertär, Österreichische Schule, Hayek als Fixstern. Muss man das teilen? Nein. Ist es ein Mangel? Ebenfalls nein. Ein Debattenbuch darf Haltung haben. Die Frage ist nur, ob die Argumentation auch dann standhält, wenn man nicht ohnehin schon im selben Lager steht. Über weite Strecken tut sie das.
Die Boomer-Klammer: clever gerahmt, aber nicht vollständig
Ein rhetorisch kluger Zug: Schäffler, Jahrgang 1968, inszeniert sich selbst als Teil der Generation, die er anklagt. Die Kapitelüberschriften greifen Boomer-Sprüche auf – „Dafür hab ich mein ganzes Leben gearbeitet“, „Die Jugend von heute ist einfach verwöhnt“ – und werden dann systematisch zerlegt. Das gibt dem Buch einen erzählerischen Rahmen, der es deutlich zugänglicher macht als die meisten finanzpolitischen Sachbücher.
Allerdings greift die Boomer-Zuschreibung aus meiner Sicht zu kurz. Die Dynamik, die Schäffler beschreibt – ausufernde Staatsausgaben, moralische Totschlagargumente, ein wachsender Kontrollapparat –, wird auch getrieben von jüngeren politischen Akteuren, von NGOs, von einer moralisierenden Öffentlichkeit, die Freiheitsbeschränkungen als Fortschritt verkauft. Nicht nur die Boomer haben gepennt. Es ist vielmehr eine politische Klasse über alle Generationen hinweg, die sich von moralischem Druck treiben lässt, statt strukturell zu denken. Das schmälert die Substanz des Buches nicht, aber es macht die Rahmung an manchen Stellen etwas zu eng.
Wo das Buch am meisten überzeugt: die harten Kapitel zu Rente und Verschuldung
Die stärksten Passagen sind die analytischen. Wenn Schäffler das Umlageverfahren auseinandernimmt, wenn er die impliziten Schulden des Sozialsystems neben die explizite Staatsverschuldung stellt, wenn er zeigt, dass Deutschland zwar die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist, aber bei der Börsenkapitalisierung auf Platz 11 liegt – jüngst überholt von Saudi-Arabien –, dann hat das Buch eine Wucht, die über bloße Meinungsmache weit hinausgeht.
Besonders eindrücklich sind die internationalen Vergleiche. Die Schweiz als Beispiel für funktionierende Haushaltsdisziplin und eine Schuldenbremse, die dort tatsächlich eingehalten wird – im Gegensatz zur deutschen, die gerade de facto beerdigt wurde. Schweden als Beweis, dass eine kapitalgedeckte Rentenkomponente keine Utopie ist, sondern gelebte Praxis, die das Land auch finanziell entlastet: Schwedens öffentliche Rentenausgaben liegen bei 7,7 Prozent des BIP, in Deutschland sind es 10,9 Prozent, in Italien 16,2 Prozent. Argentinien als Warnung, wohin es führt, wenn ein Land seine Schulden nicht in den Griff bekommt – aber ebenfalls als Zeichen, dass radikale Reformen möglich sind, wenn der politische Wille da ist. Schäfflers Faszination für Javier Milei mag man für überzogen halten, aber der Verweis auf Argentinien als Gleichzeitigkeit von Verfall und Reformenergie ist clever gewählt.
Stark fand ich auch, was Schäffler zum Zusammenhang zwischen Rentensystem und Kapitalmarkt schreibt. Seine These: Weil das Umlagesystem nichts anspart, entstehen in Deutschland keine großen Kapitalsammelstellen. Ohne Kapitalsammelstellen gibt es keinen tiefen Aktienmarkt. Ohne tiefen Aktienmarkt finden Start-ups keine Finanzierung und wandern ab. Die US-Amerikaner haben 25 Billionen Dollar in Pensionsfonds investiert, Deutschland nicht einmal 400 Milliarden. 58 Prozent der Amerikaner besitzen Aktien, in Deutschland sind es 18 Prozent. Diese Kette ist logisch, und sie erklärt nebenbei auch, warum der deutsche Wohlstand seit Jahren stagniert, obwohl die Welt um uns herum wächst.
Und dann der Opt-out-Vorschlag. Zusammen mit dem Anlegeranwalt Klaus Nieding hat Schäffler einen „Plan B“ entwickelt: Junge Menschen sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Rentenversicherungsbeiträge ganz oder teilweise selbst in Aktien, ETFs oder einen Standardfonds zu investieren, statt sie in ein System zu stecken, das ihnen weniger zurückgeben wird, als sie eingezahlt haben. Das klingt radikal. Ist es wahrscheinlich auch. Aber es ist einer der wenigen konkreten Reformvorschläge in der deutschen Rentendebatte, der nicht bloß an Stellschrauben dreht, sondern die Systemfrage stellt. Dass er diesen Vorschlag auch noch mit einer konkreten Finanzierungsrechnung unterlegt – rund 37 Milliarden Euro jährlich, weniger als der prognostizierte Anstieg der Zinsausgaben im Bundeshaushalt – gibt dem Ganzen eine Ernsthaftigkeit, die man bei vielen Reformvorschlägen vermisst.
„Der Staat ist Bremser, Fehllenker und Teufelchen im Ohr, der sie einlullen, besänftigen und beruhigen will. Doch sie sollten in der Rolle zum Staat nicht Schaf oder Ochse sein, sondern möglichst Fuchs oder Habicht.“
Frank Schäffler
Wo es holprig wird: die Rentenrechnungen und ihre Annahmen
An der konkreten Durchrechnung lässt sich diskutieren. Schäffler unterstellt für seine Opt-out-Modellrechnungen eine Nettorendite von 8,5 Prozent pro Jahr – gemeint ist damit die Rendite nach Fondskosten, aber vor Steuern. Die Steuerkomponente lässt er bewusst heraus, weil auch gesetzliche Renteneinkünfte besteuert werden: Für die Vergleichbarkeit beider Systeme ist das methodisch nachvollziehbar. Der 5-Prozent-Ausgabeaufschlag, der in der Rezension zunächst als generelles Problem benannt wurde, bezieht sich nur auf sein historisches VL-Beispiel aus den Achtzigerjahren – die eigentlichen Zukunftsrechnungen kalkuliert er ohne Aufschlag.
Was bleibt, ist die Frage nach der Renditeannahme selbst. 8,5 Prozent nominal über 45 Jahre sind historisch nicht aus der Luft gegriffen, aber sie liegen am oberen Rand dessen, was breit gestreute Aktienindizes langfristig geliefert haben. Für ein Buch, das einem Mindestlohnempfänger rechnerisch eine Monatsrente von bis zu 8.000 Euro in Aussicht stellt, ist das eine Annahme, die den Leser begeistern soll – und genau deshalb kritisch eingeordnet werden muss. Nicht weil die These falsch wäre, dass kapitalgedeckte Vorsorge dem Umlagesystem überlegen ist. Sondern weil die konkreten Zahlen so spektakulär ausfallen, dass sie eher als Gedankenexperiment denn als belastbare Prognose gelesen werden sollten.
Der Elefant im Raum: 60 Seiten Bitcoin
Und dann das Bitcoin-Kapitel. Fast 60 Seiten lang – das mit Abstand umfangreichste des gesamten Buches. Es beginnt durchaus interessant: Schäfflers Darstellung von Hayeks Idee der Entnationalisierung des Geldes, die Geschichte des Währungswettbewerbs, die Einordnung von Bitcoin in die Cypherpunk-Bewegung. Das ist streckenweise gut geschrieben und historisch fundiert.
Dann kippt es. Aus Analyse wird Bekenntnis. „Bitcoin ist Freiheit“, heißt es. Die Generation Debts müsse sich von den „Fesseln der Notenbanken“ befreien. Die Geschichte des staatlichen Geldes sei „eine Geschichte von Lug und Trug“. Das Kapitel endet mit einer regelrechten Handlungsanleitung: Wallet eröffnen, Cold Wallet einrichten, mit Sats bezahlen, „wo immer Sie können“. Es liest sich wie der Schluss eines Blockchain-Newsletters, nicht wie das Finale eines politökonomischen Sachbuchs.
Mein Grundproblem dabei ist weniger ideologischer Natur als argumentativer. Wer als Alternative zur Entwertung des Fiatgeldes Bitcoin empfiehlt, muss erklären, warum nicht Schweizer Franken, Gold, breit gestreute Aktien-ETFs oder eine Kombination aus allem. Die Fixierung auf Bitcoin als alleiniges Freiheitsinstrument wirkt in einem sonst vielfältig argumentierenden Buch erstaunlich eindimensional. Und sie beschädigt die analytische Kraft der ersten 200 Seiten, die so viel stärker sind als dieser letzte Akt.
Was man Schäffler zugutehalten muss: Er setzt sich mit Gegenpositionen auseinander. Nicht im Modus eines abwägenden Für-und-Wider, sondern im Modus einer klaren Gegenrede. Er greift etwa das Österreich-Argument auf – das hohe Rentenniveau unserer Nachbarn, auf das von linker Seite gern verwiesen wird – und rechnet vor, welchen Preis das hat: 13,7 Prozent des BIP für die gesetzliche Rente, 5,4 Prozent davon aus dem Bundeshaushalt. Er nimmt sich die These der „Sparschwemme“ vor, die Ben Bernanke geprägt hat, und hält dagegen. Er kennt die Einwände, benennt sie, führt sie an – und widerlegt sie dann aus seiner Perspektive. Das ist bei einem Debattenbuch nicht nur erlaubt, sondern genau das, was man erwarten darf. Wer etwas anderes will, muss zu einem anderen Regal greifen.
Der Kulturkampf als Schlussakkord
Am Ende fordert Schäffler etwas, das über Renten- und Finanzpolitik hinausgeht: einen „Kulturkampf für die Freiheit“. Er beruft sich auf Douglass C. North und dessen Konzept der „Shared Mental Models“ – also jener gemeinsamen Denkmuster, die eine Gesellschaft prägen und die sich nicht in einer Legislaturperiode ändern lassen. Seine These: 75 bis 80 Prozent der Gesellschaft hätten ein antiliberales mentales Modell verinnerlicht. Begriffe wie „Solidarität“ oder „soziale Gerechtigkeit“ seien zu politischen Nebelbomben geworden, die jede ernsthafte Reformdebatte erstickten. Was als Zivilgesellschaft begann – im Sinne Lockes: eine Gesellschaft, die durch Vertrag und Recht zusammengehalten wird –, sei längst zum Etikett für staatsfinanzierte NGOs und Klimakleber verkommen.
Man kann das zu hart finden. Aber man sollte es nicht ignorieren. Denn Schäffler hat in einem Punkt recht: Solange die Sprache der Politik dazu dient, Reformen moralisch unmöglich zu machen, wird sich an den Strukturen nichts ändern. Ob sein Kulturkampf-Modell die richtige Antwort darauf ist – oder ob es eher das rhetorische Auslaufmodell einer Boomer-Generation ist, die ihre Ideale nicht durchsetzen konnte –, das wird die Zeit zeigen. Dass er die Frage stellt, ist in jedem Fall mehr, als die meisten Sachbücher zu diesem Thema wagen.
Gestaltung und Preis
Das Paperback mit Klappen ist hochwertig gebunden, das Cover trifft den Ton. Grafiken im Inneren sind funktional, durchweg schwarz-weiß. 22 Euro sind für Umfang und Bindung fair. Stichwortverzeichnis und Literaturverzeichnis sind vorhanden.
„Wir leben seit Langem in einer zentral gelenkten Staatswirtschaft, mit einigen Elementen einer Marktwirtschaft, die aber in der Nische immer mehr zurückgedrängt wird.“
Frank Schäffler
Für wen – und für wen nicht
Dieses Buch ist für Leser, die sich mit Staatsverschuldung, Rente, Eigenverantwortung und Kapitalmarkt beschäftigen wollen, ohne sich durch ein akademisches Werk zu kämpfen. Für alle, die das Gefühl haben, dass in der deutschen Finanz- und Sozialpolitik etwas grundlegend schiefläuft, und einen meinungsstarken Text suchen, der dieses Gefühl mit Argumenten unterfüttert. Weniger geeignet ist es für Leser, die einen neutralen Überblick über verschiedene ökonomische Denkschulen erwarten. Die liberale bis libertäre Haltung muss man nicht teilen, aber man muss sie aushalten, um das Buch zu schätzen.
Fazit
Frank Schäffler hat ein Buch geschrieben, das in seinen besten Momenten analytisch, zugespitzt und beunruhigend aktuell ist. Die Diagnose – dass die gegenwärtige Schulden-, Renten- und Sozialpolitik die kommenden Generationen systematisch belastet – ist angesichts der Zahlen fast zwingend. Die internationalen Vergleiche tragen, der Reformvorschlag ist diskussionswürdig, und die politische Erfahrung des Autors gibt dem Text eine Bodenhaftung, die rein akademischen Analysen oft fehlt.
Warum dann keine 5 Sterne? Weil das Bitcoin-Kapitel den Modus des Buches verschiebt – von Analyse zu Aktivismus – und die Rentenmodellrechnungen mit Renditeannahmen arbeiten, die zwar historisch nicht aus der Luft gegriffen, aber am oberen Rand angesiedelt sind. Hätte Schäffler den Bitcoin-Teil auf ein Drittel seines Umfangs reduziert und die Renditeberechnungen mit zeitgemäßen Annahmen durchgerechnet, wäre ich wahrscheinlich bei 5 Sternen. So bleiben es 4 – mit Respekt für ein Buch, das eine Debatte führt, die dieses Land dringend braucht.
Meine 5 Key Learnings aus Generation Debts: Die Generation, die alles bezahlen muss – von Frank Schäffler:
Ein Rentensystem, das 100 Milliarden Euro Steuerzuschuss im Jahr braucht, hat aufgehört, ein Vertrag zu sein – es ist eine Subvention mit Verfallsdatum.
Dieses Learning hat mich am meisten beschäftigt, weil es so einfach ist. Die gesetzliche Rentenversicherung wird politisch als Generationenvertrag verkauft, als wechselseitige Verpflichtung. Aber ein Vertrag, der nur funktioniert, wenn ein Dritter – der Steuerzahler – jedes Jahr einen dreistelligen Milliardenbetrag zuschießt, ist kein Vertrag. Er ist eine politische Fiktion. Schäffler spricht das aus, und allein dafür lohnt die Lektüre.
Ein Mindestlohnempfänger, der 45 Jahre in den Kapitalmarkt investiert statt ins Umlagesystem, könnte ein Vielfaches dessen zurückbekommen – aber er darf nicht.
Der Opt-out-Vorschlag ist der provokanteste Gedanke des Buches. Nicht weil er utopisch wäre, sondern weil er rechnerisch so naheliegt und politisch trotzdem undenkbar scheint. Die Modellrechnungen arbeiten mit ambitionierten Renditeannahmen, die am oberen Rand des historisch Belegbaren liegen – darüber habe ich in der Rezension geschrieben. Aber selbst mit konservativeren Annahmen bleibt die Grundaussage intakt: Das Umlageverfahren kann mit einem kapitalgedeckten System auf lange Sicht nicht mithalten. Und trotzdem wird jeder junge Mensch gezwungen, in Ersteres einzuzahlen.
Deutschland ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt – und hat den elftgrößten Börsenplatz. Dieser Satz allein erklärt das halbe Problem.
Der unterentwickelte Kapitalmarkt ist für Schäffler kein Zufall, sondern direkte Folge des Umlagesystems. Wo nichts angespart wird, entstehen keine Kapitalsammelstellen. Wo keine Kapitalsammelstellen sind, gibt es keinen tiefen Aktienmarkt. Wo kein Aktienmarkt ist, finden Start-ups keine Finanzierung und wandern ab. In den USA laufen über 70 Prozent der Unternehmensfinanzierungen über den Kapitalmarkt, in Deutschland unter 20 Prozent. Diese Zahl habe ich mir notiert, weil sie so viel erklärt.
Kultureller Wandel braucht Jahrzehnte – und beginnt bei Begriffen, die niemand mehr hinterfragt.
Schäfflers Schlusskapitel über den „Kulturkampf“ ist überraschend tiefgründig. Er zeigt, wie Begriffe wie „Solidarität“, „soziale Gerechtigkeit“ oder „Generationenvertrag“ zu politischen Waffen geworden sind, die jede Reformdebatte im Keim ersticken. Sein Verweis auf Douglass C. North und die „Shared Mental Models“ gibt dem Ganzen ein theoretisches Fundament, das über reine Polemik hinausgeht. Was mich daran am meisten getroffen hat: Schäffler rechnet für einen echten Kulturwandel mit 25 bis 30 Jahren. Das ist kein Optimismus. Das ist Realismus.
Wer Transparenz vom Staat fordert, muss auch seine eigenen Interessenkonflikte offenlegen – das gilt auch für Buchautoren.
Das ist kein Learning aus dem Buch, sondern eines über das Buch. Schäfflers Bitcoin-Engagement ist gut dokumentiert – Verwaltungsrat der Bitcoin Group SE bis 2018, eigene Bitcoin-Bestände, jahrelange öffentliche Advocacy. Nichts davon ist verboten. Aber in einem Buch, das auf fast 60 Seiten für Bitcoin als Freiheitsinstrument argumentiert und am Ende eine Wallet-Anleitung liefert, hätte eine explizite Interessenerklärung nicht geschadet. Transparenz ist keine Einbahnstraße.
Wenn du auf der Suche nach weiteren spannenden Büchern bist, dann findest du unter Buchtipps eine interessante Auswahl aus über 550 ausführlichen Rezensionen. Diese kannst du individuell nach Preis, Seitenanzahl, Themenbereich, Bewertung und Zielgruppe filtern. Solltest du eine vergleichbare Buchempfehlung für mich haben, dann schreib mir doch gerne über meine Social-Media-Kanäle.
Schneller Lesen – Mehr Behalten – Konsequent Umsetzen
Wie Lesen vom Konsum zur echten Veränderung wird
In diesem Online-Kurs zeige ich, wie Lesen wieder zu einem wirkungsvollen Werkzeug wird – für Klarheit, Fokus und bewusste Entscheidungen. Statt reiner Geschwindigkeit steht ein systematischer Ansatz im Mittelpunkt, der Verständnis, Erinnerung und Umsetzung miteinander verbindet.
Der Kurs vereint erprobte Lesetechniken, Erkenntnisse aus Lern- und Wahrnehmungspsychologie sowie praxisnahe Übungen, um Wissen nicht nur aufzunehmen, sondern nachhaltig zu nutzen – im Alltag, im Beruf und im persönlichen Wachstum.
