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NARRATIVE WIRTSCHAFT von Robert J. Shiller* ist die wissenschaftliche Betrachtung von Storytelling im großen Stil und dessen Wechselwirkungen auf die Wirtschaft. Für mich persönlich kein innovativer, aber zweifelsohne ein interessanter Weg zur Erforschung wirtschaftlicher Veränderungen – vor allem aber von Blasenbildungen und Krisen. Anders als die Mehrheit der Wissenschaft verlässt sich der Wirtschaftsnobelpreisträger damit nicht nur auf Zahlen, Daten und Fakten. Vielmehr versucht er, die rein statistische Betrachtungsweise um eine emotionale Note zu erweitern. Denn er sieht die Ursache für die genannten Punkte in vielen auf den ersten Blick vielleicht nicht erklärbaren Phänomenen in populären Geschichten. Folglich ist es das Storytelling, das das individuelle und kollektive Wirtschaftsleben vorantreibt. Um es mit seinen Worten zu sagen: eine „Narrative Wirtschaft“.

Mithilfe der Narrative können Finanzblasen und andere Wirtschaftsereignisse besser vorhergesagt werden, so Shiller. Wo dies in der Vergangenheit so bereits geschehen ist, aber vielleicht nicht beachtet wurde, dafür hält er etliche Beispiele bereit. Auf über 400 überraschend leicht zu lesenden Seiten verdeutlicht er, dass wir beginnen müssen, die Wirkung der Narrative ernst zu nehmen und richtet seinen Appell insbesondere an seine Forschungskollegen und -kolleginnen.

Für mich ist sein Ansatz eine Mischung aus den Überlegungen von Gustave Le Bon und den wissenschaftlichen Ausführungen eines Daniel Kahneman. Allerdings mit einem deutlich stärkeren Fokus auf wirtschaftlichen Zusammenhängen – insbesondere makroökomischen.

Sein Antrieb fußte dabei auf durchaus skurrilen Auswüchsen.

Seien es Unternehmen, die zu groß sind, um zu scheitern oder Kryptowährungen wie der Bitcoin. Für ihn sind es stets die Geschichten dahinter, die das Verhalten von Menschen und somit auch die Wirtschaft massiv beeinflussen. Wie entstehen solche Narrative? Wer setzt sie in die Welt und welche Absicht steckt dahinter? Wie gehen sie schlussendlich viral und welche Auswirkungen haben sie? Diesen Fragen stellt sich Shiller in seinem Buch. Natürlich geht er aber auch darauf ein, wie verwertbar solche Prognosen überhaupt sind.

„Wir müssen die Ansteckung durch narrative in die Wirtschaftstheorie einfließen lassen. Sonst bleiben wir blind für einen sehr realen, sehr greifbaren Mechanismus des wirtschaftlichen Wandels, ebenso wie für ein entscheidendes Element ökonomischer Vorhersagen. Wenn wir die Epidemien populärer Narrative nicht verstehen, erfassen wir den Wandel der Wirtschaft und des ökonomischen Verhaltens nur unvollständig.“
Robert J. Shiller

In seiner Publikation zeigt er: Es kann sehr hilfreich sein, die Natur von Epidemien und ihrer Beziehung zu Ansteckungsfaktoren zu verstehen. Insbesondere dann, wenn es darum geht, etwas besser vorherzusagen als es rein statistische Methoden könnten.

Seine Antworten sind schlüssig und interessant. Wenngleich sie auch für all jene, die bereits einen Gustave Le Bon oder Nate Silver gelesen haben, nicht überraschend sein dürften. .  Trotzdem betont Shiller noch einmal, dass die Statistiken nicht alles offenbaren. Ganz besonders nicht die Macht der Narrative.

Im Finanzbereich sollte der Autor eigentlich allen Menschen ein Begriff sein. Wer ihn noch nicht kennt:

Robert J. Shiller ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Yale University und wurde 2013 mit dem Wirtschaftsnobelpreis geehrt. In der Finanzwelt ist er vor allem für das Shiller KGV, seine Vorhersagen der New-Economy-Blase sowie der Subprime-Krise bekannt.

Der Begriff der Narrativen Wirtschaft umfasst nach Robert Shiller zwei Elemente:

  1. Die Mundpropaganda, die für eine Ansteckung mit Ideen in Form von Storys sorgt, und …
  2. die Bemühungen von Menschen, neue ansteckende Storys zu erfinden oder andere noch ansteckender zu machen.

Dabei legt er seinen Fokus darauf herauszufinden, wie narrative Ansteckung wirtschaftliche Ereignisse beeinflusst.

Das Wort Narrativ wird häufig gleichbedeutend mit dem Wort Geschichte verwendet. Für Robert J. Shiller vermittelt es aber eine etwas modernere Bedeutung. Nämlich: „Eine Geschichte oder Repräsentation, die man verwendet, um eine Gesellschaft, Ära et cetera zu erklären oder zu rechtfertigen.“ Er führt weiter aus, „dass Geschichten nicht auf einfache Wiedergabe von Ereignissen beschränkt sind, die der Menschheit widerfahren. Eine Geschichte kann auch ein Lied, ein Witz, eine Theorie, eine Erklärung oder ein Plan sein, der einen emotionalen Widerhall findet und sich einfach in einer normalen Unterhaltung wiedergeben lässt. Wir können uns die Geschichte als eine Abfolge seltener, großer Ereignisse vorstellen, wenn eine Story viral geht, häufig (aber nicht immer) mithilfe eines attraktiven Prominenten (manchmal auch nur ein C Promi oder eine fiktive Figur), deren Einbeziehung in das Narrativ dem Ganzen einen Aspekt des ‚human interest‘ hinzufügt.“

Beliebte Geschichten verändern sich mit der Zeit, um wirtschaftliche Ergebnisse zu beeinflussen.

Nicht nur Rezessionen und Wirtschaftskrisen, sondern auch andere wichtige wirtschaftliche Phänomene. Das demonstriert dieses Buch. Narrative wirken dabei ansteckend, was sie in vielen Fällen schwer berechenbar macht. Dennoch hilft hier das Wissen um die Epidemiologie.

„Letztlich sind Narrative wichtige Vektoren einer schnellen Veränderung der Kultur, des Zeitgeistes und des ökonomischen Verhaltens. Manchmal verbinden sich Narrative mit Moden und Hypes. Clevere Marketing-Experten und Promoter verstecken diese dann beim Versuch, davon zu profitieren.“
Robert J. Shiller

Robert Shiller behauptet, dass traditionelle ökonomische Ansätze es versäumen, die Rolle des öffentlichen Glaubens anhand wichtiger wirtschaftlicher Ereignisse zu untersuchen. Damit hat er vollkommen Recht. Nur ist es eben auf den ersten Blick auch die Kür, dies umsetzen zu können. Zweifelsohne können diese Ansätze aber nur davon profitieren, wenn sie Narrative in ihre Erklärung miteinbeziehen.

„Dieses Buch ist der Schlussstein eines Gedankengangs, den ich einen Großteil meines Lebens lang entwickelt habe. Er basiert auf Arbeit, die ich und meine Kollegen, besonders George Akerlof, über Jahrzehnte geleistet haben. Dieses Buch unternimmt den breit angelegten Versuch, die Ideen in all diesen Arbeiten zu kombinieren und sie mit der Epidemiologie zu verbinden und die Vorstellung zu untermauern, dass Gedankenviren verantwortlich sind für viele der Veränderungen, die wie bei ökonomischen Aktivitäten beobachten. Die ‚Story‘ unserer Zeit und unseres persönlichen Lebens verändert sich ständig und damit auch, wie wir uns verhalten.“
Robert J. Shiller

Das Buch ist dabei in vier Teile aufgeteilt:

Der erste Teil stellt die grundlegenden Konzepte vor, die von der Forschung in so unterschiedlichen Feldern wie Medizin und Geschichte profitieren und die zwei Beispiele für Narrative bieten, die vielen Leser:innen ein Begriff sein werden.

  1. Das Bitcoin Narrativ.
  2. Das Narrativ der Laffer-Kurve.

Der zweite Teil bietet eine Liste an Vorschlägen, die unser Nachdenken über ökonomische Narrative in die richtigen Bahnen lenken und dabei Denkfehler verhindern sollen. Laut Robert Shiller realisieren viele Menschen nicht, dass langjährig kursierende Narrative einen Prozess der Mutation durchlaufen können. Dieser belebt einst einflussreiche Geschichten neu und lässt sie wiedererstarken.

Der dritte Teil untersucht neun zeitlose Narrative, die ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt haben, wichtige ökonomische Entscheidungen zu beeinflussen.

Der vierte Teil wagt einen Blick in die Zukunft und präsentiert einige Überlegungen, wohin uns Narrative an diesem Punkt der Geschichte führen und welche künftigen Forschungen unser Verständnis dieser Narrative verbessern könnten.

Das Buch schließt mit einem Anhang ab, der die Analyse der Narrative dann noch mit der medizinischen Theorie der Epidemie von Krankheiten in Bezug setzt.

Bereits am Aufbau lässt sich erahnen, für wen dieses Buch besonders geeignet sein könnte und für wen eher nicht.

Es ist ein recht wissenschaftlicher Aufbau und obgleich die Sprache leicht verständlich und im Vergleich zu den Publikationen von Daniel Kahneman auch einfach gewählt ist, richtet sich der Autor damit doch eher an erfahrenere Leser:innen. Wer allerdings keine Angst vor über 400 Seiten Wirtschaftstheorie hat und sich gerne auch mit ökonomischen Zusammenhängen und vor allem der Verzahnung aus Theorie und der vermeintlichen Unberechenbarkeit des Menschen auseinandersetzt, wird hier sicherlich nicht enttäuscht.

Für mich ein sehr interessantes, wenn auch eher fortgeschrittenes Wirtschaftsbuch.


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