NUR GEDULD – Geschichten und Gedichte über das Warten, ausgewählt von Martha Schoknecht*. / Anzeige
Warten als zentrales Motiv in der Literatur
Das Warten durchzieht den Alltag wie eine unsichtbare Konstante. Diese Anthologie versammelt Geschichten und Gedichte, die verschiedene Facetten dieses Zustands beleuchten. Die Texte reichen von humorvollen Momenten über philosophische Betrachtungen bis hin zu existenziellen Krisen. Bekannte Autoren wie Leo Tolstoi, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Daniil Charms sind dabei in dieser Zusammenstellung von Martha Schoknecht vertreten.
Struktur und Vielfalt der Beiträge
Die Anthologie vereint Erzählungen, Gedichte und Reflexionen. So beschreibt Thomas Meyer beispielsweise in Von den verschiedenen Arten des Wartens die Ungeduld von Kindern und Jugendlichen, die auf ihre Autonomie hoffen. Seine Leser erleben dabei, wie sich die Bedeutung des Wartens mit zunehmendem Alter verändert. An dieser Stelle kann ich auch nur wärmsten das Buch Alter, ich umarme dich von Bernd A. Wilken* empfehlen. Hier geht’s direkt zu meiner Rezension.
Aber nun zurück zum Buch: Meir Shalev hingegen nähert sich dem Thema in Geduld durch die Natur. Die akribische Beobachtung von Samen symbolisiert für sie eine Lebenshaltung, die das Warten nicht als Last, sondern als notwendige Reifezeit begreift. Eine wunderschöne Perspektive, wenn man mich fragt.
Max Frisch schildert in In der Wüste eine erzwungene Wartezeit nach einer Notlandung. Seine Leser begegnen dem Warten als Stillstand in einer lebensfeindlichen Umgebung, der weder Aufregung noch Dramatik birgt, sondern schlicht ertragen werden muss. Für alle, die schon einmal für längere Zeit in einer lebensfeindlichen Umgebung ausharren mussten, sicherlich eine sehr prägnante Perspektive.
Warten als existenzielle Erfahrung
Leo Tolstoi entführt seine Leser in Der Antrag in eine vielmehr poetische Szenerie voller Erwartung und unausgesprochener Gefühle. In einer mondhellen Nacht schwebt das Unausweichliche zwischen den Zeilen, während sich das Leben mit jedem Schritt weiter entfaltet.
Eve Harris hingegen beschreibt in Die Zwickmühle eine Wartezeit der Unsicherheit und emotionalen Distanz. Ein frisch verheiratetes Paar steht vor der Unmöglichkeit, Erwartungen und Realität in Einklang zu bringen. Das Warten wird hier zu einem Moment des Innehaltens, in dem sich eine grundlegende Entscheidung ankündigt.
Ironie und Tragik des Wartens
Daniil Charms nutzt in seinem kurzen Text eine absurde Dialogstruktur, um das Warten auf eine Antwort ins Endlose zu ziehen. Seine Leser erleben, wie sich die Erwartung ins Absurde steigert, bis nur noch die Stille bleibt.
Beat Sterchi zeichnet in Das Kreuz über dem Dorf das Warten als Teil eines Dorflebens, das langsam verfällt. Die Bewohner erleben den schleichenden Niedergang ihrer Heimat, während das Vergehen der Zeit unausweichlich bleibt.
Stilistische Bandbreite
Die Anthologie von Martha Schoknecht vereint somit ganz unterschiedliche Stile. Während einige Texte nüchtern und sachlich bleiben, entfalten andere poetische Bildwelten. Astrid Rosenfeld erzählt in Zulas Lieben eine Geschichte von Nähe und Fremdheit, in der das Warten auf eine gemeinsame Zukunft ungewiss bleibt. Wolfgang Müllers Liedtext Godot greift das Motiv der unerfüllten Erwartung auf und erinnert an Samuel Becketts Klassiker.
Gerade diese Vielfalt macht dieses Werk so besonders.
„Vom Warten als Kind: Bekommt ein kleines Kind zu hören, dass sein Spiel angesichts der vorgerückten Stunde und seiner müden Äuglein unterbrochen werden müsse, ist ihm der Hinweis darauf, dass es ›morgen‹ weiterspielen könne, kein Trost. Es will jetzt spielen; später und morgen sind für ihn abstrakte und damit unbrauchbare Begriffe, die es gleichsetzt mit ›nie wieder spielen‹. Also kullern Tränen aus den müden Äuglein, und Eltern, die sich darüber wundern oder gar echauffieren, vergessen, dass sie zu zahlreichen Gelegenheiten genau gleich empfinden. Und nicht viel souveräner reagieren.“
Thomas Meyer, Von den verschiedenen Arten des Wartens
An dieser Stelle ein paar Worte zur Autorin: Martha Schoknecht – Lektorin und Literaturvermittlerin
Martha Schoknecht ist seit 2008 als Lektorin beim Diogenes Verlag tätig und verfügt über umfassende Erfahrung in der Buchbranche. Ihre Arbeit umfasst die Akquise sowie die Regie von Hörbüchern. Zudem moderierte sie den Novitätenpodcast Wer soll das alles lesen?, in dem monatlich neue Titel des Verlags vorgestellt wurden.
Vor ihrer Tätigkeit bei Diogenes arbeitete sie als Buchhändlerin und Interims-Abteilungsleiterin bei Dussmann das KulturKaufhaus in Berlin, wo sie unter anderem die Hörbuchabteilung aufbaute. Ihre Ausbildung zur Buchhändlerin absolvierte sie in der Buchhandlung Perl in Lüneburg. Mit ihrer langjährigen Erfahrung verbindet sie verlegerische Kompetenz mit einem Gespür für literarische Trends.
„Diese ganze Welt, dieser Himmel, dieser Garten, diese Luft waren nicht die, die ich kannte. Als ich die Allee hinunterblickte, über die wir gingen, wollte mir scheinen, als könne man nicht weitergehen, als würde die Welt des Möglichen dort vorn enden, als müsse das alles auf ewig gefesselt in seiner Schönheit liegen. Doch wir gingen weiter, und eine Zauberwand der Schönheit tat sich auf, um uns einzulassen, und dahinter schienen sich unser vertrauter Garten, die Bäume, die Wege, das trockene Laub zu befinden. (…) Und es musste wohl auch der Mond am Himmel sein, der zwischen den reglosen Zweigen hindurch auf uns herunterschien … Doch mit jedem Schritt schloss sich die Zauberwand wieder vor uns und hinter uns, und ich glaubte nicht mehr daran, dass man noch weitergehen konnte, glaubte nicht mehr an all das, was war.“
Leo Tolstoi, Der Antrag
Optisch bleibt der Diogenes Verlag seinem Stil treu: minimalistisch, aber stilvoll.
Das Cover mit den Elefanten wirkt schlicht und zugleich ansprechend. Auch thematisch sprach mich diese Anthologie sofort an.
Mit 14,00 Euro für knapp 250 Seiten ist das Buch preislich fair angesetzt.
Inhaltlich bietet es eine breite Sammlung an Geschichten und Gedichten über das Warten, ausgewählt von Diogenes-Lektorin Martha Schoknecht. Wer bereits Werke kennt, die sie zusammengestellt hat, wird wissen, was ihn erwartet.
Wie schon bei vorherigen Anthologien fällt auf, dass die Beiträge stilistisch und thematisch sehr unterschiedlich sind.
Manche Geschichten und Gedichte fand ich herausragend, andere weniger überzeugend. Durch diese Vielfalt wird es immer Texte geben, die mehr oder weniger ansprechen.
Was mir jedoch erneut gefehlt hat, sind Einordnungen, Einleitungen, Überleitungen oder abschließende Worte der Herausgeberin. Diese Elemente hätten das Buch noch runder gemacht und die Texte stärker miteinander verbunden.
Trotzdem bleibt es eine gelungene Anthologie mit vielen inspirierenden Denkanstößen. Sie eignet sich hervorragend zum gelegentlichen Schmökern und erinnert daran, wie selten wir in unserer hektischen Welt noch Geduld üben.
„Unser Aufenthalt in der Wüste von Tamaulipas, Mexico, dauerte vier Tage und drei Nächte, total 80 Stunden, worüber es wenig zu berichten gibt – ein grandioses Erlebnis (wie jedermann zu erwarten scheint, wenn ich davon spreche) war es nicht. Dazu viel zu heiß! Natürlich dachte ich auch sofort an den Disney-Film, der ja grandios war, und nahm sofort meine Kamera; aber von Sensation nicht die Spur, ab und zu eine Eidechse, die mich erschreckte, eine Art von Sandspinnen, das war alles. Es blieb uns nichts als Warten.“
Max Frisch, In der Wüste
Fazit
Nur Geduld – Geschichten und Gedichte über das Warten* bietet eine vielseitige literarische Auseinandersetzung mit einem universellen Thema. Die Anthologie beleuchtet das Warten als Moment der Hoffnung, der Unsicherheit und der Erkenntnis. Ihre Leser erhalten eine Sammlung, die nachdenklich stimmt und in ihrer Vielfalt einen neuen Blick auf alltägliche Situationen ermöglicht.
5 Key Learnings aus dem Buch
1. Warten ist eine unvermeidbare Konstante im Leben.
Vom ersten Zahn bis zur großen Liebe – das Warten begleitet jede Lebensphase. Während Kinder Warten als unerträgliche Geduldsprobe empfinden, wird es für Erwachsene oft zu einer existenziellen Erfahrung. Ob ersehnt oder gefürchtet, es bleibt eine unausweichliche Realität.
2. Die Wahrnehmung des Wartens verändert sich mit der Zeit.
Jugendliche sehnen sich nach Freiheit, Erwachsene warten auf Erfolg oder Liebe, ältere Menschen oft auf Abschiede. Das Buch zeigt, dass das Warten mit jedem Lebensabschnitt eine andere Bedeutung erhält – mal voller Hoffnung, mal als lähmender Stillstand.
3. Warten kann aktiv oder passiv sein.
Manche nutzen das Warten als Zeit des Innehaltens oder der Reflexion, andere ertragen es als lähmenden Stillstand. Max Frisch beschreibt eine erzwungene Wartezeit in der Wüste, während Meir Shalev das Warten durch die Natur als Reifungsprozess betrachtet. Entscheidend ist, ob man das Warten gestaltet oder sich ihm ausliefert.
4. Warten ist oft mit Emotionen aufgeladen.
Erwartung, Angst, Unsicherheit oder tiefe Sehnsucht – das Warten ist selten neutral. In Eve Harris’ Geschichte erleben Leser, wie ein frisch verheiratetes Paar sich in der Unsicherheit des Wartens aufeinander verliert. Leo Tolstoi hingegen beschreibt ein Warten voller unausgesprochener Liebe und Schicksalhaftigkeit.
5. Geduld ist eine seltene Tugend in einer schnelllebigen Welt.
Die moderne Gesellschaft bietet kaum noch Raum für echtes Warten. Alles ist auf sofortige Befriedigung ausgerichtet, sodass Momente der Verzögerung oft als Belastung empfunden werden. Das Buch lädt dazu ein, das Warten nicht nur zu ertragen, sondern es als wertvolle Zeit der Entwicklung zu begreifen.
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