Celine von Book of Finance mit Giovanni Fantaccis Sachbuch Hausarzt 4.0, Buchrezension mit Cover und Innenseiten.
Wissen & Gesundheit

Hausarzt 4.0

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★★★★☆

★★★★☆ HAUSARZT 4.0 von Giovanni Fantacci* – Warum der beste Arzt selbst die Arznei ist. anzeige

Fast jeder, der in den letzten Jahren ernsthaft krank war, kennt diesen Moment. Du sitzt einem Spezialisten gegenüber, der dein MRT bis ins letzte Pixel deuten kann und deinen Namen vergessen hat, sobald die Tür ins Schloss fällt. Ein Knie, eine Schilddrüse, ein Befund, das sieht er. Dich sieht er nicht. Du verlässt die Praxis gründlich vermessen und trotzdem nicht behandelt.

Diese Lücke ist das eigentliche Thema von Giovanni Fantaccis Buch, auch wenn der Titel etwas anderes verspricht. Seit fast dreißig Jahren führt er eine Hausarztpraxis in Niederhasli bei Zürich, über 4000 Patienten im Jahr, 20 000 Konsultationen. Mit knapp sechzig hat er sich hingesetzt und aufgeschrieben, was diese Jahre ihn über Medizin, Sterben, Würde und das gelingende Leben gelehrt haben. Herausgekommen ist ein schmaler Essay, weit unter dem Radar erschienen, der trotzdem mehr leistet als so mancher Spiegel-Bestseller.

Mich interessiert an diesem Buch noch etwas anderes, und das hat mit dem Markt zu tun. Es geht ihm nicht allein um eine medizinische Entfremdung. Er beschreibt auch, was geschieht, wenn Beziehungsarbeit zum Skalierungsobjekt wird und Investoren beginnen, Hausarztpraxen aufzukaufen. Wer aus der Finanzwelt kommt, kennt diese Mechanik aus einem Dutzend anderer Branchen. Selten habe ich sie so präzise beschrieben gefunden, und das von jemandem, der mitten drinsteckt.

Meine Wertung vorweg, weil viele von euch genau das zuerst wissen wollen: vier von fünf Sternen. „Hausarzt 4.0“ von Giovanni Fantacci ist ein gediegener, ehrlicher Essay eines erfahrenen Praktikers, dessen Stärke aus gelebter Erfahrung und ethischer Klarheit erwächst, nicht aus literarischer Brillanz. Am stärksten ist das Buch in der Medizinethik, bei der Würde schwer behinderter Menschen und der Verteidigung der Vertrauensbeziehung zwischen Arzt und Patient. Am schwächsten ist es dort, wo es zu viel auf zu wenig Seiten presst und wo das schicke „4.0“-Etikett mehr verspricht, als der Text einlöst. Für fünf Sterne fehlen der literarische Atem und die strukturelle Disziplin. Für drei wäre es viel zu gut.

Eine Stelle steht für den ganzen Ton des Buches. Fantacci weigert sich, dem modernen Wellness-Versprechen nachzulaufen, man könne sich mit genug Gemüse, genug Schritten und genug Selbstoptimierung unsterblich machen:

„Trotzdem können wir krank werden! Und ja, kein Mensch stirbt gesund!“
Giovanni Fantacci

Sein Realismus in einem Satz. Krankheit ist keine Strafe und kein persönliches Versagen, sie gehört zum Leben. Diese Haltung zieht sich durch das ganze Buch, und sie ist erwachsener als das, was die meisten Gesundheitsratgeber verkaufen.

Der Arzt als Arznei

Das Herzstück von Fantaccis Medizinverständnis ist eine alte Idee, die er dem ungarischen Psychoanalytiker Michael Balint verdankt: Der Arzt selbst ist ein Heilmittel, „das am allerhäufigsten verwendete Heilmittel“ sogar. Nicht das Rezept heilt, sondern die Beziehung, in der es ausgestellt wird. Wer einen Patienten über Jahre kennt, sein Umfeld, seine Ängste, seine Geschichte, erreicht mit einem kurzen Gespräch oft mehr als eine Notfallstation mit ihrer ganzen Apparatemedizin.

Das unterfüttert er sauber. Er referiert die vier Modelle der Arzt-Patienten-Beziehung, die Ezekiel und Linda Emanuel 1992 beschrieben haben: das paternalistische, in dem der Arzt am besten weiß, was gut ist; das informative, in dem er nur Informationen liefert und der Patient als souveräner Konsument entscheidet; das interpretative, das die nüchterne Information in die Lebensumstände einordnet; und das deliberative, partnerschaftliche Modell, das er selbst bevorzugt und in dem beide gemeinsam einen Behandlungsplan erarbeiten. Lehrbuchstoff, den der Autor lebendig macht, weil er ihn an konkreten Fällen aus der eigenen Sprechstunde durchspielt: an der Rückenoperation, die voreilig gewünscht wird, an der Untersuchung, die aus Angst gefordert wird und nichts bringt.

Was dieses Buch trägt, ist seine Authentizität, und ich meine damit keine Marketingvokabel. Manche Passagen könnte sich kein Autor ausdenken. Er beschreibt eine junge kosovo-albanische Frau, Mutter von vier Kindern, mit einem Non-Hodgkin-Lymphom, deren Tumorwachstum er als junger Arzt mit den eigenen Händen durch die Bauchdecke ertasten konnte. Als klar wurde, dass sie nicht zu retten war, riet man ihr, in ihr Heimatland zurückzureisen, „da ein Lebendtransport wesentlich günstiger sei als ein Leichentransport“. Einen solchen Satz glättet ein populäres Sachbuch normalerweise oder streicht ihn ganz. Bei Fantacci steht er, weil er stimmt. Genauso die Passagen über den Tod seiner Schwester, die 2008 mit zweiundvierzig an einem Tumor starb, und über seinen Vater, dessen Palliativbehandlung er kurz vor dem Tod selbst übernahm, weil der zuständige Hausarzt nicht erreichbar war. So schreibt nur, wer die Medizin aus dem Leben kennt und nicht aus der Klinik-Idealwelt.

Sprachlich bleibt das Buch dabei zurückhaltend, fast nüchtern. Die Substanz dieser Stellen aber braucht keine Verzierung, sie wirkt, weil sie wahr ist.

Würde, die man sich nicht verdienen muss

Nach knapp 1000 gelesenen Sachbüchern darf ich sagen, wo dieses Buch wirklich groß wird. Das Kapitel über Menschen mit Beeinträchtigungen bildet das intellektuelle Zentrum, mutiger und sauberer gearbeitet, als man es einem schmalen Hausarzt-Essay zutrauen würde.

Fantacci legt sich mit Peter Singer an, dem australischen Philosophen und prominentesten Vertreter des Präferenzutilitarismus. Singers Position, fair und ohne Strohmann referiert, läuft darauf hinaus, dass ein schwer behinderter Säugling kein Bewusstsein und keine zukunftsbezogenen Interessen habe, seine Tötung also unter Umständen ethisch vertretbar sei. Eine These, an der sich seit Jahrzehnten die Geister scheiden. Fantacci hält ihr kein empörtes Machtwort entgegen. Er baut ein durchdachtes ethisches Gebäude. Vier Begründungslinien für die Menschenwürde staffelt er: Kant, der sie aus der Vernunftbegabung herleitet; Avishai Margalit, der sie negativ über Demütigung und Kränkung bestimmt; Martha Nussbaums Befähigungsansatz, der die Ermöglichung menschlicher Grundfunktionen ins Zentrum stellt; und die theologische Begründung über Gottesebenbildlichkeit und Inkarnation.

Dann, und diese Stelle ließ mich beim Lesen innehalten, geht er an genau die Grenze, an der utilitaristische Argumente am ehesten greifen: an den Menschen, der nicht kommunizieren kann, der über eine Magensonde ernährt wird, bei dem selbst Nussbaums Fähigkeitsansatz nicht mehr greift. Und er weicht nicht aus:

„Menschen mit so schweren Behinderungen haben trotzdem ihre Würde, weil sie Menschen sind.“
Giovanni Fantacci

Keine schwammige Humanismus-Phrase. Eine ethische Linie, bewusst gezogen und gegen den Widerstand der scharfsinnigsten Gegenposition verteidigt. Fantacci beruft sich dabei auf den Heilpädagogen Urs Haeberlin, der Singers Theorie 2017 kritisch hinterfragt und vor der Relativierung des Lebensrechts gewarnt hat. Selten begegnet mir eine so klare Würdebegründung, die weder ins Pathetische noch ins Dogmatische kippt. Für mich der Höhepunkt des Buches, einer, der quer durch alle Lager Zustimmung finden kann.

Wenn die Rendite den Hausarzt kauft

Jetzt zu dem Punkt, der speziell euch interessieren dürfte. Fantacci beschreibt eine Entwicklung, die in der Schweiz wie in Deutschland längst läuft: Investorengesellschaften kaufen Hausarztpraxen auf. Die Ärzte werden zu Angestellten, die Praxis zum Skalierungsobjekt, die ärztliche Entscheidung dem Renditeziel untergeordnet. Er bringt es auf eine Formel, die sitzt:

„Dann geht es nur noch um Effizienzsteigerung und Skalierbarkeit von Geschäftsmodellen, um den Gewinn zu maximieren. Die Ärzte werden zu Angestellten dieser Investoren, sie handeln und arbeiten nicht mehr eigenverantwortlich.“
Giovanni Fantacci

Hier tut Fantacci etwas, das die meisten in dieser Debatte nicht hinbekommen. Er attackiert weder „den Markt“ noch „den Kapitalismus“, die schwache, reflexhafte Position. Er zielt auf eine ganz bestimmte strukturelle Entwicklung: die Verdrängung der ärztlichen Eigenverantwortung durch anonyme Kapitalkonzentration. Ein wesentlicher Unterschied, und er macht ihn glaubwürdig, denn ein Gegner unternehmerischer Strukturen ist dieser Arzt nicht. Seine eigene Einzelpraxis ist über die Jahre zu einer Gruppenpraxis mit mehreren Ärzten gewachsen, den Zusammenschluss kleinerer Praxen zu größeren Netzen begrüßt er ausdrücklich. Sein Problem ist weder die Größe noch die Rechtsform. Sein Problem ist, wer am Ende über die Behandlung entscheidet: der Arzt aus medizinischem Urteil oder der Investor aus Renditelogik.

Diese Differenzierung teile ich, und ich sage gleich dazu, dass ich aus einer marktliberalen Ecke komme. Eigenverantwortung, unternehmerische Freiheit, Skepsis gegenüber Bevormundung, das ist meine Grundhaltung. Ein selbständiger, eigenverantwortlich handelnder Arzt verkörpert eben diese Freiheit. Eine anonyme Kapitalgesellschaft, die ärztliche Entscheidungen an Quartalszahlen bindet, verkörpert sie nicht. In Deutschland wird die Auseinandersetzung um die Medizinischen Versorgungszentren und ihre Übernahme durch Private Equity intensiv geführt. Wer Fantaccis Diagnose liest, hat eine Folie, um diese Debatte zu verstehen.

Zur Fairness gehört die Gegenseite, und die ist nicht trivial. Praxisketten und Versorgungszentren bringen Kapital für teure Diagnostik auf, das ein einzelner Hausarzt nie stemmen könnte. Sie nehmen jungen Ärzten das wirtschaftliche Risiko der eigenen Niederlassung ab und ermöglichen eine Vereinbarkeit von Beruf und Leben, die in der klassischen Einzelpraxis kaum vorgesehen war. Mancherorts sichern sie überhaupt erst eine Versorgung, wo sich keine Einzelpraxis mehr hält. Auf diese Seite geht Fantacci kaum ein, eine Lücke. Sein Kernpunkt aber bleibt stehen: Sobald nicht mehr das medizinische Urteil, sondern die Skalierbarkeit die Richtung vorgibt, verlieren Arzt und Patient zugleich.

Eine zweite Beobachtung fand ich überraschend stark. Tief skeptisch ist er gegenüber dem Patienten als reinem Konsumenten. Das informative Modell, in dem der Patient mit einer Wunschliste in die Sprechstunde kommt und unnötige Untersuchungen einfordert, führe zu ethisch fragwürdigen Auswüchsen, wie man sie in der Schönheitschirurgie längst sehe. Bemerkenswert, weil hier die andere Seite der Eigenverantwortungs-Medaille aufscheint. Autonomie des Patienten, ja. Aber der Patient als souveräner Kunde, der Medizin bestellt wie eine Ware, taugt nicht zum Ideal, er steht für eine ethische Erosion. Über diese Spannung lohnt das Nachdenken, gerade wenn man wie ich die Eigenverantwortung hochhält.

Für wen lohnt sich das Buch, und wo bleibt es hinter sich selbst?

So viel zu den Stärken. Jetzt zu den Stellen, an denen das Buch hinter seinen eigenen Möglichkeiten zurückbleibt, und davon gibt es einige.

Fangen wir beim Titel an. „Hausarzt 4.0“ klingt nach einem durchgezogenen Konzept, das der Titel dann nicht einlöst. Er leitet das Etikett aus den industriellen Revolutionen ab: Mechanisierung, Massenfertigung, Digitalisierung, Verschmelzung von Mensch und Maschine. Daraus periodisiert er den Arztberuf von der Antike als 1.0 bis zum heutigen Hausarzt als 4.0. In der Einleitung wirkt das reizvoll. Danach trägt die Idee nichts mehr, wird nie ernsthaft eingelöst und bleibt der Marketing-Lack auf einem Buch, das ihn nicht nötig hätte. Das eigentliche Thema, die ganzheitliche, beziehungsgetragene Medizin gegen die fragmentierte Spezialistenwelt, hat Substanz. Es hätte einen Titel verdient, der sie fasst, statt sie hinter einer Versionsnummer zu verstecken.

Der zweite Punkt ist struktureller Natur. Er packt zu viel auf zu wenig Raum: Medizingeschichte, Krankheitsbegriff, Resilienz, die Ökonomie der Hausarztpraxis, Ethik, die Arzt-Patienten-Beziehung, Sterben und Trauer, Glaube und Weltreligionen, Lebensstil-Veränderung, Behindertenethik, die Frage nach Glück und Sinn. Ein Programm für ein 400-Seiten-Buch, gepresst in ein 150-Seiten-Korsett. Manche Kapitel sind dicht und tragen: das Behindertenkapitel, das Sterbekapitel, weite Strecken der Arzt-Patienten-Beziehung. Andere streifen ihren Gegenstand nur. Das Schlusskapitel über Glück und Sinn arbeitet sich auf knapp fünfundzwanzig Seiten durch Stoa, Epikur, die Neurobiologie nach Tobias Esch, Seligmans PERMA-Modell, den Existenzialismus und Wilhelm Schmid. Mehr Mut zur Auswahl hätte dem Buch gutgetan.

Daraus folgt fast zwangsläufig das nächste Problem, die Wiederholungen. Den Resilienzgedanken, im Kern Antonovskys Kohärenzmodell, entfaltet Kapitel vier ausführlich und nimmt ihn in den Kapiteln neun und elf erneut auf, ohne dass viel Neues hinzukommt. Auch die Stoa kehrt mehrfach wieder, einmal als Motivationshilfe, einmal als Glückslehre. Bei einem dicken Werk verzeiht man das. Auf 150 Seiten fällt es auf.

Zuletzt die Sprache. Ich sage es ungern, weil Fantacci offenkundig sorgfältig formuliert. Sein Buch bleibt dennoch funktional, klar und gut lesbar, und doch brennt sich kaum ein Satz ein. Denke ich an Atul Gawandes „Sterblich sein“ oder Henry Marshs „Um Leben und Tod“, beides Bücher mit thematischer Nähe, dann tragen die einen literarischen Atem, den dieser Essay nicht hat. Fair betrachtet: Ganz ohne haftende Bilder kommt das Buch nicht aus. Die Geschichte vom Mann, der jeden Tag Bohnen in die Tasche steckt, um die schönen Momente bewusster zu zählen, bleibt hängen, ebenso Balints Bild von der „Droge Arzt“. Nur sind das eher Anekdote und geliehene Metapher als selbst geschmiedete Prosa. Inhaltlich steht Fantacci den genannten Autoren in nichts nach. Es ist eine Frage der Verdichtung und des Rhythmus.

Den Punkt, der mich am meisten beschäftigt hat, hebe ich mir für den Schluss auf. Fantacci nennt sein Buch ein Plädoyer. Die politische Konsequenz aber zieht er im Buch nicht durch. Er beschreibt die Krise der Hausarztmedizin, diagnostiziert die Investorenübernahmen, verteidigt die Vertrauensbeziehung. Und dann? Was wäre die Lösung? Dabei kann er anders. Im Interview mit dem Branchendienst medinside vom September 2024 wird er konkret und scharf: ein Gatekeeper-Modell nach holländischem und dänischem Vorbild, bei dem der Hausarzt eine echte Steuerungsfunktion bekäme; der Numerus Clausus als eine der fatalen Weichenstellungen in den heutigen Ärztemangel; die ausufernde Bürokratie, vier Ordner Papier allein zu Qualitätsfragen. Diese Schärfe vermisse ich im Buch. Wer ein Plädoyer schreibt, hätte das Schlusskapitel mit einer politischen Pointe beenden können, ja müssen. Stattdessen klingt das Buch mit Wilhelm Schmid und der Lebenskunst aus. Das ist nicht falsch, doch es entlässt den Leser nachdenklich, nicht aufgerüttelt. Für ein Plädoyer eine vergebene Chance.

Zwei kleinere Dinge noch. Durchgehend ist das Buch gegendert, mit Paarformen auf nahezu jeder Seite, was den Lesefluss zäh macht. Bei der Corona-Pandemie urteilt der sonst so differenzierte Autor zudem knapper als gewohnt. Zur Fairness gehört: Er attackiert keine pauschale Maßnahmenkritik, er benennt zwei klar bezeichnete Verschwörungserzählungen, die versteckte Regierungsagenda und die Leugnung des Virus überhaupt. Im engen Sinn hat er recht, eine Randnotiz, mehr nicht.


Wer ist Giovanni Fantacci?

Giovanni Fantacci, Jahrgang 1962, ist in Zürich geboren und aufgewachsen. Sein Medizinstudium schloss er 1989 ab, unter anderem bei dem späteren Nobelpreisträger Rolf Zinkernagel. Nach Weiterbildungen in verschiedenen Schweizer Spitälern übernahm er 1997 in Niederhasli im Kanton Zürich eine Hausarztpraxis. Aus der Einzelpraxis wurde über die Jahre eine Gruppenpraxis.

Zwei Stationen erklären, warum Ethik und Behindertenphilosophie im Buch so viel Gewicht bekommen. Von 2008 bis 2013 leitete Fantacci die Ethikkommission im Gesundheitszentrum Dielsdorf, und seit vielen Jahren ist er konsiliarischer Arzt der Stiftung Vivendra, einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigungen. Angelesene Theorie ist das nicht. Gelebte Praxis, und man merkt sie dem Buch an. Wo der von ihm viel zitierte Medizinethiker Giovanni Maio Akademiker ist, ist Fantacci der Praktiker, der sich die Philosophie selbst erarbeitet hat. Diese Kombination ist selten.

„Hausarzt 4.0“ ist sein erstes Buch, geschrieben, als er sechzig wurde und einigen Fragen, die ihn ein Berufsleben lang begleitet hatten, endlich tiefer nachgehen wollte. Erschienen ist es 2024 bei der edition gai saber, einem kleinen literarisch-philosophischen Zürcher Verlag, dessen Name an die „heitere Kunst“ der Troubadour-Poesie anknüpft. Ein Haus, das sich auf die Fahne schreibt, anderen Meinungen mit Respekt zu begegnen. Das passt zu diesem Buch besser als jede Versionsnummer.


Mein Fazit

„Hausarzt 4.0“ ist kein literarisches Meisterwerk, kein Bestseller im klassischen Sinn, kein politisches Manifest. Etwas Selteneres ist es geworden: ein Buch der Mitte. Zwischen wissenschaftlichem Rationalismus und Offenheit für das, was sich nicht messen lässt. Zwischen ethischer Klarheit und ärztlicher Demut. Zwischen Eigenverantwortung und der Einsicht, dass der Mensch eben doch abhängig und hilfsbedürftig ist. Wer ein Buch sucht, das zum Nachdenken über Medizin einlädt, über das Sterben, über die Würde des Menschen und über die Frage, was eine gute Behandlung eigentlich ausmacht, greift hier zu. Wer literarische Wucht oder ein fertiges politisches Rezept erwartet, wird enttäuscht.

Vier Sterne. Ein gediegener, ehrlicher Essay, der mit dem eigenen Konzept ringt, ohne daran zu zerbrechen. Lesenswert für alle, die in der Medizin den Menschen suchen, nicht den Befund.


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Meine 5 Key Learnings aus Hausarzt 4.0 – von Giovanni Fantacci:

Die beste Diagnostik ist Vertrauen

Der Arzt ist die Arznei. Über Jahre gewachsenes Vertrauen wirkt oft stärker als jedes Rezept. Wer die Geschichte eines Menschen kennt, braucht für die Diagnose manchmal nur ein Gespräch. Der Gedanke stammt vom Psychoanalytiker Michael Balint, für den der Arzt selbst das am häufigsten eingesetzte Heilmittel war.

Sterblichkeit lässt sich nicht wegoptimieren

Niemand stirbt gesund. Wer Krankheit als Scheitern oder Strafe deutet, macht sie schwerer, als sie ist. Dieser Realismus ist reifer als jedes Versprechen ewiger Selbstoptimierung. Wer wie Fantacci über Jahre viele Sterbende begleitet hat, sagt so einen Satz ehrlicherweise mit anderem Gewicht als ein Ratgeber-Autor.

Menschenwürde kennt keine Bedingung

Würde verdient man sich nicht. Auch wer sich nicht mehr mitteilen kann und über eine Sonde ernährt wird, bleibt im Vollsinn Mensch. Diese Grenze zieht Fantacci gegen den schärfsten utilitaristischen Einwand. Er begründet sie über vier Linien, von Kant über Nussbaum bis zur theologischen Tradition, statt sie zum bloßen Machtwort zu erklären.

Wo Autonomie zur Selbstbedienung wird

Der Patient ist kein Kunde. Autonomie ja, aber wer medizinische Leistungen bestellt wie Konsumgüter, höhlt die Ethik des Berufs aus. Die Schönheitschirurgie führt seit Langem vor, wohin das kippt. Bemerkenswert ist das gerade bei einem Arzt, der die Selbstbestimmung des Patienten ansonsten klar verteidigt.

Wer entscheidet, Arzt oder Investor?

Bei der Rendite-Übernahme verlieren beide Seiten. Sobald die Gewinnmarge wichtiger wird als das ärztliche Urteil, zahlen Arzt und Patient dafür. Die Größe einer Praxis ist dabei nie das Problem, nur die Frage, wer das Sagen hat. In Deutschland lässt sich die Debatte um Private Equity in den Medizinischen Versorgungszentren ohnehin durch diese Brille lesen.

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