Leider ein deutlich überspitztes finanz- und politikwissenschaftliches Buch, was die Dinge ausblendet, die nicht passen und andere betont.
Politik

Das Monopol im 21. Jahrhundert

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★★★☆☆

DAS MONOPOL IM 21. JAHRHUNDERT von Hans-Jürgen Jakobs* ist ein interessantes politisches Werk. Es berichtet vom Monopolismus. Dieser drohe mit einer Herrschaft über Rohstoffe, Kapital, Energie, Nahrungsmitteln und Daten, den Wettbewerb am Markt abzuschaffen. Der Autor spricht sogar davon, dass private Unternehmen und staatliche Konzerne damit unseren Wohlstand zerstören würden. / Anzeige

In diesem Zusammenhang fallen selbstverständlich wieder die üblichen Namen: Gazprom, Google, Blackrock, USA, China und Russland.

Die Folgen typischer Monopole sollten allen wirtschaftlich interessierten Menschen in der Theorie bewusst sein: weniger Innovation, höhere Preise, aber vor allem wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von Wenigen.

Der Autor ist allerdings Wirtschaftsjournalist und muss dementsprechend sprachlich noch eine Schippe drauflegen. Er sieht „unseren Wohlstand, ja sogar unsere Freiheit […] in Gefahr“. Nicht nur damit, sondern auch mit unzähligen weiteren nicht belegten Thesen im Buch übertreibt er es meiner Meinung nach. Er zeichnet ein Bild, das im Kern ein wichtiges Problem adressiert, aber typisch medial aufgebläht wird.

„Was wäre die richtige Politik, was sind die notwendigen Maßnahmen, um mit dem Megatrend Monopolismus fertig zu werden, der unser liberal-demokratisches System gefährdet? Wie gehen wir um mit diesen gigantischen wirtschaftlichen Einheiten, die sich gebildet haben und die alle herausfordern, die davon negativ betroffen sein können: die Bürgergesellschaft, die kleineren und mittleren Wettbewerber, die Politiker und Parteien, die Ökonomen und Medien? Oligopole und Quasimonopole verkörpern ja nicht nur Macht, sondern sind mit ihren Produkten oft Teil unseres Lebensstils geworden. Denken wir nur an Apple oder Amazon, an Edeka, Esso oder Eon. Oft standen am Anfang ihres Wachstums Ideen, die Bedürfnisse im Markt vorwegnahmen, bevor die Unternehmen schließlich zu groß geworden sind und begonnen haben, unser aller Freiheit und den ‚Wohlstand für alle‘ zu bedrohen.“
Hans-Jürgen Jakobs

Generell ist der Begriff Monopol in der Wirtschaftswissenschaft eigentlich ziemlich klar definiert.

Um seiner Argumentation noch mehr Durchschlagskraft zu verleihen, verwendet der Autor ihn jedoch nicht strikt als Synonym für Alleinanbieter. Prinzipiell ist eine solche Aufweichung auch gar nicht verkehrt, denn 100-prozentige Monopole sind eher selten. Der Autor verwendet diesen Begriff jedoch bereits dann, wenn ein Konzern rund 40 Prozent eines Marktes beherrscht. Oder wenn drei Konzerne auf 60 Prozent kommen.

Die Frage ist nur, ob das im Internet-Zeitalter überhaupt noch zeitgemäß ist. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass der Autor hohe Marktanteile, die durch freie Konsumentscheidungen entstanden sind, mit Konsumzwang verwechselt. Denn niemand zwingt uns bekanntlich dazu, ein iPhone zu kaufen oder ein Handy von Samsung. Es gibt genügend andere Anbieter am Markt. Nur sagen die eben aus verschiedensten Gründen den Leuten offensichtlich nicht so zu.

Das nun allerdings als toxisches Monopol zu bezeichnen, ist schon etwas weit hergeholt. Ebenso kritisch würde ich es bei Social-Media-Plattformen betrachten. Wer ist denn schon allen Ernstes dazu gezwungen, beispielsweise Instagram und Facebook zu nutzen? Gibt es nicht mit TikTok, YouTube, LinkedIn, Xing, Clubhouse, Discord, Twitch, Snapchat und Co. einen ziemlich regen Wettkampf um Nutzer und Creator? Ich spüre den tagein, tagaus, der Autor offensichtlich nicht.

Für ihn ist die Marktmacht aufgrund eines hohen Marktanteils in Stein gemeißelt.

Vielleicht sollte er das aber mal den Managern von Instagram oder YouTube erzählen. Sie haben sich nach dem Aufkommen von TikTok überschlagen mit Neuerungen, um den Strom von Nutzern weg von ihren Plattformen hin zu TikTok zu verhindern. Oder denen von Facebook, die ihre Plattform langsam, aber sicher sterben und verwahrlosen sehen.

Im Tech-Zeitalter entstehen immer wieder neue Firmen mit kreativen Geschäftsmodellen, die es bis an die Spitze schaffen. TikTok ist da nur ein Beispiel, Spotify ein weiteres. Und die Chefs von Google und Co. sagen nicht ohne Grund, dass das größte Risiko für sie von den Unternehmen ausgeht, die noch gar nicht gegründet wurden. Diese Aussage stellt das Bild, das der Autor von unserer Welt zeichnet, massiv infrage.

Bei Rohstoffen und Co. kann ich ihm sogar in weiten Teilen zustimmen. Aber dieser kategorische Rundumschlag in alle Richtungen ist mir zu viel mediale Inszenierung statt analytisches Sachbuch.

„Monopolismus sägt, wenn wir ehrlich sind, an den Fundamenten eines freiheitlichen Systems, dessen Repräsentanten ihren Bürgerinnen und Bürgern die Verheißung – manchmal auch nur die Illusion – verkaufen, es käme bei dem, was geschieht, auf ihren Willen an. Was aber, wenn in Wahrheit die Bannerträger des Monopolismus entscheiden, in welche Richtung sich die Gesellschaft weiterentwickelt?“
Hans-Jürgen Jakobs

An dieser Stelle ein paar Worte zum Autor:

Hans-Jürgen Jakobs ist Volkswirt und Wirtschaftsjournalist. Er arbeitete unter anderem für den Spiegel und war Chef der Online-Ausgabe und der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung. Seit 2013 ist er in verschiedenen Funktionen für die Verlagsgruppe Handelsblatt tätig: bis 2015 war er Chefredakteur, seit 2016 ist er Senior Editor des Handelsblatts. Seit 2018 ist er zudem Herausgeber des Handelsblatt Morning Briefing und veröffentlichte bereits 2016 ein Buch mit dem Titel Wem gehört die Welt?*

„Dieses inständige Streben nach einem Monopol, dieser Griff nach der absoluten Marktmacht, durchaus verbunden mit politischer Macht, umweht ein besonderer Glaube, dessen knappes Mantra sich so resümieren lässt:

‚the bigger the better‘, je größer, desto besser. Dieses Mantra hatte schon vor dem Aufstieg von Google & Co viele Gütermärkte erfasst. Es ist die Ideologie von einer ökonomischen Dominanz, die angeblich im Dienst der Allgemeinheit, ja der Menschheit, steht und nicht nur im Dienst irgendwelcher Milliardäre oder der Schar einiger Großaktionäre und kleinerer Follower, die so auch etwas abhaben wollen vom Run auf die Märkte.“
Hans-Jürgen Jakobs

Mir persönlich ist das sprachlich zu viel.

Der Autor hat in vielen Fällen sicherlich recht und beleuchtet ein Thema, dessen wir uns zweifelsohne annehmen sollten. Staaten werden teilweise von großen Konzernen korrumpiert, aber da stellt sich mir vielmehr die Frage, weshalb. Wirkliche Marktmacht ist es in einigen Fällen sicherlich nicht. Denn viele der „Monopole“, die der Autor aufzählt, bewegen sich nicht in lebensnotwendigen Bereichen, wie z. B. Social-Media-Plattformen.

Von diesen sind wir sicherlich nicht derart abhängig wie von Rohstoffen wie Gas oder Erdöl. Und es dürfte entsprechend auch kein aufrichtiges politisches Interesse geben, diese Unternehmen zumindest auf dem eigenen Hoheitsgebiet nicht in die Schranken zu weisen. Außer man möchte es sich mit ihnen – aus welchen Gründen auch immer – nicht verscherzen. Und exakt da müssen wir ansetzen. Deswegen finde ich dieses Buch auch unterm Strich gut und lesenswert. Es ist mir nur etwas zu überspitzt und allgemeingültig geschrieben.

An vielen Stellen sind mir die Aussagen schlicht zu pauschal und zu wenig fundiert.

Denn wenn man schreibt, Corona hätte die Großen größer gemacht und die Kleinen geschwächt, dann ist das faktisch nicht belegbar. Vielmehr liegt es am Aufbau der Unternehmen, ihrer Kultur und ihrer Branche, wie sie auf verschiedene äußere Einflüsse reagieren können. Und ob sie dann schlussendlich profitieren oder leiden.

Mich stört der etwas idealistische Tenor, „die bösen Großen und die guten Schwachen“. Denn wie wäre es, wenn wir versuchen, von den bösen Großen etwas zu lernen? Häufig sind sie nicht einfach nur böse und groß, weil sie anderen das Geld aus der Tasche gezogen haben. Sondern sie waren auch mal klein und haben unter Umständen etwas gut oder sogar besser gemacht.

Im Kern hat der Autor allerdings recht. Seine generelle Kritik ist absolut richtig und wichtig.

Denn insbesondere vonseiten der Politik wird gefühlt gar nichts gemacht, um der Monopol- und Oligopolbildung Herr zu werden.

Gerade die Großen sind in ihren Branchen nicht too big to fail, wie der Autor es darstellt. Denn ihre Branchen sind häufig so fluide, dass die Unternehmen – wenn sie nicht aufpassen – innerhalb von wenigen Monaten verschwinden könnten. Was bleibt, ist ihr Geld. Aber das ist im Silicon Valley an unzähligen Stellen vorhanden und rettet sie im Zweifel auch nicht. Stattdessen zählt vielmehr die bessere Idee und der Kunde. Wenn Facebook nicht aufpasst, verkommt es zur Plattform von gestern. Genauso wie TikTok den Markt umgeworfen hat und zu Coronazeiten auch Telegramm, Discord und Clubhouse.

Selbst wenn ich vorher nicht den Namen und die Vita des Autors gelesen hätte, wäre mir recht schnell klargewesen: Hier muss es sich um einen Journalisten und nicht um einen Wirtschaftswissenschaftler handeln. Denn die Überschriften sind an vielen Stellen deutlich größer als der Inhalt und die Thesen nicht immer handfest belegbar.

Kritisch betrachte ich auch die Statements auf dem Backcover, im Einband und teilweise in der Einleitung. Dort wird ein „brandaktuelles, glänzend recherchiertes“ Buch angepriesen, mit „aktuellsten Daten“. Die dürfte es rein grammatikalisch schon gar nicht geben. Und das wird noch damit abgerundet, dass dieses Werk „unverzichtbar [wäre], wenn man Fakten schätzt“. Für meinen Geschmack deutlich zu viel.

Gut ist dieses Buch zweifelsohne, aber am Ende eben auch nicht mehr. Denn dafür ist es zu sehr ideologisch aufgeheizt.

Da wird von feindlichen Übernahmen gesprochen, als ob man Leute dazu zwingen könnte, ihr eigenes Unternehmen zu verkaufen. Und als ob Anteilseigner zu schlechten Konditionen zusagen würden. Wer sich für solche Themen interessiert, darf sich gerne die Dokureihe über den Aufstieg von Spotify auf Netflix anschauen. Wieder zwei Unternehmen, die laut Autor auf boshafte Art und Weise groß geworden sind und nicht, weil sie ein überragendes Angebot kreiert haben.

In dieser Doku wird man erkennen, dass es definitiv nicht unmöglich ist, selbst außerhalb des Silicon Valleys ein Unicorn aufzubauen. Aber auch Spotify ist für den Autor wahrscheinlich eines dieser Monopole. Es kommt nur eben nicht aus den USA, sondern aus Schweden. Und deswegen wird es ausgespart, damit es nicht gegen den Tenor des Buches singt.

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