☆☆☆☆☆ LEBEN MIT VERGNÜGEN von Alexander Palienko* – Ein Lebensratgeber, der Glauben verlangt, wo er Belege schuldig bleibt. anzeige
Ich lese fast alles, was auf meinem Tisch landet, und ich lese es mit echtem Wohlwollen. Auch die Esoterik- und Mindset-Titel, die viele in meiner eher rational gestrickten Leserschaft reflexhaft belächeln. Ein ganzes Genre ungelesen abzuräumen ist Bequemlichkeit, und die kann ich mir nach fast tausend gelesenen Sachbüchern nicht leisten.
Ich habe nur einen Test, den ich an jedes dieser Bücher anlege, egal ob Finanzratgeber oder Lebenshilfe. Gibt es mir etwas in die Hand, das ich nachprüfen kann, oder verlangt es, dass ich glaube. Befähigung oder Unterwerfung. Bücher, die befähigen, geben dir Werkzeug und die Quelle dazu. Bücher, die Unterwerfung verlangen, geben dir eine Person, der du vertrauen sollst.
„Leben mit Vergnügen“ von Alexander Palienko ist der klarste Fall seit Jahren, in dem die Antwort lautet: glauben. Irgendwo in der Mitte habe ich das Buch zur Seite gelegt und eine Weile aus dem Fenster geschaut. Warum, dazu komme ich.
Das Urteil zuerst, ohne Umschweife. Null von fünf Sternen, die härteste Bewertung, die meine Skala kennt. Ich vergebe sie nach vollständiger Lektüre der 255 Seiten und nach Abgleich der zentralen Aussagen mit medizinischer Fachliteratur, nicht aus dem Bauch. Auf dem Umschlag verspricht das Buch, deine Gesundheit zu stärken, deine Beziehungen zu heilen und deine Finanzen zu verbessern. Eingelöst wird keines dieser Versprechen mit etwas Überprüfbarem. Stattdessen führt es Reichtum, Krankheit und Glück auf eine einzige, durchgehend behauptete und nie belegte Energielehre zurück, samt gesundheitlicher Aussagen, die für Leser mit echten Erkrankungen gefährlich werden können. Für meine Leute, die ihre Finanzen und ihre Gesundheit selbst in die Hand nehmen wollen, ist das kein schwaches Buch, sondern ein Gegenbuch.
Gleich der erste Satz nach der Widmung setzt den Ton für alles Weitere:
„Alles in dieser Welt beruht auf weiblicher Energie. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, es ist eine Tatsache.“
Alexander Palienko
Eine Tatsache. Nicht eine These, nicht ein Modell, sondern eine Tatsache. Wer so eröffnet, sagt dir auf Seite eins, wie es laufen wird. Die Behauptung steht hier für den Beleg, der Ton der Gewissheit für das Argument.
Eine Pyramide, die alles erklärt und nichts trägt
Das gesamte Buch ruht auf einem zehnstufigen Modell, das Palienko Pyramide nennt. Von unten nach oben: Ich bin Gott, Mann und Frau, Liebe, Glück, Gesundheit, Reichtum, Jungsein, Langlebigkeit, Effektivität, Ganzheitlichkeit. Die tragende Idee dahinter: Männer empfangen eine kosmische Energie, die der Autor Äther nennt, und geben sie an Frauen weiter, die als Manifestation des Planeten Erde diese Energie in den Erdkern leiten, wo sie sich verwandelt und zurückkehrt. Aus diesem Kreislauf entstehe alles, von Geld über Gesundheit bis Glück.
Ich gebe mir Mühe, das so neutral wie möglich wiederzugeben, denn ich verurteile niemanden für eine spirituelle Weltsicht. Der Punkt liegt woanders. Eine Idee, die beansprucht, alles zu erklären, von der Entstehung des Geldes bis zur Funktion der Schilddrüse, trägt eine gewaltige Beweislast. Palienko trägt sie nirgends. Auf 255 Seiten findest du keine einzige Studie, keine Quelle, kein Literaturverzeichnis. Die einzige Fußnote im ganzen Buch stammt von seiner Frau und erläutert astrologische Quadrate. Als Grundlage seines Wissens nennt der Autor wiederholt seine Visionsgabe und über dreißig Jahre Erfahrung. Das ist keine Erkenntnisgrundlage, sondern die Aufforderung, ihm zu glauben.
Was sich retten lässt, will ich fair benennen, denn es wäre billig, so zu tun, als stünde hier ausschließlich Unsinn. Zwischen den Energiekreisläufen finden sich Sätze, gegen die niemand etwas haben kann. Sei dankbar, übernimm Verantwortung, löse dich von dem, was dir schadet, erkenne das Schöne. Diese Punkte sind nicht falsch. Sie sind nur eben Banalitäten, sie stehen in jedem zweiten Ratgeber, und sie brauchen keinen Futurologen mit Visionsgabe, um ausgesprochen zu werden. Das eigentliche Problem ist, dass sie als Beiwerk einer Lehre auftreten, die im selben Atemzug erklärt, deine Mutter entscheide über deinen Kontostand.
Das Menschenbild dahinter
Wer die Energielehre für harmlose Folklore hält, sollte genauer hinsehen, was aus ihr folgt. Das Frauenbild des Buches reicht weit über die üblichen Klischees hinaus. Frauen sind hier nicht einfach anders als Männer, sie sind im Wortsinn Erde, ihre Aufgabe ist es, den Mann mit Energie aufzufüllen, ihr Potenzial sei um ein Mehrfaches höher als das eines Mannes, und wer als Frau zu wenig der richtigen Energie weitergebe, schade ihrem Partner. Das klingt nach Aufwertung, ist aber ihr Gegenteil. Es weist der Frau eine dienende Funktion zu und verpackt sie in kosmisches Vokabular. Der Aktienmarkt kennt kein Geschlecht, und kein ernstzunehmendes Modell von Verantwortung tut so, als hinge das Wohl des einen Menschen an der Schwingung des anderen.
Dazu kommt eine Haltung, die ich für die gefährlichste des ganzen Buches halte. Palienko schreibt mehrfach und ausdrücklich gegen das Wissen an. Mit Wissen schränken wir uns selbst ein, heißt es. Spirituelle und gläubige Menschen, die viel meditieren, seien immer die gefährlichsten Menschen. Akademiker kommen schlecht weg, vom Weltgeschehen solle man sich fernhalten, weil es die Gesundheit zerstöre. Das hat Methode. Wer seinen Lesern rät, äußeren Quellen zu misstrauen und sich auf die eine Stimme im Buch zu verlassen, baut den Mechanismus, den man aus geschlossenen Gruppen kennt. Es ist die rhetorische Variante einer verschlossenen Tür.
Und dann ist da das erste Kapitel, das schlicht Gott heißt und mit dem Satz arbeitet, jeder Mensch sei Gott in seinem eigenen Universum. In einem religionsphilosophischen Werk wäre das eine diskutable These. Als Eingangskonditionierung eines Lebensratgebers, der gleich darauf erklärt, wie du über Energie deine Krankheiten und deine Finanzen steuerst, ist es etwas anderes. Es stellt den Leser auf einen Allmachtsgedanken ein, bevor das eigentliche Programm beginnt.
Wenn Krankheit zur Charakterfrage wird
Hier liegt der eigentliche Grund für die null Sterne, und hier wurde aus meiner Skepsis echte Sorge. Das Gesundheitskapitel ist nicht nur unbelegt. Es ist auf eine Weise falsch, die Schaden anrichten kann.
Was im Buch konkret steht, in Auswahl. Sitzt eine Frau zur falschen Seite ihres Mannes, leide sie an Mastopathie, am polyzystischen Ovarialsyndrom oder an Erkrankungen der Gebärmutter. Erkrankungen der Leber entstünden aus Zorn. Eine Mutter, die ihre Talente nicht verwirkliche, bekomme einen Bonus in Form einer Schilddrüsenerkrankung. Der Blinddarm sei für 80 Prozent unserer Immunität verantwortlich. Und im Schlusskapitel wünscht sich der Autor eine Welt, in der es keine Krankheiten wie Krebs, HIV oder sonstige Infektionen mehr gibt, weil die Menschen gelernt hätten, richtig zu schwingen.
Das ist keine Geschmackssache, und an dieser Stelle endet meine Toleranz für eine fremde Weltsicht, weil es nachprüfbar ist. Mastopathie ist nach medizinischem Stand eine hormonell bedingte, gutartige Gewebeveränderung, nicht das Ergebnis der Sitzordnung beim Abendessen. Die 70 bis 80 Prozent, die der Autor dem Blinddarm zuschreibt, beziehen sich in der Fachliteratur auf das darmassoziierte Immungewebe im gesamten Darm, nicht auf den Wurmfortsatz. Das mag wie Erbsenzählerei klingen, ist es aber nicht. Eine Logik, die Krankheit zur Frage der inneren Haltung macht, kann kranke Menschen dazu bringen, eine wirksame Behandlung aufzuschieben, und dass das bei ernsten Erkrankungen wie Krebs das Sterberisiko nachweislich erhöht, ist durch Studien belegt.
Stell dir eine Leserin vor, die gerade eine ernste Diagnose bekommen hat und in diesem Buch liest, sie müsse nur ihre Mutter akzeptieren. An dieser Stelle habe ich das Buch zur Seite gelegt. Ein Ratgeber, der diese Verantwortung übernimmt und sie mit null Belegen wahrnimmt, lässt sich auf einem Kanal, den auch kranke Menschen lesen, nicht ohne deutliche Warnung weiterreichen.
Was lernst du hier über Geld? Nichts.
Der Grund, warum dieses Buch überhaupt auf meinem Tisch landete, ist das Kapitel Reichtum. Es ist der Teil, der meine Community angeht, deshalb halte ich mich kurz und deutlich. Dieses Kapitel enthält keinen einzigen ökonomischen Gedanken. Keine Anlagestrategie, kein Marktbezug, keine Zeile zu Zins, Risiko oder Streuung. Mit Reichtum ist dabei nicht nur Geld gemeint, schreibt Palienko, und liefert dann konsequent alles außer Geld. Wohlstand entsteht hier aus der Akzeptanz der Mutter, aus Yang-Energie, aus ausgesprochenen Vorhaben.
Ich bespreche seit sieben Jahren Finanzbücher, und ich habe in dieser Zeit eine klare Linie. Ein gutes Buch über Geld befähigt dich, eigene Entscheidungen zu treffen, und es zeigt dir, woher sein Wissen stammt. Die Schule, an der ich meine Maßstäbe geschärft habe, von Bogle über Kommer bis Hotz und Braun, hat eines gemeinsam. Sie legt ihre Evidenz offen und macht dich unabhängiger, nicht abhängiger. Wer Palienkos Reichtumskapitel neben einen Frank Schäffler, einen Rainer Zitelmann oder, wenn wir weiter zurückgehen, einen Adam Smith legt, sieht in Sekunden, dass hier zwei Welten aufeinanderprallen. Auf der einen Seite das Bemühen, wirtschaftliche Zusammenhänge nachvollziehbar zu machen. Auf der anderen ein Reichtumskapitel, in dem kein einziger Euro vorkommt.
Wer ist der Mann hinter der Pyramide?
Alexander Palienko bezeichnet sich selbst als Futurologe, Analytiker, Speaker und Entwickler einer Methode der Persönlichkeitstransformation. Sein Wissen, so seine Darstellung, erhält er über eine Visionsgabe. Er verweist auf rund drei Jahrzehnte Praxis, zehntausende Beratungen und über dreihundert Veranstaltungen in zwölf Ländern. Im deutschsprachigen Raum ist er bislang weitgehend unbekannt. Seine große Reichweite, nach eigenen Angaben 1,3 Millionen Follower, hat er vor allem im russischsprachigen Raum aufgebaut, wo das Buch 2020 zuerst erschien. Die deutsche Ausgabe ist eine Übersetzung dieses Originals.
Bemerkenswert ist die Verlagskonstruktion. Herausgeber der deutschen Ausgabe ist die Open Mind Consulting GmbH in Hamburg, kein unabhängiger Verlag, sondern Palienkos eigene Beratungs- und Eventfirma, in deren Geschäftsführung er und seine Frau stehen. Das Buch erscheint also im eigenen Haus. Das ist zulässig, verschiebt aber die Frage nach der Trennung von Inhalt und Vermarktung, denn das Buch steht erkennbar am Anfang einer Kette.
Diese Kette ist im Buch selbst angelegt. Neunmal führen QR-Codes hinaus, jeder mit derselben Zeile, man gelange über ihn zum Video von Alexander Palienko. Schon im Vorwort empfiehlt er neuen Lesern, vor der Lektüre seinen YouTube-Kanal zu besuchen, und nennt die Formate, in denen er sein Wissen darüber hinaus teilt, Einzelberatungen, Trainings, Seminare und Webinare. Über diese schreibt er selbst, in ihnen spreche er viel ausführlicher als im Buch. Das Buch ist also die günstigste Stufe, 19,99 Euro, und die ausführlichere Substanz liegt nach seiner eigenen Darstellung in seinen weiteren Formaten. So gelesen ist es weniger ein abgeschlossenes Werk als die günstige Einstiegsstufe in ein Angebot unter seinem Namen, dessen kostenpflichtige Stufen, der Beziehungs-Marathon und der Mitgliederbereich, auf seiner Website beginnen. Und genau hier schließt sich der Kreis zu meinem Eingangstest. Ein Buch, das dich von der ersten Seite an auf Vertrauen statt auf Nachprüfbarkeit verpflichtet, ist die ideale Eintrittskarte für ein Geschäft, das von eben diesem Vertrauen lebt.
Ein letzter, fairer Hinweis. In seinem eigenen Marketing tritt Palienko bisweilen betont bescheiden auf, sinngemäß, er beanspruche nicht die Wahrheit, er teile nur seine Erfahrung, und alles, was er gebe, sei vorläufig. Das Buch tut das Gegenteil. Es spricht in Tatsachen statt in Erfahrungen, und es erklärt jede Krankheit, jeden Cent und jede Beziehung über die eine Pyramide. Die Demut bleibt im Schaufenster, im Buch regiert der Absolutheitsanspruch.
Für wen, und für wen auf keinen Fall
Ich versuche fast immer, am Ende eine Gruppe zu benennen, für die ein Buch trotz aller Kritik einen Wert hat. Hier fällt es mir schwer. Wer eine geschlossene spirituelle Erzählung sucht, in der alles mit allem zusammenhängt, und wer dabei ausdrücklich keine Belege erwartet, wird hier bedient. Für diesen einen Leser ist das Buch sogar stimmig, weil es ein vollständiges, in sich widerspruchsfreies Weltbild liefert.
Für alle anderen, und vor allem für dich, wenn du dieser Seite hierher gefolgt bist, ist meine Empfehlung eine Warnung. Wenn dich Marktwirtschaft, unternehmerisches Denken und überprüfbare finanzielle Bildung interessieren, findest du hier nichts davon. Wenn du eine reale gesundheitliche Sorge hast, geh zum Arzt, nicht in dieses Buch. Und wenn du Ratgeber daran misst, ob sie dich freier oder abhängiger machen, dann steht dieses Buch auf der falschen Seite der Linie, die ich am Anfang gezogen habe.
Null von fünf Sternen. Die Aufmachung ist edel, die Landschaftsfotografien sind schön, das gestehe ich dem Buch ohne Zögern zu. Aber unter dem schönen Einband liegt nichts als die Aufforderung zu glauben. Und Glaube wird teuer, sobald jemand ihn dir als Wissen verkauft.
Mehr Besprechungen findest du in meinen Buchtipps. Und wenn du keine Rezension verpassen willst, folge mir auf Instagram und LinkedIn unter @bookoffinance.
Meine 5 Key Learnings aus Leben mit Vergnügen – von Alexander Palienko:
Ein Buch, das alles erklärt, erklärt am Ende nichts.
Sobald ein einziges Modell für Geld, Krankheit, Liebe und Lebensdauer zugleich zuständig ist, erklärt es keinen dieser Bereiche mehr ernsthaft. Eine geschlossene Welterklärung ist bequem, aber sie ist das Gegenteil von Erkenntnis, weil sie sich gegen jeden Einwand immunisiert.
Ohne eine einzige Quelle bleibt jede Behauptung nur eine Behauptung.
255 Seiten, kein Beleg, kein Literaturverzeichnis. Ein Ton der Gewissheit ersetzt kein Argument. Bei einem Buch, das über Medizin und Geld spricht, ist das kein Schönheitsfehler, sondern das Fundament, das fehlt.
Wenn Krankheit zur Charakterfrage wird, hört der Ratgeber auf, harmlos zu sein.
Krankheit als Folge der falschen Haltung zu den Eltern darzustellen, ist nicht nur falsch, es kann Menschen mit echten Diagnosen von wirksamer Behandlung abhalten. An diesem Punkt verlässt ein Buch den Bereich, in dem man über Geschmack streiten kann.
Ein Reichtums-Kapitel ohne einen einzigen Euro ist kein Finanzkapitel.
Wohlstand entsteht nicht aus Yang-Energie und der Akzeptanz der Mutter, sondern aus überprüfbaren Entscheidungen über Sparen, Streuung und Zeit. Wer das eine fürs andere verkauft, verfehlt den Zweck eines Finanzbuchs.
Wenn das Buch vor allem auf das nächste Format verweist, ist es der Köder, nicht die Mahlzeit.
Ein Sachbuch sollte befähigen, nicht auf die Formate des Autors verweisen, in denen er nach eigener Aussage ausführlicher wird. Sobald QR-Codes zu Videos und Verweise auf seine Seminare und Webinare an die Stelle der Substanz treten, steht das Buch am Anfang eines Verkaufstrichters, nicht am Ende eines Erkenntnisprozesses.
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Schneller Lesen – Mehr Behalten – Konsequent Umsetzen
Wie Lesen vom Konsum zur echten Veränderung wird
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