★★★★☆

DIE GROSSE INFLATION von Georg von Wallwitz* ist ein wunderbar aufgearbeiteter Brückenschlag zwischen der Geschichte und unserer heutigen Zeit. Wenn man gerne mehr über historische Hintergründe erfährt und sich genauer mit dem Thema der Inflation auseinandersetzen möchte, dann bietet sich dieses Buch definitiv an. Denn der Autor behandelt nicht ausschließlich, aber vordergründig die große deutsche Inflation in der Weimarer Republik. Dabei geht er sogar auf die einzelnen Akteure ein und spinnt zusätzlich immer wieder Parallelen und Überleitungen ins Hier und Jetzt.

Und obgleich diese Zeit nun bereits knapp 100 Jahre lang hinter uns liegt, stecken die Schreckensszenarien doch immer noch tief in den Köpfen so vieler Deutscher da draußen. Viele dieser überlieferten Schilderungen entbehren sich allerdings jeglicher Grundlage und sind vielmehr Hörensagen über Generationen hinweg. Georg von Wallwitz schildert detailliert und mit Quellen belegt, was damals wirklich geschah und vor allem weshalb.

Da dürfen natürlich die traumatischen Geschichten um die rasende Geldentwertung nicht fehlen,  aus einer Zeit, in der für ein Laib Brot am Ende Millionen von Mark gezahlt werden mussten. Er berichtet außerdem, warum so viele Menschen Geld und Vermögen verloren haben und andere zeitgleich ein Vermögen schaffen konnten. In dieser Zeit war Deutschland wirklich bankrott. Nicht zu vergleichen mit unseren aktuell eher moderaten Inflationsraten. Aufgrund der besonderen Geldpolitik der Zentralbanken allerdings vielleicht für die Zukunft nicht ganz uninteressant.

Heute reden viele Menschen über die Inflation, aber kaum jemand versteht sie wirklich.

Das lässt sich zwar auf viele Lebensbereiche übertragen, ist meiner Meinung nach beim Thema Inflation aber sehr frappierend. Das beginnt schon bei der Begriffsdefinition und endet bei möglichen Anlagestrategien. Inflation klingt für die meisten direkt erst einmal gefährlich, unangenehm und ungewollt.

„Da Geld eine in alle Lebensbereiche hineinreichende Ordnungsfunktion hat, wirkt seine Zersetzung wie ein Krebsgeschwür in der Gesellschaft. Inflation bedeutet das Ende aller Planung und Hoffnung, sie reduziert den Zeithorizont auf den täglichen Überlebenskampf.“
Georg von Wallwitz

Und diese Angst vor der Inflation ist nicht unbegründet. Denn sie kann weit mehr als nur den Verlust des Geldes kosten. Das beschreibt der Autor wunderbar lebhaft anhand historischer Beispiele.

„Um [Inflation] zu begreifen, muss man sie vielleicht erfahren haben, so wie Erfahrung des Hungerns nicht durch gelegentliches Fasten zu machen ist.“
Georg von Wallwitz

Die übersteigerte und eher unreflektierte Angst vor einer möglichen Geldentwertung steckt aufgrund der Horror-Szenarien aus der Weimarer Republik tief in der DNA der Deutschen.

Ich habe vor allem in den vergangenen zehn Jahren folgendes Gefühl: Der Begriff und damit auch das Schreckgespenst der Inflation dient als Argument für so vieles, mit dem es überhaupt nichts zu tun hat. Diese Omnipräsenz führt dazu, dass wir insbesondere im Bereich der Kapitalanlage ein grausames Bild als Gesellschaft abgeben.

  1. Die finanzielle Bildung ist in Deutschland definitiv mehr als dürftig. Da der Fisch bekanntlich beginnt vom Kopf zu stinken, fängt das bei unserem Bundeskanzler und ehemaligen Finanzminister an, der an einem irreparable maroden Rentensystem festhält und sein Geld auf dem Sparbuch „investiert“.
  2. Investieren kommt ohnehin im Wortschatz der allermeisten Deutschen überhaupt nicht vor. Selbst die Leute, die zumindest sparen wollen, sparen in Wirklichkeit gar nicht. Stattdessen bilden sie Rücklagen für späteren Konsum. „Ich spare für ein neues Auto“, sollte eigentlich heißen, „ich lege Geld beiseite für ein neues Auto.“
  3. Und wo wird dieses Geld dann beiseitegelegt? Unterm Kopfkissen, auf dem Sparbuch, in Lebensversicherungen, Garantieprodukten und sonstigen Geldwerten, die die Finanzindustrie anbietet.

Der Umgang mit den eigenen Finanzen ist bei den allermeisten Menschen in diesem Land durch Naivität, Starrsinn und Unwissen gekennzeichnet.

„[Die Menschen] suchen für ihre Zukunft – und insbesondere ihre finanzielle Zukunft – oft eine Sicherheit, die vollkommen unrealistisch ist. Die Erfahrung des finanziellen Totalverlusts sitzt tief.“
Georg von Wallwitz

Dabei wäre es so einfach, vor allem bei langen Planungszeiträumen von mehr als 15 Jahren, entspannt und erfolgreich an der Börse zu investieren. Aber neben der Inflation bleibt uns natürlich nach wie vor auch noch die Telekom-Aktie als Mahnmal im Gedächtnis.

„Es gibt hinreichend Anlass, sich mit dem Thema Inflation über das tradierte Wissen hinaus zu beschäftigen. Wir leben zwar in einer Zeit zahmer Inflationsraten, aber die Begleitumstände der außerordentlichen Maßnahmen assoziieren wir normalerweise mit Zeiten der Geldentwertung.“
Georg von Wallwitz

Über die damalige Zeit der großen Inflation schreibt der Autor:

„Mit einer Leichtigkeit wie nie zuvor und nie danach wurden in der Inflationszeit gewaltige Vermögen gemacht und wieder verloren. Aus den Ruinen des protestantisch-sittsamen Kaiserreichs tastete sich eine finanziell, moralisch und politisch unsichere Gesellschaft hervor, in der die Schieber, Spekulanten, Raffkes und Kriegsgewinner das große Los gezogen zu haben schienen (und es jedem und jederzeit zu zeigen bereit waren), während die große Masse derer, die weder gewitzt noch wendig waren, nicht mehr wussten, wie sie sich und ihre Familien ernähren sollten, nachdem sie das Tafelsilber und das vorletzte Hemd versetzt hatten. In den Großstädten tummelte sich eine amüsierwillige Jugend, die eben dem Krieg entronnen war, die gegen jede Erwartung ein Leben hatte und es auskosten wollte, als könnte sich der Umstand des Am-Leben-Seins doch noch als Irrtum erweisen.“
Georg von Wallwitz

Das Geld verlor seinen Wert. Das brachte die einen dazu, es möglichst schnell aus dem Fenster zu werfen oder zu investieren, während sich bei anderen das Ersparte in Luft auflöste.

„Die Umwälzung der Preisverhältnisse führte zur Umschichtung der Besitzverhältnisse und produzierte damit sozialen Sprengstoff erster Güte. Die politischen Extreme fanden immer mehr Zuspruch, und bürgerkriegsartige Gewalt erschütterte das Land in immer kürzeren Abständen. Es war eine Zeit und eine Gesellschaft ohne Halt, ohne Ziel, in der sich die meisten Menschen enttäuscht vom Staat und den Eliten, bald nur noch um sich selbst drehten, gedankenlos den nächsten unberechenbaren Tag erwartend.“
Georg von Wallwitz

Nach Georg von Wallwitz fasste ein Zeitzeuge die Vorgänge rund um die große Inflation mit ein bisschen Abstand wie folgt zusammen:

„Inflationszeit, das ist für alle, die sich noch daran erinnern: Hungerblockade, Ablieferung von Sachwerten an fremde Mächte, politische Rechtlosigkeit. Umschichtung der Bevölkerung, Aufstieg dunkler Gestalten zu plötzlichem Reichtum. Substanzverlust der bisher vermögenden Klassen, Verarmung der groß-, mittel- und kleinbürgerlichen Schichten. Korruption in Regierungs- und Beamtenkreisen, politische Geschäftemacherei zwischen den Parteien, der Wehrmacht und den Ministerien. Wachsende Kindersterblichkeit, wachsende Kriminalität, rachitische Verkrüppelung der Jungen, früher Tod der Alten.“

Das entspricht in etwa dem Bild, das sich heute immer noch im Verhalten so vieler widerspiegelt. Daran ist vieles sicherlich richtig, aber einige Vorstellungen haben wenig mit der historischen Wahrheit zu tun:

„In der Inflationszeit herrschte fast immer Vollbeschäftigung, und die Nationalsozialisten blieben eine Randerscheinung (bei der Reichstagswahl am Ende der Inflationszeit im Mai 1924 erhielten sie 6,5% der Stimmen).

Da insbesondere das Besitzbürgertum sein Geldvermögen verlor, war die Inflationszeit eine Phase abnehmender Ungleichheit. Die tatsächlichen geleisteten Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg sind kaum unter die Hauptursachen der Inflation zu zählen. Viele der gängigen Vorstellungen von der Inflationszeit 1914-1923 verschwimmen mit denen von der Weltwirtschaftskrise nach dem Schwarzen Freitag 1929, als es zu einer Deflation kam, die zu Massenarbeitslosigkeit und dem Aufstieg Hitlers führte.“
Georg von Wallwitz

Für mich ein wirklich sehr gelungenes und an vielen Stellen auch spannendes Buch zum mysteriösen Thema der Inflation.

Dennoch sollte man ein Faible für historische Bücher haben, wenn man es lesen möchte. Denn wir tauchen als Leser:innen schon sehr tief in die damalige Zeit ein und auch der Schreibstil ist zwar flüssig und gut zu lesen, aber dennoch sehr gewählt.

Die Überleitungen auf unsere heutige Zeit sind zweifelsohne gelungen. Trotzdem bleibt dieses Buch in vielen Bereichen leider zu deskriptiv und ist arm an Handlungsempfehlungen und Ableitungen aus den Learnings. Die richtigen Schlüsse aus dem Gelesenen zu ziehen, obliegt am Ende uns Leser:innen.

Ein sehr lesenswertes Buch für all die Menschen, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen – fernab von Ideologien und Mutmaßungen. Stattdessen überzeugt es mit sauberen Quellangaben, einem roten Faden und historischem Charme.


Dir gefällt mein Content und ich konnte Dir schon weiterhelfen? Dann unterstütze mich doch mit einer kleinen finanziellen Zuwendung und spendiere mir im übertragenen Sinne einen Kaffee oder nutze meine Angebote bei Patreon. Hier biete ich eine Vielzahl attraktiver Angebote (Insights, Exklusive Gruppen zum Austausch, etc.). Schau gerne mal rein!

Darüber hinaus darfst Du mir auch gerne auf meinen Social Media Kanälen bei Instagram, Facebook, Twitter, LinkedIn und Pinterest folgen. ♥

Und zu guter Letzt habe ich bei Facebook noch eine ganze Reihe von interessanten Gruppen, in denen wir gemeinsam über Deine Lieblingsbücher und Empfehlungen sprechen können. Vollkommen kostenlos natürlich!
Dein Lieblingsbuch – Finanzen & Investitionen
Dein Lieblingsbuch – Mindset & Persönlichkeitsentwicklung
Dein Lieblingsbuch – Steuern
Dein Lieblingsbuch – Politik
Dein Lieblingsbuch – Karriere & Unternehmertum

*Affiliate Link / Anzeige