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DIE 10 IRRTÜMER DER ANTI-KAPITALISTEN von Rainer Zitelmann* ist ein unglaublich pointiertes und breit recherchiertes Werk zur Kritik an der Kapitalismuskritik. Wie der Titel bereits erahnen lässt, geht der Autor auf die häufigsten Annahmen und Behauptungen der Kapitalismuskritiker in Politik und Gesellschaft ein. Seine Behauptungen untermauert er anhand belastbarer Daten und Analysen. Fast 900 Fußnoten und knapp 30 Seiten Literaturverzeichnis sowie dutzende weitere Seiten mit Fragebögen und eigenen Untersuchungen des Autors vereint dieses Werk.

Man spürt, dass er einen akademischen Hintergrund und seine beiden Promotionen in themennahen bzw. -verwandten Bereichen abgelegt hat. Er führt die Titel nicht einfach nur zur Show wie manch ein:e andere:r Finanz- oder Politik-Experte oder -Expertin, der:die in Wirklichkeit einen Dr. med. Titel hat. Seine Bücher – insbesondere dieses hier – sind ein Paradebeispiel für sauber aufgearbeitete Werke.

Für mich ist dieses Buch eines der besten politischen Werke der letzten Jahre. Dagegen kommt auch Das Kapital von Thomas Piketty nicht an. Leider ist der Titel ist des Buchs von Rainer Zitelmann gesellschaftlich nicht gern gesehen. Wohl wenig hat in den letzten Jahrzehnten mehr Hochkonjunktur erlangt als stumpfe Kapitalismuskritik, ohne über jegliches wirtschaftliche Verständnis zu verfügen.

Rainer Zitelmann prüft die typischen Einwände gegen den Kapitalismus.

Darunter auch: „Kapitalismus ist verantwortlich für Hunger und Armut“ oder „Kapitalismus führt zu steigender Ungleichheit“, aber auch „Kapitalismus ist schuld an Umweltzerstörung“.

Eine jede Person, die politisch interessiert ist – vor allem, wenn sie bislang solchen Stammtischparolen noch intuitiv zustimmen würde –, sollte dieses Buch unbedingt lesen und sich mit den Fakten auseinandersetzen. Denn es behandelt das Thema fernab irgendwelcher Ideologie und emotional ausweichenden Argumentationen.

Für den Autor ist eines glasklar: „Nicht der Kapitalismus hat versagt, sondern alle antikapitalistischen Experimente der vergangenen 100 Jahre.“

Der zweite Teil des Buches handelt davon, wie die Menschen in Europa, den USA und Asien zum Kapitalismus stehen. Manche Autoren und Autorinnen würden nun wieder plumpe Mutmaßungen anstellen. Herr Zitelmann hat allerdings bei dem renommierten Umfrageinstitut Ipsos MORI eine Umfrage in 14 Ländern in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse im Buch erstmals vorgestellt wurden.

Hier nochmal eine Übersicht der zehn Irrtümer der Antikapitalisten und Antikapitalistinnen und gleichzeitig Kapitelüberschriften des ersten Buchteils:

1. »Kapitalismus ist verantwortlich für Hunger und Armut«.

2. »Kapitalismus führt zu steigender Ungleichheit«.

3. »Kapitalismus ist schuld an Umweltzerstörung und Klimawandel«.

4. »Kapitalismus führt zu immer neuen Wirtschaftskrisen«.

5. »Kapitalismus ist undemokratisch – die Reichen bestimmen die Politik«.

6. »Kapitalismus führt zu Monopolen«.

7. »Kapitalismus fördert Egoismus und Profitgier – Menschlichkeit geht verloren«.

8. »Kapitalismus erzeugt künstliche Bedürfnisse durch Werbung und fördert unnötigen Konsum«.

9. »Kapitalismus führt zum Krieg«.

10. »Kapitalismus führt zum Faschismus«.

Der Kapitalismus ist heute quasi der Buhmann für alles Schlechte auf der Welt. Aus einer Ideologie wurde mit der Zeit fast schon ein Lifestyle. „Der Begriff ist zum Synonym für das Böse schlechthin geworden. Und zwar nicht nur in der politischen Religion des Antikapitalismus, sondern auch im Bewusstsein vieler Menschen. Der Kapitalismus hat nicht viele Freunde auf der Welt – und dies, obwohl er so erfolgreich war wie kein anderes Wirtschaftssystem der Menschheitsgeschichte.“ Rainer Zitelmann

Dem Autor nach besteht der Trick der Antikapitalisten und Antikapitalistinnen darin, nicht zwei reale Systeme miteinander zu vergleichen, sondern ein reales mit einem „Ideal einer perfekten Welt, die sie sich ausgedacht haben, die es jedoch nirgendwo gibt oder gab.“

Darüber hinaus bemängelt er das maximal oberflächliche Wissen über die Wirtschaftsgeschichte unserer Welt in der breiten Masse, was selbstverständlich ein leichtes Einfallstor für steile Behauptungen darstellt.

„Wenn man darauf hinweist, dass alle antikapitalistischen Systementwürfe ausnahmslos gescheitert sind, dann lassen die Antikapitalisten das nicht gelten: Das sei ja gar kein »wahrer« Sozialismus gewesen! Und sie insinuieren damit selbstgewiss, sie hätten nun nach über 100 Jahren das richtige Rezept gefunden, wie es das nächste Mal funktionieren kann.“
Rainer Zitelmann

Die Argumentation des Autors ist dabei ganz und gar nicht theoretisch. Vielleicht gerade deswegen, weil nach seiner Aussage Gegner:innen des Kapitalismus es lieben, über Theorien zu diskutieren. Und weil bei solchen Diskussionen nicht so einfach zu entscheiden ist, wer Recht und wer Unrecht hat. Sicherlich aber auch, weil sie Freude daran haben, sich in die Höhen der Abstraktion aufzuschwingen.

Neben der ausführlichen Auseinandersetzung mit der Argumentation des Antikapitalismus ist vor allem auch der zweite Teil des Buches interessant.

Darin geht es um Alternativen zum Kapitalismus. Besonders schockierend ist darin der dritte Abschnitt, in dem Umfrageergebnisse der Sicht der Menschen auf den Kapitalismus abgebildet werden. Wie weit dabei die Realität und die Wahrnehmung der Befragten auseinandergehen, ist einfach nur traurig. Es hat mich aber auch offen gestanden nicht sonderlich überrascht.

„Dieses Buch dient nicht in erster Linie der Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaftlern, sondern es geht mir vor allem um die Kritik an populären Meinungen über den Kapitalismus. Gleichwohl setze ich mich in manchen Kapiteln mit den Argumenten einiger prominenter antikapitalistischer Intellektueller – wie etwa Thomas Piketty, Naomi Klein und Noam Chomsky – oder mit Büchern und Argumenten von kapitalismuskritischen Wissenschaftlern auseinander. Ich tue das vor allem dann, wenn ich glaube, dass deren Thesen inzwischen in breiteren Bevölkerungsschichten Akzeptanz gefunden haben. Dabei haben natürlich die meisten Menschen, die antikapitalistische Meinungen teilen, weder Marx noch einen der modernen Kapitalismuskritiker gelesen. Aber viele ihrer Thesen haben – vermittelt durch Medien, Universitäten und Schulen – Eingang in das allgemeine Bewusstsein gefunden und gelten sogar teilweise als gesicherte Erkenntnisse, obwohl sie zahlreiche Irrtümer enthalten.”
Rainer Zitelmann

Ich persönlich habe Marx gelesen. Aber auch Smith und von Mises. Leicht zu lesen sind ihre Werke sicherlich nicht. Doch bei solchen Büchern ist es immer spannend, die vor Ewigkeiten aufgestellten Thesen an der Realität der Jahre danach zu messen und zu beobachten, inwieweit sie letztlich ein gangbares Fundament mitgebracht haben.

Für mich ist dieses Buch eine wunderbare Möglichkeit, sich auch als Einsteiger:in in diese Thematik einzulesen.

Trotzdem bleibe ich weiterhin eine Freundin der Primärliteratur. Rainer Zitelmann hat dennoch zweifelsohne wieder ein – ohne jegliche Einschränkung – empfehlenswertes Buch herausgebracht. Ich ziehe sowohl den Hut vor dem Aufwand der Recherche, der in diesem Werk schlummert, als auch vor dem Mut, eine gesellschaftlich so konträr manifestierte Position zu beziehen und sich damit auch in gewisser Weise zur Zielscheibe von Psychopathen und Psychopathinnen zu machen.

Bei all den Ausführungen sollte man im Übrigen auch im Kopf behalten, dass Rainer Zitelmann in seinen jungen 20er Jahren noch glühender Marxist war. Er weiß also, wovon er spricht.

Schließen möchte ich diese Rezension mit ein paar wunderbaren Ausschnitten, die hoffentlich Lust machen auf mehr:

„Der Glaube, man müsste das Geld nur von den reichen in die armen Länder »umverteilen«, ist naiv. Die Wirtschaft ist eben kein Nullsummenspiel, in dem man einem Individuum, einer Bevölkerungsgruppe oder einem Land lediglich etwas wegnehmen muss, um die Gesamtheit reicher zu machen. Was wirklich gegen Armut hilft, dies hat die Entwicklung in Westeuropa seit 1820 sowie die Entwicklung in asiatischen Ländern wie China, Südkorea oder Vietnam in den vergangenen 40 Jahren gezeigt, ist mehr wirtschaftliche Freiheit.“
Rainer Zitelmann

„Foster zitiert den amerikanischen Psychologen Harry Stack Sullivan mit einer Überlegung, die für die Erforschung der Quellen des Neides auf Reiche bedeutsam ist. Neid beginne mit dem Eingeständnis, dass der andere etwas hat, das man selbst gerne hätte. Dies führe automatisch zu der Frage, warum man selbst es nicht geschafft hat und warum es dem anderen gelungen ist, das Ziel zu erreichen. Dies ist ein zentraler Gedanke für das Verständnis der Tatsache, dass Neidgefühle so stark geleugnet werden und die meisten Menschen nicht zugeben wollen, dass sie neidisch sind: »Neid ist nicht angenehm, weil jede Formulierung des Gefühls, jeder implizite Prozess, der damit verbunden ist, notwendigerweise mit dem Punkt beginnt, dass man irgendetwas Materielles begehrt, das unglücklicherweise jemand anderes hat. Das führt automatisch zu der Frage: Warum hast du es nicht? Und das reicht mitunter aus, um Unsicherheit auszulösen, weil offenbar der andere Kerl im Gegensatz zu dir in der Lage ist, sich diese materiellen Dinge zu verschaffen, die ihm Sicherheit geben, während du dich nur noch unterlegener fühlst.«“
Rainer Zitelmann

„Kritiker der sozialen Ungleichheit bestreiten naturgemäß vehement, dass Neid ihr Motiv ist oder überhaupt irgendeine Rolle spielt. Der Philosoph Christian Neuhäuser schreibt in seinem Buch »Reichtum als moralisches Problem«: »Ich denke, dass viele Phänomene, die wie Neid erscheinen mögen, tatsächlich als verletzte Gerechtigkeitsgefühle verstanden werden können«. Dabei ist Neuhäuser selbst ein sehr gutes Beispiel dafür, dass das, was er mit »Gerechtigkeitsgefühlen« bezeichnet, Neidgefühle sind: Neuhäuser geht es ausdrücklich nicht in erster Linie um das Schicksal der Armen und sein erstes Anliegen ist es gerade nicht, deren Situation zu verbessern, sondern den Reichen ihren Reichtum abzunehmen.“
Rainer Zitelmann

„Die Verwechslung von statistischen Kategorien und konkreten Personen ist ein Fehler, der immer wieder in der Debatte über Ungleichheit gemacht wird. Man muss nur die Listen der reichsten Menschen der Welt heute und vor 20 Jahren vergleichen, um festzustellen, dass es eben nicht die gleichen Superreichen sind, die damals superreich waren und heute immer reicher geworden sind. Die meisten Superreichen sind, anders als Piketty offenbar glaubt, keine »Rentiers«, deren Reichtum sich durch geniale Geldanlagen sagenhaft und »passiv« vermehrt, sondern Selfmade-Unternehmer, deren Reichtum überwiegend aus dem Unternehmen besteht, das sie selbst (mit)aufgebaut haben. Und dies gilt heute sogar noch mehr als früher, wie eine Analyse von »Forbes« belegt.“
Rainer Zitelmann

„Warum ein solches [sozialistisches] System scheitern muss, hat Ludwig von Mises bereits 1922 (also fünf Jahre nach Errichtung des ersten sozialistischen Staates in der Sowjetunion) theoretisch in seinem Buch »Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus« begründet. Und die historische Entwicklung in den vergangenen 100 Jahren hat Ludwig von Mises bestätigt – und Karl Marx dann auch in der Praxis so eindeutig widerlegt, wie wohl nie zuvor eine Theorie widerlegt wurde.“
Rainer Zitelmann


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