★★★★★ WELTRAUMKAPITALISMUS von Rainer Zitelmann* – Warum Schwerelosigkeit keine ökonomischen Gesetze aufhebt und die Zukunft der Menschheit nicht vom Staat abhängt. anzeige
Zwischen 1972 und 2020 hat kein neues amerikanisches Raumschiff auch nur einen einzigen Astronauten in den Orbit gebracht. Achtundvierzig Jahre. Fast ein halbes Jahrhundert, in dem die mächtigste Nation der Erde es nicht geschafft hat, ein bemanntes Nachfolgesystem für die Apollo-Kapseln zu entwickeln, das diesen Namen verdient. Das Space Shuttle flog zwar, aber es war weder günstig noch sicher noch zukunftsfähig – und als es 2011 endgültig eingemottet wurde, mussten US-Astronauten auf russische Sojus-Raketen umsteigen, um die eigene Raumstation überhaupt noch zu erreichen. Der Preis pro Sitzplatz stieg dabei von Jahr zu Jahr, weil die Russen wussten, dass Washington keine Alternative hatte.
Dann gründete ein südafrikanisch-kanadisch-amerikanischer Unternehmer, der zuvor mit einer Online-Zahlungsplattform reich geworden war, eine Raketenfirma. Er las russische Triebwerkshandbücher am Pool, flog nach Moskau, um gebrauchte Raketen zu kaufen, wurde von seinen Gesprächspartnern auf die Schuhe gespuckt – und baute am Ende seine eigene. Drei Fehlstarts. Beinahe-Bankrott. Und beim vierten Versuch klappte es. Die erste private Rakete im Erdorbit. Wenige Jahre später landete die erste Raketenstufe von allein wieder auf der Erde – etwas, an dem die NASA sich Jahrzehnte die Zähne ausgebissen hatte.
Rainer Zitelmann erzählt diese Geschichte in Weltraumkapitalismus. Aber er erzählt sie nicht als Heldengeschichte. Er erzählt sie als ökonomische Fallstudie. Und das macht dieses Buch so außergewöhnlich.
Wertung: ★★★★★ – Ausgezeichnet.
„Die Basis des Kapitalismus ist das Privateigentum. Und die Basis des Weltraumkapitalismus bildet da keine Ausnahme, denn die ökonomischen Gesetze gelten nicht nur auf der Erde, sondern auch im All. Schwerelosigkeit hebt keine ökonomischen Gesetze auf.“
Rainer Zitelmann
Wie man 200 Milliarden Dollar verbrennt, ohne es zu merken
Wer verstehen will, warum private Raumfahrt funktioniert, muss zuerst verstehen, warum staatliche Raumfahrt nach Apollo nicht mehr funktioniert hat. Zitelmann widmet dieser Frage das gesamte erste Kapitel – und es ist die vernichtendste Abrechnung mit dem Space-Shuttle-Programm, die ich je gelesen habe.
Die Kurzversion: Richard Nixon genehmigte das Space Shuttle nicht, weil es technisch sinnvoll war. Er genehmigte es, weil Kalifornien ein Swing State war, weil der Hauptauftragnehmer Rockwell dort ansässig war, weil Rockwells Gründer ein Wahlkampfspender und persönlicher Freund war, und weil die Schaffung von Arbeitsplätzen in wahlentscheidenden Bundesstaaten absolute Priorität hatte. Ob das Shuttle einen klar definierten Zweck erfüllte, interessierte kaum jemanden. Die Auftragsvergabe für die Feststoffraketen ging an Thiokol in Utah, begleitet von Vorwürfen politischer Begünstigung – und ohne die Fehlentscheidung dieses Unternehmens wäre es 1986 nicht zur Challenger-Katastrophe gekommen.
Was das Buch dabei so stark macht: Zitelmann behauptet nicht. Er belegt. Die internen Besprechungen zwischen Nixon und seinen Beratern, die er aus John Logsdons Standardwerk zitiert, lesen sich wie ein Drehbuch für politisches Versagen. Nixon wollte die NASA in eine Behörde für Innenpolitik umwandeln, weil ihn ein Entsalzungsprojekt für Meerwasser begeistert hatte. Sein Berater Ehrlichman gibt offen zu, dass die Beschäftigungsfrage „in Nixons Entscheidung über das Shuttle-Programm nicht unterschätzt werden darf“. Die Kosten pro Start lagen am Ende bei 1,5 Milliarden Dollar statt der versprochenen fünf bis zehn Millionen. Die Gesamtkosten beliefen sich auf über 200 Milliarden.
Aber das eigentlich Absurde war das Vergütungssystem. Die sogenannten Cost-Plus-Verträge garantierten den Auftragnehmern einen festen Prozentsatz Gewinn auf ihre dokumentierten Kosten. Mehr Kosten, mehr Gewinn. Robert Zubrin, der Raumfahrtexperte, beschreibt in einem Zitat, das Zitelmann anführt, wie bei Lockheed Martin auf jeden Produktionsmitarbeiter vier Verwaltungsangestellte kamen. Ein Spötter im Unternehmen meinte damals, das wichtigste Produkt sei der Overhead.
Aus meiner Sicht ist dieses Kapitel allein schon die Lektüre wert. Nicht weil es die NASA verteufelt – Zitelmann erkennt ihre Leistungen in der unbemannten Raumfahrt ausdrücklich an – sondern weil es zeigt, was passiert, wenn politische Anreize und technologischer Fortschritt systematisch gegeneinander arbeiten. Die Public-Choice-Theorie, die erklärt, warum Politiker eben nicht gemeinwohlorientiert handeln, sondern auf Wiederwahl optimieren, bekommt hier ein Fallbeispiel von bestechender Klarheit.
Rainer Zitelmann – ein Mann, der Gegenwind als Qualitätsmerkmal versteht
Über Rainer Zitelmann muss man eine Sache wissen, bevor man seine Bücher liest: Dieser Mann hat in seinem Leben so oft die Seiten gewechselt, dass jeder Versuch, ihn in eine Schublade zu stecken, an seiner Biografie scheitert. Als Dreizehnjähriger gründete er eine „Rote Zelle“ an seiner Schule und gab eine Schülerzeitung namens „Rotes Banner“ heraus. Mit vierzehn trat er der Jugendorganisation der maoistischen KPD/ML bei. Heute ist er FDP-Mitglied, selbst Multimillionär und einer der lautstärksten Verteidiger des Kapitalismus im deutschsprachigen Raum.
Dazwischen liegen zwei Doktortitel – einer in Geschichte, summa cum laude, mit einer international beachteten Arbeit über Hitlers Wirtschaftsvorstellungen, die das Journal of Modern History als „Meilenstein“ bezeichnete. Der zweite in Soziologie, über die Psychologie der Superreichen. Zitelmann war Cheflektor bei Ullstein-Propyläen, Ressortleiter bei der Tageszeitung Die Welt, gründete dann mit 43 Jahren eine Kommunikationsberatung für Immobilienunternehmen, baute sie zum Marktführer auf und verkaufte sie 2016. Seither schreibt er – inzwischen über 30 Bücher in 35 Sprachen, Kolumnen im Wall Street Journal und in Forbes, Interviews in der NZZ und im Handelsblatt. 2025 wurde er für den Hayek Book Prize des Manhattan Institute nominiert.
Für Weltraumkapitalismus ist dieser Hintergrund nicht bloß Dekoration. Zitelmann schreibt als jemand, der seine Karriere dem Nachweis gewidmet hat, dass Privateigentum und Unternehmertum die stärksten Triebfedern des Fortschritts sind. Das macht ihn angreifbar für alle, die Neutralität als Vorbedingung guter Sachbücher begreifen. Aber es macht ihn auch glaubwürdig für alle, die verstehen, dass ein Buch mit These und Richtung mehr leisten kann als eines, das sich hinter falscher Ausgewogenheit versteckt. Man spürt auf jeder Seite: Dieser Autor hat nicht nur recherchiert. Er hat eine Überzeugung – und die Bereitschaft, sie zu verteidigen.
SpaceX, oder: Was passiert, wenn jemand wirklich alles riskiert
Die SpaceX-Kapitel lesen sich streckenweise wie ein Thriller. Musks gescheiterte Verhandlungen in Moskau. Die Startversuche auf einem Atoll im Pazifik, 7700 Kilometer von Los Angeles entfernt, Anreise 20 Stunden. Drei Fehlstarts, bei denen Musk buchstäblich sein gesamtes Privatvermögen verlor – und ein vierter Versuch, der die erste private Rakete im Orbit bedeutete.
Was mich an Zitelmanns Darstellung überzeugt, ist die ökonomische Einordnung. Er idealisiert Musk nicht blindlings. Im Nachwort benennt er das SpaceX-Monopol ausdrücklich als ambivalent und diskutiert es über Schumpeter, McKenzie und Lee: Vorübergehende Monopolgewinne seien der Preis, den eine Gesellschaft für radikale Innovation zahle, weil niemand ein solches Risiko eingehe, wenn am Ende nur normale Renditen winkten. Das echte Problem sei nicht das Privatmonopol, das irgendwann durch Wettbewerb fällt – sondern das Staatsmonopol, das unbegrenzt bestehen bleibt.
Stark ist auch der Vergleich zwischen SpaceX und Boeing, der sich durch mehrere Kapitel zieht. SpaceX entwickelte die Crew Dragon für 2,6 Milliarden Dollar und lieferte pünktlich. Boeing bekam für den Starliner 4,2 Milliarden, brauchte vier Jahre länger, und am Ende saßen die beiden Boeing-Astronauten neun Monate auf der ISS fest, weil ihr Raumschiff zu unsicher für den Rückflug war. Beinahe hätten die Boeing-Lobbyisten den Auftrag sogar exklusiv bekommen, obwohl das SpaceX-Angebot 40 Prozent günstiger war. Die meisten NASA-Entscheider fanden Boeing überzeugender – es waren zum Teil die gleichen Leute, die schon für das gescheiterte Shuttle verantwortlich gewesen waren.
„Es hat sich angefühlt, wie wenn man zwei Kinder hat, und die Vorräte gehen zur Neige. Entweder man gibt jedem die Hälfte, und am Ende verhungern sie vielleicht beide, oder man gibt dem einen Kind alles und erhöht die Chance, dass zumindest dieses eine überlebt.“
Elon Musk, zitiert in Weltraumkapitalismus
Das Kapitel, das niemand erwartet: Private Raumfahrt als historische Norm
Hätte ich nur ein Kapitel aus diesem Buch herausheben dürfen, wäre es das dritte geworden. Nicht weil es das politisch schärfste ist, sondern weil es das überraschendste ist – und weil es die gesamte Debatte über staatliche versus private Raumfahrt auf den Kopf stellt.
Zitelmann zeigt, gestützt auf die Forschungen des ehemaligen NASA-Chefökonomen Alexander MacDonald, dass private Weltraumfinanzierung kein Phänomen des 21. Jahrhunderts ist. Sie war über mehr als hundert Jahre der Normalfall. Die großen Observatorien des 19. Jahrhunderts – das Lick Observatory, das Yerkes Observatory, das Palomar-Observatorium – wurden nicht vom Staat gebaut. Sie wurden von Unternehmern wie James Lick, Charles Yerkes, Andrew Carnegie und der Rockefeller-Stiftung finanziert. Von den 38 Observatorien, die MacDonald anführt, waren nur zwei staatlich.
Die Geschichte von Robert Goddard fand ich dabei besonders eindrucksvoll. Der Vater der modernen Raketentechnik, der Mann, dessen Patente später in jeder amerikanischen Rakete steckten, bekam mehr Geld von der Guggenheim-Familie als vom US-Militär. In heutigen Werten: 47,4 Millionen Dollar aus privaten Quellen, 26 Millionen vom Staat. Und als der Staat seine Erfindungen schließlich nutzte, tat er das ohne Genehmigung. Goddards Witwe musste die USA verklagen und bekam eine Million Dollar Entschädigung – weil die Regierung ihrem Mann die Patente schlicht gestohlen hatte.
MacDonalds Fazit, das Zitelmann zitiert, dreht die übliche Erzählung komplett um: Die staatlich dominierte Raumfahrt der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Anomalie. Dass heute Musk, Bezos und andere privat Milliarden investieren, ist die Rückkehr zu einem älteren Muster.
Die Eigentumsfrage: intellektuelles Herzstück und Zukunftsfrage zugleich
Das zehnte Kapitel – „Ohne Privateigentum wird es nicht gehen“ – ist für mich das stärkste des ganzen Buches. Denn hier verlässt Zitelmann den historischen Rückblick und stellt die Frage, an der sich die gesamte Zukunft der Weltraumökonomie entscheidet.
Er beginnt mit einem Gedankenexperiment. Stell dir vor, du gründest eine Firma für Asteroid Mining. Du investierst Jahre, findest Investoren, die an dich glauben, sendest Sonden zu Asteroiden, findest Platin. Du bringst es zur Erde. Und dann klagen Länder, die noch nie eine Rakete gebaut haben, auf ihren „gerechten Anteil“ – gestützt auf den Mondvertrag von 1984, der die Ressourcen des Weltraums zum „gemeinsamen Erbe der Menschheit“ erklärt. Ergebnis: Kein Investor der Welt würde je wieder einen Cent in dieses Geschäft stecken.
Die juristische Debatte um den Weltraumvertrag von 1967 arbeitet Zitelmann mit einer Sorgfalt auf, die mich überrascht hat. Artikel II verbietet Staaten die Aneignung von Himmelskörpern – aber schweigt zum Privateigentum. Ob dieses Schweigen ein bewusstes Offenlassen oder ein implizites Verbot darstellt, darüber streiten Juristen seit Jahrzehnten. Zitelmann legt die verschiedenen Auslegungen transparent nebeneinander, zitiert Reynolds und Merges ebenso wie Wasser und Jobes, und argumentiert am Ende überzeugend, dass die Eigentumsfrage die Schicksalsfrage der Weltraumökonomie ist. Sein Vergleich mit Nordkorea – dem einzigen Land der Erde, in dem nicht einmal Nutzungsrechte erworben werden können – ist zugespitzt. Aber er trifft.
Besonders klug finde ich den historischen Verweis auf den Homestead Act von 1862. Ohne dieses Gesetz, das Siedlern im amerikanischen Westen Land zusprach, wäre die Besiedlung des Kontinents sehr viel langsamer verlaufen. Auf dem Mars gibt es keine indigene Bevölkerung, die man vertreiben müsste – höchstens Mikroben, die, wie Zitelmann nicht ohne Ironie anmerkt, in manchen Space-Ethics-Kreisen eine erstaunlich engagierte Lobby haben.
„Ein gut geführtes unternehmerisches Team kann Dinge vollbringen, von denen man früher dachte, dass nur die Regierungen von Supermächten dazu in der Lage wären – und das zudem in einem Drittel der Zeit und zu einem Zehntel oder weniger der Kosten, als man früher für notwendig hielt.“
Robert Zubrin, zitiert in Weltraumkapitalismus
Wo die Schärfe eine Spur zu glatt wird
Wäre alles nur Lob, hätte ich meinen Job nicht richtig gemacht. Also: Es gibt Stellen, an denen mir Zitelmann ein klein wenig zu karikierend wird. Die Passage über den Mikrobenschutz im Nachwort etwa, in der er Wissenschaftler, die sich für planetaren Kontaminationsschutz einsetzen, relativ schnell unter „Fortschrittsfeinde“ subsumiert. Es gibt durchaus seriöse astrologische Argumente für Kontaminationsschutz, die nicht ideologisch motiviert sind. Das hätte einen halben Absatz Differenzierung verdient.
Auch bei den Seitenhieben auf EU-Regulierung, Diversitätsprogramme der ESA und das „Parastronaut“-Programm merkt man, dass Zitelmanns Feder manchmal schneller ist als die Abwägung. Die Argumente dahinter sind nicht falsch – Europa hat 2024 tatsächlich nur drei erfolgreiche Raketenstarts absolviert, gegenüber 138 von SpaceX. Aber wer ohnehin skeptisch ist, wird solche Passagen als Bestätigungsrhetorik lesen, nicht als Analyse.
Nur: Diese Punkte sind Feinschliff. Sie berühren das Gesamturteil nicht. Denn die Stärke dieses Buches liegt nicht in der Neutralität, sondern in der Konsequenz seiner Argumentation. Wer ausgewogene Pro-und-Contra-Panoramen sucht, wird hier nicht fündig. Wer ein Buch sucht, das eine klare These verfolgt und sie mit Recherche, Erzählung und intellektuellem Mut unterfüttert, wird belohnt.
Gestaltung, Preis und was drum herum auffällt
Äußerlich ist das Buch ein hochwertiges Paperback mit Klappen, solide gebunden, Cover gelungen – einzig der Titel hätte auf dem Frontcover etwas lesbarer gesetzt werden können. Im Inneren ist es ein klassisches Textsachbuch ohne grafische Sonderelemente, was bei 22 Euro und über 330 Seiten absolut fair ist. Der Quellenapparat – Anmerkungen ab Seite 285, Literaturverzeichnis ab Seite 305, Personenregister — zeigt, dass hier jemand seine Arbeit ernst nimmt. Kein Schmuckwerk, aber auch kein Grund zur Kritik. Solides Handwerk.
Fazit
Weltraumkapitalismus ist das stärkste Buch, das ich bisher von Rainer Zitelmann gelesen habe. Nicht weil es am lautesten wäre – das ist es nicht. Sondern weil es etwas schafft, das nur wenigen Sachbüchern gelingt: eine historische Erzählung, eine ökonomische Analyse und eine politische Vision in einem Text zu verbinden, der sowohl informiert als auch bewegt.
Wer nach diesem Buch noch ernsthaft behauptet, die Eroberung des Weltraums sei eine rein staatliche Aufgabe, hat entweder nicht gelesen, was das Space Shuttle wirklich gekostet hat, oder er will es nicht wissen. Die Eigentumsfrage, die Zitelmann ins Zentrum rückt, wird eine der großen Debatten der kommenden Jahrzehnte sein. Und dieses Buch ist der klügste Beitrag dazu, den ich kenne.
Fünf Sterne. Ohne Einschränkung.
Meine 5 Key Learnings aus Weltraumkapitalismus – von Rainer Zitelmann:
Politische Anreize und technologischer Fortschritt arbeiten systematisch gegeneinander – und die Raumfahrt beweist es wie kein zweites Feld.
Nixon genehmigte das Space Shuttle nicht, weil es technisch überzeugte, sondern weil der Hauptauftragnehmer in einem Swing State saß und dessen Gründer sein Wahlkampfspender war. Die Cost-Plus-Verträge belohnten Unternehmen dafür, möglichst teuer zu produzieren: Mehr Kosten, mehr Gewinn. Bei Lockheed Martin kamen auf jeden Arbeiter in der Fertigung vier Verwaltungsangestellte. Das Ergebnis waren 200 Milliarden Dollar Gesamtkosten für ein Programm, das jede einzelne Vorgabe verfehlt hat. Wer nach dieser Lektüre noch glaubt, der Staat sei der bessere Innovator, hat das Kapitel nicht gelesen – oder nicht verstanden.
Der Staat hat dem bedeutendsten Raketenpionier Amerikas die Patente gestohlen – und musste seiner Witwe eine Million Dollar Entschädigung zahlen.
Robert Goddard, der Vater der modernen Raketentechnik, wurde zeit seines Lebens vom US-Militär ignoriert, von der Presse verspottet und bekam den Großteil seiner Finanzierung nicht vom Staat, sondern von Unternehmerfamilien wie den Guggenheims. Als seine Patente dann in Atlas, Thor, Jupiter und Redstone verbaut wurden, fragte niemand um Erlaubnis. Es brauchte eine Klage seiner Witwe, damit die USA das überhaupt einräumten. Die New York Times, die 1920 geschrieben hatte, Goddard verstehe die Grundlagen der Physik nicht, korrigierte sich – 49 Jahre später, einen Tag nach dem Start der Mondmission. Die Zeitung bedauerte „den Fehler“.
Private Weltraumfinanzierung ist keine Disruption – sie ist die historische Norm, und die staatliche Raumfahrt war die Ausnahme.
Das klingt kontraintuitiv, ist aber belegt: Von 38 großen Observatorien, die der ehemalige NASA-Chefökonom MacDonald analysiert hat, waren nur zwei staatlich. Die Lick-, Yerkes- und Palomar-Observatorien wurden von Unternehmern finanziert – Carnegie, Rockefeller, Guggenheim. In heutigen Werten entsprachen manche dieser Investitionen den Kosten aktueller NASA-Missionen. Dass wir die Raumfahrt heute als Staatsaufgabe begreifen, liegt nicht an einer Jahrhunderte alten Tradition, sondern an einem einzigen Jahrzehnt: dem Apollo-Programm. Alles davor war privat. Alles danach ist es wieder.
Ohne Eigentumsrechte im Weltraum wird es keinen Bergbau, keine Besiedlung und keine ernsthaften Investitionen geben – egal wie billig die Raketen werden.
Die Technik ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass der Weltraumvertrag von 1967 zur Frage des Privateigentums schweigt – und der Mondvertrag von 1984 es explizit verbietet. Solange ein Unternehmen nicht weiß, ob ihm das Platin gehört, das es von einem Asteroiden zur Erde bringt, wird kein Investor das Risiko tragen. Zitelmanns Vergleich ist brutal, aber er sitzt: Die Eigentumsverhältnisse auf einem hypothetischen Mars ohne Privatbesitz wären vergleichbar mit Nordkorea – dem einzigen Land der Erde, in dem nicht einmal Nutzungsrechte an Boden erworben werden können.
Monopole, die durch Innovation entstehen, sind nicht das Problem – Monopole, die durch den Staat entstehen, sind es.
SpaceX kann in manchen Segmenten Preise diktieren, weil es keinen ernsthaften Wettbewerber gibt. Zitelmann benennt das offen und findet es ambivalent. Aber er unterscheidet – ökonomisch sauber über Schumpeter argumentierend – zwischen Monopolen auf bestehende Produkte und solchen, die erst durch radikale Innovation entstanden sind. Wer einen Markt erfindet, der vorher nicht existierte, geht ein enormes Risiko ein, und die Aussicht auf überdurchschnittliche Gewinne ist der einzige Grund, warum überhaupt jemand dieses Risiko eingeht. Privatmonopole fallen irgendwann durch Wettbewerb. Staatsmonopole bestehen auf ewig – und genau das war das Problem der staatlichen Raumfahrt nach Apollo.
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