Ein einfühlsamer und zugleich schonungsloser Roman über sexuellen Missbrauch, der auch die Auswirkungen des Missbrauchs auf die Opfer zeigt.
Mindset & Persönlichkeitsentwicklung

Die liebe Angst

by
★★★★☆

DIE LIEBE ANGST von Liane Dirks* ist zur Abwechslung mal wieder ein Roman, den ich hier rezensiere. Dieses Mal aber zu einem sehr ernsten und wichtigen Thema. Denn dieses Werk ist ein Romanklassiker zum Thema sexueller Missbrauch, der bis heute ungebrochen aktuell ist. Der Roman erzählt die Geschichte eines Mädchens, das seine Kindheit beschreibt und von der Liebe zum Vater berichtet. / Anzeige

Der Vater verzaubert seine Töchter mit Träumen und Märchen, stillt jedoch auch seine eigenen Sehnsüchte mit Alkohol und Sex.

Dabei missbraucht er seine beiden Töchter über Jahre hinweg sexuell.

Dieses Buch wurde bereits vor etlichen Jahren veröffentlicht. Seitdem hat die Autorin Liane Dirks die Debatten rund um das Thema begleitet und mit unzähligen Betroffenen gearbeitet. In ihrem Vorwort verdeutlicht sie ein ums andere Mal die Langzeitfolgen für die Opfer. Und sie betont die Notwendigkeit einer grundlegenden Debatte über den Schutz und die Wertschätzung von Kindern. Sowie die eines tiefer gehenden Verständnisses im Umgang mit Opfern und Tätern.

Das Buch zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie Kinder schleichend zu Opfern sexueller Gewalt werden können. Und wie sie gleichzeitig mit enormer Überlebenskraft gegen dieses Trauma ankämpfen.

Der Roman beginnt mit einem Satz, den das Mädchen in der Geschichte liebt und fürchtet zugleich: „Euer Vater hat wieder etwas angestellt“, sagt die Mutter zu den Kindern, wenn sie die Koffer packt. Dieser Satz erzeugt in dem Mädchen eine „liebe wütige Angst“, ein Gefühl der Unbeschütztheit. Im Laufe der Geschichte erzählt das Mädchen von seiner Kindheit, der ambivalenten Liebe zum Vater und den traumatischen Erfahrungen des sexuellen Missbrauchs.

Liane Dirks greift in ihrem Roman ein brisantes und sensibles Thema auf und beschreibt es einfühlsam und schonungslos.

Sie zeigt die Auswirkungen des Missbrauchs auf die Opfer und fordert eine tief gehende Debatte.

Die liebe Angst* legt den Fokus auf das Leiden der Opfer. Und es vermittelt die Botschaft, dass sexueller Missbrauch kein Kavaliersdelikt ist, sondern ein grausames Verbrechen. Die Autorin betont auch, dass Kinder von Anfang an ein Gefühl für richtig und falsch haben. Es ist wichtig, ihnen zu glauben und sie zu schützen.

Außerdem thematisiert der Roman die gesellschaftliche Tabuisierung des sexuellen Missbrauchs und die damit verbundenen Auswirkungen auf die Opfer. Liane Dirks zeigt, wie die Aufarbeitung des Missbrauchs dazu führen kann, dass das Leid der Betroffenen erneut aufgerufen wird. Dennoch betont sie die Bedeutung der Aufarbeitung als einzige Chance für Heilung. Und sie fordert ein tieferes Verständnis und Mitgefühl in der Gesellschaft.

Das Werk ist ein eindringliches und wichtiges Buch, das sensibel das Thema langsam aufbaut. 

Trotzdem muss ich all die Menschen, die ähnlich empathisch und emotional sind wie ich, ausdrücklich warnen. Ich habe noch lange über das Buch nachdenken müssen, habe mitunter den Schmerz selbst gespürt. Teilweise war es für mich tief verstörend zu lesen. Darauf war ich definitiv nicht gut genug vorbereitet. Solltet ihr also mit solchen Themen generell Probleme haben, dann lest das Buch besser nicht. Mir war es am Ende eine Spur zu viel. Doch das lag vielleicht auch an der Konstellation des geschilderten Missbrauchs: kleines Mädchen und eigener Vater …

„Ich saß da, wurde ganz andächtig, Papas Gesicht glänzte durchsichtig und heilig. Nachprüfen, belauschen, auf Mitternacht gar den Wecker stellen, das konnte man nicht. Sobald ein menschliches Wesen sich näherte, verstummten die Puppen. Nur im Traum, wenn man beim Einschlafen ganz fest dran dachte, dass man in die Puppenwelt will, in der man tagsüber abgestellt wird und nachts eine Stunde nahe an Gottes Buch verbringt, da konnte man, wenn man ganz lieb war, im Traum ein fernes Flüstern und Rascheln hören aus der Puppen- und Bärenwelt. Ich saß auf seinem Schoß, auf beiger Stoffhose mit braunem Ledergürtel und Hemdsärmeln um meinen Rücken drum, Ohr an sein Pochherz gelegt und hörte ihm zu. Er war der einzige Mensch, außer Gott, der auch Zutritt hatte zu dieser Welt.

Der nachts, wenn er heimkam, und das war oft spät, hören konnte, was sie sagten, und dem sie sogar ihre Beschwerden vortrugen.

Und einmal hat ihm mein blauer Plastikkarpfen erzählt, wie traurig er war, dass er beim Baden nicht in mein Wasser reingedurft hat und nicht in meine Muschi reinschlüpfen. Ich frag ihn, was der Fisch denn da will. Er meint, da will jeder Fisch gern rein.

Und ich sage, da kommt er aber nicht rein, das geht doch nicht. Er lächelt mich an, streichelt mich, und ich stelle mir vor, wie der Fisch in mich reinschlüpft und in meinem Bauch rumschwimmt und dass folglich der Bauch innen ein Teich sein muss mit blauem Wasser und dass auch ein kleiner Himmel im Bauch sein muss, weil über jedem Teich ein Himmel ist.

Dann muss ich vom Schoß herunter. Meine Schwester und meine Mutter kommen.“ 
Aus dem Roman

Ich bin davon überzeugt, dass diese Berichte kaum jemanden kalt lassen, eben weil sie so erschütternd sind.

Auf der einen Seite ist es zweifelsohne wichtig, dass solche Geschichten ans Licht kommen und dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden. Doch dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Opfer bereits genug gelitten haben. Und das Aufarbeiten ihrer Traumata ist ein sensibler und heilender Prozess. Darüber hinaus befürchte ich bei solchen Bücher zusätzlich, dass sie von Menschen mit einer gewissen Veranlagung ebenfalls missbraucht werden könnten.

„Viele Menschen fragen sich, wieso Missbrauchsopfer sich oft erst so spät zur Tat äußern. Oft wirft man ihnen das sogar vor. In der Nähe von Köln führte der Fall eines Pfarrers dazu, dass eine ganze Gemeinde kämpfte, um ihren geliebten Pfarrer im Amt zu halten, nachdem bekannt geworden war, dass er mehr als dreißig Jahre zurück Kinder missbraucht hatte. Er gab die Taten zu. Aber warum meldeten sich die Opfer erst so spät? Und das führte auch zu Empörung: Musste das noch sein, so lange her, konnte denn keine Ruhe sein, der Mann machte doch solch eine gute Arbeit?

Wie schön wäre es, wenn wir uns stattdessen fragen würden, wieso Menschen über derart lange Zeiträume ihnen angetanes Leid unterdrücken müssen, ihre Wahrheit nicht sagen können, sich so lange mit etwas verstecken, was sie beschädigt hat.“ 
Liane Dirks

An dieser Stelle ein paar Worte zur Autorin:

Liane Dirks geboren 1955, ist eine renommierte deutsche Schriftstellerin. Seit 1985 ist sie als freie Schriftstellerin tätig und hat sich mit ihren Werken einen Namen gemacht.

Dabei wurde sie mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt, die ihre literarische Qualität und ihren Beitrag zur deutschen Literaturszene würdigen. Dazu zählen das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln, der Märkische Literaturpreis und der Preis der LiteraTour Nord im Jahr 2003.

Sie hat sechs Romane veröffentlicht, die sich durch ihre vielschichtigen und einfühlsamen Erzählungen auszeichnen. Neben ihren eigenen Romanen hat Liane Dirks 21 Bücher herausgegeben, in denen sie als Herausgeberin verschiedene literarische Werke zusammengetragen hat. Ihr Schaffen zeichnet sich durch ihre feinsinnige Beobachtungsgabe und ihren einfühlsamen Schreibstil aus. Ebenso durch ihre Fähigkeit, komplexe menschliche Beziehungen und Schicksale darzustellen.

In ihrem Roman Die liebe Angst* gelingt es Liane Dirks auf eindrucksvolle Weise, das Thema sexueller Missbrauch aus der Perspektive eines betroffenen Mädchens zu beleuchten. Die Protagonistin Anne erzählt ihre Geschichte. Angefangen von ihrer Liebe zum Vater, der sie mit seinen Träumen und Märchen in Bann zieht. Der aber auch seine eigenen Sehnsüchte und Begierden mit Alkohol und sexuellem Missbrauch stillt. Über Jahre hinweg erlebt Anne die wiederholten Übergriffe ihres Vaters und die damit verbundene Liebe, Wut und Angst.

Besonders bemerkenswert ist, dass der Roman nicht nur die Opferperspektive einnimmt, sondern auch einen Blick auf die Täter wirft.

Dirks hinterfragt die Motive und inneren Konflikte des Vaters und fordert damit ein tieferes Verständnis für beide Seiten. Dabei macht sie jedoch deutlich: Dies ist kein Freibrief für Täter. Sondern ein Aufruf zur Auseinandersetzung mit den Ursachen und Präventionsmaßnahmen von sexuellem Missbrauch.

Die Autorin hat ein Buch geschaffen, das aufrüttelt und zum Nachdenken anregt. Es zeigt die Grausamkeit des sexuellen Missbrauchs, aber auch die Hoffnung auf Heilung und Veränderung. Es ist ein Buch, das Aufmerksamkeit verdient. Denn es ruft uns dazu auf, unsere Kinder zu schützen, Täter zur Verantwortung zu ziehen und Betroffene zu unterstützen.

„Kindesmissbrauch ist nicht lustig. Kindesmissbrauch ist kein Kavaliersdelikt. Kindesmissbrauch ist ein grausames Verbrechen.“ 
Liane Dirks

In den Jahren seit der Veröffentlichung haben sich wichtige Entwicklungen im Umgang mit sexuellem Missbrauch ergeben. Die #MeToo-Bewegung hat weltweit Aufmerksamkeit auf das Ausmaß sexueller Übergriffe gelenkt und zu einer verstärkten Sensibilisierung für das Thema geführt. Immer mehr Menschen haben begonnen, über ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen und Missbrauchstäter zur Rechenschaft zu ziehen.

Die öffentliche Debatte hat auch dazu geführt, dass Opfern von sexuellem Missbrauch mehr Unterstützung und Hilfsangebote zur Verfügung stehen. 

Zahlreiche Organisationen und Initiativen wurden gegründet, die sich für die Prävention, Aufklärung und Unterstützung von Betroffenen einsetzen. Außerdem wurde die Gesetzgebung in vielen Ländern überarbeitet, um die Opfern besser zu schützen und die Strafverfolgung von Tätern zu erleichtern.

Auch in der Literatur hat sich ein Wandel vollzogen. Immer mehr Autoren und Autorinnen widmen sich dem Thema sexueller Missbrauch und bringen die Geschichten der Betroffenen ans Licht. Bücher wie dieses haben dazu beigetragen, dass das Schweigen gebrochen wird und die Opfer eine Stimme bekommen. Die Literatur kann eine Form der therapeutischen Verarbeitung sein, sowohl für die Autoren als auch für die Leser. Und sie trägt zur gesellschaftlichen Sensibilisierung bei.

Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass sexueller Missbrauch weiterhin ein weitverbreitetes Problem ist. 

In diesem Bereich liegt noch viel Arbeit vor uns. Dabei müssen die Prävention, Früherkennung und Unterstützung von Betroffenen weiterhin im Fokus bleiben. Dazu braucht es eine enge Zusammenarbeit von Gesellschaft, Bildungseinrichtungen, Familien, Justiz und Gesetzgebung. Nur dann kann Missbrauch verhindert und der Schutz der Kinder gewährleistet werden.

„Die Sonne bringt es an den Tag. Eine unumstrittene Wahrheit, eine Tatsache: Jeden Tag bringt die Sonne uns den Tag und zeigt uns alles, was es gibt, in Licht und Schatten. Aber natürlich bedeutet dieser Satz viel mehr, sie bringt »es« an den Tag und dieses »es« ist das Verborgene, das Geheime, das Verbotene und es ist das Grausame und es ist das, was nicht richtig ist. Ich wusste als Kind, dass etwas nicht richtig war und dass ich ebendies nicht sagen durfte. Das war mir mehr als eingeschärft worden. Sollte ich es dennoch sagen, laut heraus, sodass alle Welt es hören konnte, dann würde ebendiese Welt antworten, und zwar damit, dass ich nicht richtig war. Ich saß als Kind in einer Falle.

Sagte ich, was nicht richtig war, dann würde alles bisher Gewesene, alles was mich hielt – man nennt es Familie und damals, als Kind, kannte ich noch nichts anderes -, zusammenbrechen, und ich wäre daran schuld. Oder: Man würde sagen, dass ich log, und alles bis dahin Erlebte würde ich weiterhin erleben, allerdings in verschärfter Form.

Zum Glück war also die Sonne da, die ja viel mächtiger war als ich und viel größer, sie würde es für mich erledigen: Es an den Tag bringen. Allein, die Sonne schien unendlich viel Zeit zu haben und die Schmerzen in der Nacht, die panische Angst, die sich in den kindlichen Körper einfraß, sie nahmen überhand. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und half nach und ich glaube heute, die Tatsache, dass ich nachhelfen konnte, hatte sehr viel damit zu tun, dass das Gefühl für richtig und falsch stark in mir ausgeprägt war.

Etwas in mir war stark, es konnte der Sonne helfen, egal was danach geschah, Licht war besser als Dunkelheit. Der Vorhang sollte aufgehen und nicht länger zu, Letzteres war stets der Auftakt zu dem gewesen, was mir geschah und um was es hier geht.“ 
Liane Dirks

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