★★★★☆

DAS METHUSALEM-KOMPLOTT von Frank Schirrmacher* war eine Empfehlung unseres lieben Bodo Schäfer. Und wenn Bodo Schäfer etwas empfiehlt, dann schaue ich es mir natürlich an. Er richtete sich mit seiner Empfehlung an alle, die sich tiefer in das katastrophale Thema Rente einlesen wollen. Und wie Ihr mich vielleicht bereits gut genug kennengelernt habt, lese ich sehr gerne auch mal querbeet. Vor allem in Bereichen, die auf den ersten Blick extrem langweilig wirken.

Was Du inhaltlich vom Buch erwarten darfst:

So kam auch dieses, etwas ältere Buch in meine Hände. Dass das Thema Rente wichtig ist, dessen sind sich wahrscheinlich alle bewusst, und dass sich dabei etwas strukturell ändern muss eben auch. Aber woran liegt es eigentlich, dass wir den Karren vor die Wand fahren? Genau diesem Aspekt wollte ich mich genauer widmen. Und vorab: Dieses Buch sollte für alle Politik Interessierten Pflichtlektüre sein.

Denn das Buch geht auch noch einen Schritt weiter und befasst sich mit den Themen Demografischer Wandel und den Auswirkungen des Alterns. Was macht das mit den Menschen selbst und was bedeutet das für uns?

„Eines ist in letzter Zeit sichtbar geworden: Ganze Völker altern in nie gekanntem Ausmaß. Das individuelle Schicksal wird zum politischen und ökonomischen Schicksal fast aller Staaten. Selbst nach vorsichtigen Schätzungen wird dieser Prozess auf unabsehbare Zeit anhalten. Für die nächsten fünfzig Jahre ist er bereits unumkehrbar.“
Frank Schirrmacher

Das Buch hilft damit die wirtschaftlichen, aber eben auch gesellschaftspolitischen Folgen des demografischen Wandels verstehen zu lernen. Es skizziert diese und diskutiert sie anhand von diversen Studien. Verschiedene Szenarien werden präsentiert und der zunehmende politische und gesellschaftliche Einfluss der alternden Schichten herausgestellt.

An vielen Stellen kann man gar nicht glauben, dass das Buch aus 2006 ist.

Dabei war der Autor seiner Zeit bereits ein ganzes Stück weit voraus, denn bereits 2006 beschreibt er im Mittelteil dieses Buches sehr treffend unsere heutigen Herausforderungen. Ein wenig böswillig könnte man auch behaupten, dass unsere Politiker schlichtweg seit zwei Jahrzehnten auf der Stelle treten was das Thema angeht. Die Probleme, die sich aus einer zunehmenden Alterung der Bevölkerung in Verbindung mit einer zunehmenden Migration ergeben, waren Frank Schirrmacher bereits präsent. Obwohl es anderen bis heute nicht verständlich zu sein scheint. Sie sehen es mit ihren eigenen Augen, wollen aber nicht erkennen, dass wir auf der einen Seite ein enormes Problem mit unseren Sozialversicherungssystemen haben und auf der anderen Seite die Herausforderung der Integration Hunderttausender in unsere Gemeinschaft und unseren Arbeitsmarkt stemmen müssen.

Es werden weiter sogar Studien zitiert, die auf das Jahr 2003 zurückgehen und schon damals insbesondere die Probleme mit den Sozialversicherungs- und Rentensystemen darlegen. Man kann also belegen, dass das Thema bereits seit knapp zwei Jahrzehnten bekannt und absehbar war. Vielen Dank an dieser Stelle an all die blinden und an ihr eigenes kurzfristiges Wohl denkenden Politiker und Bürger dieses Landes. Danke, dass ihr all die Jahre so getan habt, als sei dies eine Zukunft, die euch nichts angeht.

Alte Menschen als Last?

Der Autor lässt in diesem Zusammenhang kein Haar an den alten Menschen. Man kann schon fast von einem verachtenden Bild einer ganzen Generation sprechend, dass er zeichnet. Streckenweise geht mit das persönlich ein Stück zu weit, auch wenn er im Kern recht hat. Insbesondere die Pauschalisierung gefällt mir nicht. Der Autor möchte aber damit seine Theorie der zunehmenden Altersdiskriminierung (die seiner Meinung nach in vielen Bereichen berechtigter Natur ist) unterstreichen und als allgemeingültig darstellen. Es gibt aber eben auch etliche positive Beispiele von Menschen, die auch noch im hohen Alter aufblühen. Hier ein Beispiel.

„Der Sozialwissenschaftler Austin Lyman hat mit älteren Navajo-Indianern Mantras aufgezeichnet, die zeigen, wie Menschen das Alter intakt überstehen, indem sie sich ihre vergangenen noch so kleinen Siege erzählen; die Gruppe erinnerte sich in Versform daran, wie sie unter schlimmsten Bedingungen Schafe hütete. Wer, so lautet die Erkenntnis, Schafe im Sturm hüten kann, kann auch das Alter meistern.“
Frank Schirrmacher

Sorgt dafür, dass ihr geistig jung bleibt!

Daraus ergibt sich der eigentliche Appell des Autors an die ältere Generation. Alles dafür zu tun, um geistig jung zu bleiben. Es ist extrem wichtig und eben möglich. Bei den allermeisten älteren Menschen stößt dieser Appell aber leider nicht auf fruchtbaren Boden.

„Es gibt immer Menschen, die sich bewusst dafür entscheiden, kürzer zu leben. Sie rauchen oder trinken, aber immer tauschen sie – zumindest in ihrer eigenen Wahrnehmung – das kürzere Leben gegen einen aktuellen Genuss.“
Frank Schirrmacher

Du darfst Dich nicht ausruhen, nur weil Du alt bist! Alter ist kein Privileg, sondern Verantwortung!

Die Menschen unterliegen dabei einem Trugschluss, den wir als eine der ersten Generationen lernen müssen. Alter an sich ist kein Triumpf des Überlebens. Es ist keine Auszeichnung und kein Privileg den vielen gegenüber, die bereits gestorben sind. Alter hat viel mehr etwas mit Verantwortung zu tun.

Am Arbeitsmarkt gibt es die Quittung:

Denn Fakt ist, dass eben ältere Menschen, die erste körperliche und geistige Leiden bekommen natürlich vom Arbeitsmarkt nicht mehr mit Kusshand genommen werden. Darüber hinaus ist wissenschaftlich belegt, dass Menschen mit Ende 20, Anfang 30 ihren geistigen Zenit erreichen. Folglich sollten einige Unternehmen ihre eigenen Strukturen überdenken, wonach man sein einmal errungenes Gehalt nicht mehr verlieren kann. Denn solche Strukturen unterstützen nur noch die Altersdiskriminierung, wenn leistungsfähigere junge Kollegen deutlich weniger verdienen. Nur weil ansonsten das Gehaltsbudget gerissen würde und man den Älteren nichts wegnehmen kann. Mit Leistungsgerechter Entlohnung hat das nichts mehr zu tun.

Auch Vorstands- und Aufsichtsratsbesetzung, die beinahe durchweg von Ende 60 oder gar 70-jährigen Menschen besetzt werden, sind vielleicht ein Relikt der Vergangenheit und unterm Strich kontraproduktiv für die Unternehmen. So zumindest die Wissenschaft.

Die Expertise von Älteren wird aber immer gefragt bleiben:

Den Rat der Älteren, der Erfahreneren werden wir sicher immer brauchen. Aber ob diese dann auch an den Hebeln der Entscheidung sitzen müssen, ist eine andere Frage. Denn die schlimmste Unterstellung, die die älter werdenden Menschen trifft, ist der Zweifel an der Leistungsfähigkeit des Gehirns. Man kann sportlich sein, gute Blutwerte haben, Berge besteigen und Weltmeere durchkreuzen. Der Zweifel am Gehirn wird immer bestehen bleiben. Die Frage ist nur, ob das der Wahrheit entspricht oder lediglich eine Self-Fulfilling-Prophecy ist.

Ist es eine Self-Fulfilling Prophecy?

Die US-amerikanische Akademie der Wissenschaften hat in einer ihrer grundlegenden Studien über die Folgen der Alterung für das Gehirn des Menschen bereits im Jahr 1992 Beweise dafür geliefert, wie die Idee über das Altern das Altern selbst verändert. Viele von uns erwarten beim Älterwerden wie selbstverständlich ein Nachlassen der Konzentration und Erinnerungsleistung. Diese Erwartung selbst führt zu schlechteren Erinnerungsvermögen, und zwar weil man geringere Anstrengungen und frühere Resignation auslöst. Das mündet darin, dass wir Herausforderungen zunehmend meiden und ärztliche Hilfe nicht in Anspruch nehmen. Wir betrachten es eben als ganz normal.

Die daraus resultierende Ideologie der „has beens“, der Ausgebrannten Menschen – vor allem in kreativen Berufen – hat längst in alle anderen gesellschaftlichen Bereiche Einzug gehalten.

„Wir müssen nicht nur die Fehler und das Versagen, wir müssen auch die Erfolge unserer Generation würdigen lernen.“
Frank Schirrmacher

Von wen werden die Alten eigentlich diskriminiert?

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Erkenntnis, dass die Diskriminierung älterer Menschen im Wesentlichen von älteren Menschen selbst herrührt.

„Getreu dem Satz, dass keiner des Unterdrückten größer ist als andere Unterdrückte, sperren sich Ältere in ihre eigenen Vorurteile ein. Reden schlecht über andere Ältere und sind leider nur zu bereit zu Denunziation und Verrat.“
Frank Schirrmacher

Am Ende führt dies aber dazu, dass wir uns in einer Endlosspirale dafür schuldig fühlen, zu altern.

„Mit steigendem Alter werden wir vermutlich selbst zur gefährlichen Altlast und unsere Lebensgeschichte liest sich als eine Geschichte von Ressourcenverschwendung und Kapitalvernichtung auf Kosten der jungen Generation – wir verzehren dann buchstäblich täglich die Substanz der Jüngeren. Und unsere täglichen Beschwerden, unsere runzligen Hände und grauen Haare und der merkwürdige Blick unserer Mitgeschöpfe zeigt uns, dass unsere große Freundin, die Natur, uns verlassen hat.“
Frank Schirrmacher

Wir haben genug zu tun. Zeigt nicht auf andere!

Ich möchte damit überhaupt nicht sagen, dass an den meisten Kritikpunkten nichts dran ist. Ich möchte lediglich zum Ausdruck bringen, dass wir uns bei all der berechtigten Kritik nicht selbst denunzieren, sondern in positiver Haltung den Aufgaben widmen sollten, die unserer Generation vor der Brust stehen. Die Schuld jemand anderem zuzusprechen ist absolut sinnfrei, schon fast kontraproduktiv. Das wusste nicht zuletzt bereits ein Dale Carnegie in seinem Meisterwerk WIE MAN FREUNDE GEWINNT* worüber Du hier nochmal lesen kannst. Wir selbst haben alle jeden Tag die Entscheidung, wie wir in Zukunft leben wollen. Den Weg bestimmen wir täglich mit unserem Konsum. Das war schon seit Jahrhunderten die nachhaltigste Art und Weise, die Welt zu verändern.

„Den jungen Hermann Hesse gruselte ein Schaubild in seinem streng-religiösen Elternhaus. Es zeigte eine breite, gemütliche Straße, an deren Seiten sich alle möglichen Verlockungen anboten, und einen engen, steinigen und steilen Hohlweg. Darunter stand: Der breite Weg in die Hölle, der steinige Weg in den Himmel.“
Frank Schirrmacher

Es geht um das gesellschaftliche Problem:

Der Autor dieses Buches möchte den Lesern aber keine Angst vor dem Altern machen. Auch wenn der Eindruck hier vielleicht entstanden sein könnte. Er möchte schlichtweg auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam machen, dass wir als gegeben betrachten, obwohl wir es selbst erzeugt haben.

„Um es klar zu sagen: Hier geht es nicht darum, einer Lebensphase, in die wir vermutlich alle eintreten werden, den Schrecken durch Statistik zu nehmen. Es geht um eine fundamentale Korrektur: Wir hegen, selbst nach heutigem Stand der Erkenntnisse, völlig falsche normative Vorstellungen über das Alter; uns treiben Rollen- und Spiegelbilder, unterstützt von Fernsehen und Werbung, in ganz und gar anachronistische, hässliche, zweidimensionale Karikatur unseres Selbstbewusstseins hinein. Es ist die Vertreibung in ein Exil.“
Frank Schirrmacher

Was das Buch mit mir gemacht hat und wem ich es empfehlen kann:

Das Buch hat in mir bereits beim Lesen etliche Gedanken ausgelöst. Und vor allem im Nachgang schwirrte vieles durch meinen Kopf. Interessant fand ich vor allem die Abschnitte über die emotionalen No-Gos im Umgang mit älteren Menschen. Dinge, die ihnen leicht das Selbstbewusstsein rauben können, sie vergesslicher werden lassen oder gar aggressiver und verstockt. Allein deswegen ist dieses Buch bereits für alle die Menschen mit vielen älteren Menschen in ihrem Umfeld sehr lesenswert.

Dennoch muss ich erwähnen, dass einige Passagen wirklich zäh zu lesen waren und gestreckt wirkten. Auch er Schreibstil ist, dem Alter der Veröffentlichung geschuldet, vielleicht ein Stück weit überholt.

Aber es ist uns bleibt ein wirklich lesenswertes Buch für alle, die sich mit dem Thema Alter, Demografie, Rente und Co. auseinandersetzen wollen. Die letzten Worte möchte ich in diesem Fall aber dem Autor selbst überlassen:

„Unser Kalender ist das Gesicht. Bereiten Sie sich darauf vor, dass der Unterschied zwischen dem, was Sie im Spiegel sehen, und dem, was Sie sind, bei gleichzeitigem Zurückwünschen auf einen früheren Lebenszeitpunkt Sie noch als Ururgroßvater oder Mutter beseelt.“
Frank Schirrmacher


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