Buchrezension-Collage: Celine Nadolny liest Hans-Werner Sinns Trump, Putin und die Vereinigten Staaten von Europa, dazu das blaue Herder-Cover und aufgeschlagene Buchseiten.
Politik

Trump, Putin und die Vereinigten Staaten von Europa

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★★★★☆

★★★★☆ TRUMP, PUTIN UND DIE VEREINIGTEN STAATEN VON EUROPA von Hans-Werner Sinn* – Warum dieses Buch die schärfste ökonomische Analyse der transatlantischen Zäsur liefert und warum sie eine zweite, misstrauische Lektüre verlangt.

Achtzig Jahre lang war die deutsche Sicherheit ein Posten, den jemand anderes bezahlt hat. Über Verteidigung ließ sich reden wie über das Wetter, mit Anteilnahme, aber ohne Folgen, weil am Ende ohnehin amerikanische Soldaten geradestanden hätten. Diese Annahme ist im Frühjahr 2025 zerbrochen, und sie ist nicht leise zerbrochen.

Im Inventar der Bundeswehr stehen 313 Kampfpanzer vom Typ Leopard 2. Einsatzfähig waren davon im Jahr 2021, laut dem Bericht des Verteidigungsministeriums zur materiellen Einsatzbereitschaft, 183. Bei den Aufklärungsdrohnen kommt die Truppe auf etwas mehr als 600 Stück, während Russland über 5000 Geran-2-Drohnen pro Monat produziert, in einzelnen Nächten bis zu 700 über der Ukraine. Diese Zahlen beschreiben eine Republik, die ihre Sicherheit jahrzehntelang ausgelagert hat, und seit dem Eklat zwischen Trump und Selenskyj im Oval Office am 28. Februar 2025 lassen sie sich nicht mehr wegmoderieren.

In dieses Vakuum hat Hans-Werner Sinn sein Buch geschrieben, und ich habe es zweimal gelesen. Einmal als Weckruf eines Siebenundsiebzigjährigen, der das Versäumnis seiner Generation noch einmal beim Namen nennen will. Und einmal mit dem Bleistift quer, mit der Frage, die mir bei großen Namen wichtiger ist als bei kleinen: Was steht hier nicht drin, was drinstehen müsste, damit die Analyse ehrlich bleibt? Beide Lesungen ergaben einen Sinn, sie führten nur zu zwei verschiedenen Büchern.

Die Diagnose ist in einem Satz erzählt. Trump entzieht das amerikanische Schutzversprechen und nutzt Zölle plus die anstehende Umstrukturierung der US-Staatsschulden als Hebel, während Putin im Osten weiter Druck macht. Die Therapie ist radikal. Ein neuer europäischer Bundesstaat allein für die Verteidigung, in den Frankreich seine Force de Frappe einbringen soll, wie Deutschland seinerzeit die D-Mark. Das ist die ökonomisch tragfähigste Fassung dieser These, die ich kenne, und zugleich das Werk eines Mannes, der es als politische Plattform betreibt.

Wertung: ★★★★☆ – Sehr gut. Hans-Werner Sinns „Trump, Putin und die Vereinigten Staaten von Europa“ ist die ökonomisch fundierteste deutschsprachige Analyse der transatlantischen Zeitenwende, herausragend im Kapitel über Stephen Mirans Mar-a-Lago-Plan und mutig in der Frage der westlichen Mitverantwortung. Zur Höchstwertung fehlt die Distanz zur eigenen politischen Mission: spürbare Befangenheit, einige aufschlussreiche Auslassungen und ein Schlussvorschlag, der über einen Appell nicht hinauskommt. Ein starkes Buch für Leser, die mitdenken statt nachnicken.

„Moral ist bei der Analyse des geschichtlichen Geschehens kein sinnvolles Werkzeug.“
Hans-Werner Sinn

Mar-a-Lago, oder das beste Kapitel deutscher Wirtschaftsanalyse, das mir 2025 untergekommen ist

Kapitel vier ist das analytische Glanzstück und der Grund, warum Sinn auch dort ernst zu nehmen bleibt, wo er polemisch wird. Er seziert den Mar-a-Lago-Accord, den Stephen Miran im November 2024 als Stratege bei Hudson Bay Capital ausgearbeitet hat, bevor Trump ihn zum Vorsitzenden des Council of Economic Advisers machte. Der Plan läuft, so wie Sinn ihn rekonstruiert, auf einen Zwangsumtausch kurzfristiger Treasury Bills in hundertjährige Century Bonds hinaus, ergänzt um Gebühren für ausländische Halter und eine Umgehung der OECD-Doppelbesteuerungsabkommen. Nach der Definition der Rating-Agenturen wäre das Ergebnis ein Distressed Exchange, ein technischer Default der Vereinigten Staaten.

Das hat in der deutschen Debatte kaum eine Entsprechung. Sinn übersetzt das bewusst undurchsichtige Papier in die Logik der Twin Deficits und des seit der Lehman-Pleite verschwundenen exorbitanten Privilegs und macht daraus eine kühle Bestandsaufnahme. Mirans Schlüsselsatz, den Sinn im Original zitiert, fällt dabei besonders kalt aus:

„Security zones have barbed wires: unless you swap your bills for bonds, tariffs will keep you out.“
Stephen Miran, zitiert nach Hans-Werner Sinn

Daraus zieht Sinn seine härteste Lesart, und ich nehme sie ihm in der ökonomischen Substanz vollständig ab. Wer den Bündnispartnern den Zugang zum eigenen Markt an den Kauf langlaufender Staatsanleihen knüpft, betreibt im Ergebnis verkapptes Schutzgeld. Ob diese Zuspitzung überzogen ist, lässt sich bestreiten. Ob sie ökonomisch trägt, nicht. Unter dieser Linse gelesen, zeigt der EU-USA-Zolldeal vom 27. Juli 2025 mit 15 Prozent Basissatz und milliardenschweren Energie- und Investitionszusagen Europas dasselbe Muster. Hier folge ich Sinn nicht ganz. Seine Methode, mit einer maßlosen Forderung hineinzugehen, um in einem sonst unerreichbaren Deal zu landen, ist aus meiner Sicht ein knallhartes, ziemlich erfolgreiches Verhandeln. Sinn bewertet sie moralisch, im Vokabular von Mafia und Schutzgeld. Das ist eine Einordnung, keine Analyse. Vertretbar bleibt seine Lesart dennoch. Das Belastbare an diesem Kapitel ist die Ökonomie darunter, die moralische Schärfe darf man getrost überlesen.

Wo Sinn ehrlicher ist als das deutsche Feuilleton

Es gehört Mut dazu, in einem deutschen Publikumsverlag aufzuschreiben, was Sinn in Kapitel zwei aufschreibt. Er benennt die Wolfowitz-Doktrin von 1992 als Strategie, jede ernsthafte deutsch-russische Verständigung zu verhindern, die NATO-Osterweiterung als jahrzehntelange Provokation, den Bukarester Gipfel von 2008 mit dem leichtfertigen Beitrittsversprechen an die Ukraine und das geheime Telegramm des späteren CIA-Chefs William Burns vom 1. Februar 2008, überschrieben mit „Nyet means Nyet“, in dem er das US-Außenministerium warnt, dass kein russischer Gesprächspartner einen NATO-Beitritt der Ukraine als etwas anderes denn als direkte Bedrohung begreifen werde. Burns wurde ignoriert.

Das ist heikles Gelände, und Sinn betritt es sauberer als die meisten. Er staffelt seine Kronzeugen mit Bedacht, Klaus von Dohnanyi mit „Nationale Interessen“ und Horst Teltschik, Helmut Kohls einstigen außenpolitischen Chefberater, mit „Russisches Roulette“, beide Stimmen, die eine westliche Mitverantwortung benennen, ohne Russlands völkerrechtliche Alleinschuld zu relativieren. Diese Trennung ist die intellektuelle Hygiene, an der sich der Unterschied zwischen Geschichtswissenschaft und Apologie entscheidet. Sinns moralphilosophischer Satz dazu steht nicht ohne Grund als Motto über dieser Rezension. Diese Lesung unterbleibt in deutschen Redaktionen meist aus Angst vor dem Etikett der Putin-Versteherei, und es ehrt Sinn, dass er sie wagt.

Wo der Analyst zum Aktivisten wird

Eine zweite Ebene tritt hervor, je länger man liest. Sinns Energiewende-Kritik, sein Lebensthema seit „Das grüne Paradoxon“ von 2008, kehrt in Kapitel fünf zurück und schiebt sich in die Verteidigungsdebatte. Er spricht von einer „zutiefst ideologischen, wenn nicht von industriepolitischen Partikularinteressen geleiteten“ Klima- und Energiepolitik. Das Verbrennerverbot wird zum sicherheitspolitischen Risiko erklärt, weil Verteidigung Stahl brauche und Stahl billige Energie. Im Detail ist daran einiges richtig, und ich teile die Skepsis gegen dirigistische Klimapolitik durchaus. In der Komposition aber ist es Sinns altes Steckenpferd, das ein neues Pferderennen bekommt.

Hier liegt sein blinder Fleck. Sinn legt nicht offen, dass er seit 2020 dem Ordnungspolitischen Ausschuss des Wirtschaftsbeirats Bayern vorsitzt, einer CSU-nahen Organisation, die am 15. Dezember 2025 im Bayerischen Hof eine Vortragsveranstaltung mit ihm zu genau diesem Buch ausrichtete. Wer in einem solchen Umfeld denkt und auftritt, schreibt am Ende ein bestimmtes Buch. Sinn schreibt es offen, nur eben nicht reflektiert. Diese Befangenheit ist keine Disqualifikation, sondern eine Lesehilfe. Wo Sinn Mirans Plan analysiert, ist er auf der Höhe seines Fachs. Bei Trumps Zöllen, die er moralisch verhandelt, kämpft er. Beides ist legitim, und beides sollte unterscheidbar bleiben.

Welche Lücken kein Zufall sind, und welche man Sinn nicht vorwerfen darf

An dieser Stelle muss ich ehrlich trennen. Manche Auslassungen schwächen das Buch, andere spiegeln nur meine Lesart. Beides wird gern in einen Topf geworfen. Ich tue es nicht.

Die eine Auslassung wiegt schwer, weil sie gegen Sinns eigene Methode verstößt. Er behandelt die deutsche Ukraine-Hilfe nur im militärischen Strang und blendet die fiskalische Dimension aus. Bis Ende 2025 hat Deutschland nach Angaben der Bundesregierung rund 94 Milliarden Euro geleistet, rund 39 Milliarden zivil und rund 55 Milliarden militärisch. Der EU-Gipfel vom 18. Dezember 2025 hat darüber hinaus 90 Milliarden Euro Kredit für 2026 und 2027 zugesagt, am Ende über Kapitalmarktanleihen, weil der bevorzugte Reparationskredit auf Basis eingefrorener russischer Vermögen am belgischen Widerstand scheiterte. Zurückgezahlt werden soll er, sobald Russland Reparationen leistet. Eine Hoffnung trägt hier die Statik einer Haushaltsplanung. Für einen Ökonomen mit lebenslangem Twin-Deficit-Schwerpunkt ist das bemerkenswert, denn Trumps unbequeme Frage, warum die USA dafür zahlen sollen, gewinnt an Wucht, sobald die deutsche Last ausgesprochen wird, die Sinn konsequent ausspart.

Ähnlich liegt es bei der deutschen Medienrolle. Sinn beschreibt Trump durchgängig im Vokabular der dominanten Berichterstattung, mit Vorwürfen von Erpressung und mafiösem Gebaren. Was fehlt, ist die andere Seite der Zerrüttung, der „Spiegel“-Titel von 2017 mit Trump und abgetrennter Freiheitsstatue, der „Atlantic“-Artikel von 2024 mit der Überschrift „Trump Is Speaking Like Hitler, Stalin, and Mussolini“, die nach den Attentaten auf Trump auch in deutschen Redaktionen aufkommende Frage, ob die jahrelange Trump-Hitler-Gleichsetzung nicht selbst Gewalt nahegelegt habe. Wer eine Beziehung als zerrüttet beschreibt, sollte erwähnen, dass auf europäischer Seite kräftig mitgearbeitet wurde. Sinn ist sonst der Erste, der dem Mainstream widerspricht. Dass er ihm hier folgt, fällt hinter sein sonstiges Niveau zurück.

Und dann gibt es die Lücken, die ich als liberale Leserin vermisse, die ich Sinn aber fairerweise nicht ankreide, weil sie nicht sein Thema sind. Die konkreteste Spur westlicher Einflussnahme auf den Euromaidan, das abgehörte Telefonat von Victoria Nuland und Geoffrey Pyatt von 2014 samt dem berühmten „Fuck the EU“, streift er nur als allgemeine Farbrevolution. Beim Demokratiedefizit der EU lässt er die naheliegenden Fälle aus, den Pfizergate-Komplex um von der Leyens SMS an den Pfizer-Chef, in dem das EU-Gericht im Mai 2025 die Geheimhaltung für rechtswidrig erklärte, oder die Verurteilung Christine Lagardes wegen Fahrlässigkeit im Amt, die heute dennoch die EZB führt. Ich hätte das hineingeschrieben. Sinn aber schreibt ein Buch über Sicherheit, Schulden und einen Verteidigungsbund, keine Skandalgeschichte Brüssels. Wer ihm das als Fehler vorhält, verwechselt die eigene Wunschagenda mit seinem Buchauftrag, und an dieser Verwechslung scheitert faire Kritik.

Hayek gegen Sinn, oder warum der Lösungsteil schwächer ist als die Diagnose

Am stärksten beschäftigt hat mich etwas Tieferes als die einzelnen Auslassungen, eine Spannung im Fundament. Sinn bekennt sich, wie schon in seiner intellektuellen Autobiografie, offen zu Hayek. Er bezeichnet sich als nationalliberal und hat ein wissenschaftliches Leben dem Nachweis gewidmet, dass politische Übergriffigkeit, vor allem in der Eurozone, ökonomische Verzerrungen erzeugt. Targetsalden, Bailouts, Eurobonds, all das hat er als institutionelles Eigentor benannt.

Und derselbe Ökonom schlägt nun einen neuen Bundesstaat zusätzlich zur EU vor, mit eigenem Parlament, einer Sicherheitsregierung, einem gemeinsamen Generalstab und einem Verteidigungsbudget von fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts, finanziert über einen Mehrwertsteueraufschlag statt über Schulden. Nun bin ich die Letzte, die jeden Ruf nach mehr Staat reflexhaft niederschreibt. Zwei seiner Bausteine sind verteidigbar. Die Finanzierung über die Mehrwertsteuer statt über Schulden ist sogar zutiefst sinnsch, sie entspricht seiner Abneigung gegen schuldenfinanzierte Politik. Und die kollektive Verteidigung ist das Lehrbuchbeispiel jener wenigen Aufgaben, die selbst ein schlanker Staat übernehmen muss, ein klassisches öffentliches Gut. Eine Verteidigungsföderation ist also nicht per se unliberal.

Der wunde Punkt liegt woanders. Sinn begründet nicht, warum es ein neuer supranationaler Staat sein muss und nicht der mildere Weg, verstärkte NATO-Strukturen, bilaterale Allianzen, eine ernsthafte nationale Verteidigungsanstrengung. Diese Alternativen prüft er nicht, er springt in die Föderation. Wer Subsidiarität ein Leben lang zum Maßstab erhoben hat, dem traut man diesen Sprung nicht ohne Begründung zu, und die bleibt aus. Am Ende verdichtet sich das in seinem Kernsatz:

„Frankreichs Problem ist mittlerweile ein Problem für Europa geworden.“
Hans-Werner Sinn

Der Satz stimmt, soweit er Frankreichs alleinige Verfügung über seine Atomwaffen als europäische Schwachstelle benennt. Er löst nur das Problem nicht, das er beschreibt. Macron hat am 5. März 2025 ausdrücklich gesagt, dass der rote Knopf im Élysée bleibt, und Sinn zitiert das selbst. Sein Buch endet, indem es eine Forderung an Frankreich richtet, die Frankreich bereits zurückgewiesen hat. Das bleibt ein Appell, mehr nicht, und es ist der Grund, warum ein ökonomisch brillantes Buch in seinem konstruktiven Teil weicher wird, als es selbst gern wäre.


Hans-Werner Sinn, Ökonom, Streitlustiger, Vermächtnis-Architekt

Hans-Werner Sinn, Jahrgang 1948, ist der einflussreichste deutschsprachige Ökonom der breiten Öffentlichkeit, vermutlich vor Clemens Fuest, sicher vor Veronika Grimm. Von 1984 bis 2016 lehrte er an der LMU München, von 1999 bis 2016 leitete er das ifo Institut, das er zu einem international anschlussfähigen Forschungsverbund ausgebaut hat. Der Deutsche Hochschulverband kürte ihn zum Hochschullehrer des Jahres.

Politisch verortet er sich selbst als nationalliberal, in der Tradition zwischen Hayek, Eucken und Musgrave, Sozialstaatsbefürworter und Eurozonen-Skeptiker zugleich. Seine bekanntesten Bücher zeichnen ein konsistentes Lebenswerk. „Das grüne Paradoxon“ gegen die deutsche Energiewende, „Die Target-Falle“ gegen die Konstruktion der EZB, „Der Schwarze Juni“ gegen die EU-Migrationspolitik, „Die wundersame Geldvermehrung“ gegen die Niedrigzinspolitik. „Trump, Putin und die Vereinigten Staaten von Europa“ ist das jüngste Glied dieser Kette, vermutlich das politischste, sicher das mit der größten konstruktiven Ambition.

Mitschwingen lässt das Buch die biografische Lage, in der es entstanden ist. Sinns Frau Gerlinde, mit der er über fünf Jahrzehnte verheiratet war, ist 2023 verstorben. In der Danksagung dankt er ausdrücklich seiner ukrainischen Haushälterin Iryna Lyutak, die ihm „nach dem Tode meiner geliebten Frau Gerlinde den Rücken freigehalten“ hat. Den Vermächtnis-Charakter macht aber vor allem die Widmung sichtbar. Sinn widmet das Buch seinen jüngsten Enkeln Lucille und Erik, „denen ich im Gegensatz zu ihren älteren Cousins noch kein Buch habe widmen können“, und gibt ihnen einen Auftrag mit: „Haltet Europa zusammen, wenn Ihr groß seid!“ An den Lücken in der Analyse ändert das nichts.


Gestaltung, Preis und was drum herum auffällt

Das Hardcover ist solide gebunden, das Cover seriös, die Innengestaltung klassisch. Personenregister, Stichwortverzeichnis und ein umfangreicher Anmerkungsapparat ab Seite 295 zeigen Herder-Sorgfalt. Das achtzehnseitige Literaturverzeichnis ist bei einem in Monaten geschriebenen Buch keine Selbstverständlichkeit. Bei 25 Euro für 352 Seiten ist das Preis-Leistungs-Verhältnis angemessen, eher fair als günstig.

Für wen sich das Buch lohnt, und für wen nicht

Dieses Buch ist für dich, wenn du die deutsche Verteidigungs- und Wirtschaftsdebatte ökonomisch fundiert verstehen und Mirans Mar-a-Lago-Plan ganz nachvollziehen willst. Auf hohem Niveau über transatlantische Sicherheit nachzudenken, geht kaum an Sinn vorbei. Weniger geeignet ist es, wenn du ein unparteiisches Werk erwartest, denn die Mission steht zwischen den Zeilen und manchmal mittendrin.

Fazit

Vier Sterne, mit klarem Bewusstsein für den fehlenden fünften. Sinn hat Mirans Mar-a-Lago-Plan so klar seziert wie kaum jemand sonst im deutschsprachigen Raum, und er bringt den Mut auf, die Wolfowitz-Doktrin und die NATO-Provokationsthese in einem deutschen Publikumsverlag offen zu vertreten. Sein historischer Rückgriff auf Friedrich List und den Deutschen Zollverein, mit dem er Trumps Zollkurs kontert, ist elegant, seine Wiederbelebung der Mitterrand-Erzählung über D-Mark und Force de Frappe gehört zu den Geschichtskapiteln, die im deutschen Bewusstsein wieder ankommen sollten. Das ist die Substanz, die ein „sehr gut“ trägt.

Zum fünften Stern fehlt nicht die Analyse, sondern die Distanz zu sich selbst. Da ist die fiskalische Realität der deutschen Ukraine-Hilfe, auf deren Reparationshoffnung die EU-Kredite ruhen; da ist die deutsche Mitverantwortung für die transatlantische Erosion, die Sinn als Mainstream-Kritiker eigentlich kennt; und vor allem die ungelöste Spannung zwischen dem Hayek-Erben und dem Architekten eines neuen Bundesstaats, dessen institutionellen Sprung er fordert, aber nicht begründet. Wer dieses Buch liest und nur findet, was auf Sinns Spuren liegt, hat es nicht zu Ende gedacht. Erst wer die drei Schichten erkennt, ökonomische Analyse, politisches Manifest und persönliches Vermächtnis, und sie auseinanderhält, hält ein wichtiges Werk in der Hand. Es verdient Respekt, und es verdient die kritische Lesung, die Sinn selbst von anderen verlangt. Vier verdiente Sterne.


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Meine 5 Key Learnings aus Trump, Putin und die Vereinigten Staaten von Europa – von Hans-Werner Sinn:

Trumps Zölle sind in Wahrheit ein Schuldenhebel

Der Mar-a-Lago-Plan von Stephen Miran ist keine Verschwörungstheorie, sondern ein durchgerechnetes Konzept. Sein Kern, der erzwungene Tausch kurzfristiger US-Anleihen gegen hundertjährige Century Bonds, entspricht nach der Definition der Rating-Agenturen einem technischen Default. Die hohen Zölle sind in dieser Logik der Hebel, der die Bündnispartner zum Mitmachen zwingt.

Amerikas exorbitantes Privileg bröckelt

Das exorbitante Privileg der USA, sich praktisch unbegrenzt in eigener Währung verschulden zu können, ist seit der Lehman-Pleite stark erodiert. Wer Trumps Zoll- und Schuldenpolitik verstehen will, muss bei den Twin Deficits und der amerikanischen Auslandsverschuldung ansetzen, nicht bei der Tagespolitik.

Alleinschuld und Mitverantwortung schließen sich nicht aus

Schuldfrage und Verständnisfrage sind zweierlei. Russland trägt die völkerrechtliche Alleinschuld am Krieg. Das schließt nicht aus, dass westliche Entscheidungen, von der Wolfowitz-Doktrin über die NATO-Osterweiterung bis zum ignorierten Burns-Telegramm, eine diplomatische Mitverantwortung tragen. Wer das eine sagt, leugnet nicht das andere.

Nicht die Verteidigung ist das Problem, sondern der neue Staat

Eine gemeinsame Verteidigung ist ein öffentliches Gut und damit eine der wenigen Aufgaben, die auch ein liberaler Staat übernehmen muss. Der eigentliche Streitpunkt an Sinns Vorschlag ist die Gründung eines ganz neuen supranationalen Staats, für den die milderen Alternativen ungeprüft bleiben, nicht die Finanzierung über die Mehrwertsteuer, die sogar schuldenvermeidend wirkt.

Frankreichs Atomwaffe ist Europas Achillesferse

Frankreichs nationale Verfügung über die Force de Frappe ist Europas sicherheitspolitische Achillesferse. Solange der rote Knopf allein im Élysée liegt, bleibt die europäische Abschreckung eine Leihgabe. Sinns Forderung, Frankreich müsse seine Atomwaffe europäisieren wie Deutschland einst die D-Mark, ist der wunde Kern der Debatte, und er bleibt ungelöst.

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