★★★☆☆

GELD UND LEBENSGESCHICHTE von Birgit Happel* ist zur Abwechslung mal wieder ein hoch wissenschaftliches Werk, das ich für euch unter die Lupe genommen habe. Die Autorin widmet sich in einer biografieanalytischen Untersuchung dem Thema Geld und den damit verbundenen Glaubenssätzen und Handlungen über ein Menschenleben hinweg. Dazu hat sie etliche Personen zu ihren Lebensgeschichten, dem Einfluss von Geld, ihrem Umgang mit und ihrem Glauben zum Thema Geld befragt und dies wissenschaftlich aufbereitet. Das Werk an sich ist nun ihre publizierte Dissertation und dadurch nicht immer leicht lesbar, für viele abschreckend, aber dennoch nicht minder interessant.

Ich konnte sehr viel aus den unterschiedlichen Lebensgeschichten und vor allem aus der historischen und brandaktuellen Einordnung der Autorin zu unserem Umgang mit Geld herausziehen. Insbesondere hinsichtlich unserer Finanzbildungspolitik waren interessante Informationen dabei. Generell habe ich eher weniger Probleme damit, wissenschaftliche Texte zu lesen und auch über dutzende Seiten konzentriert dabei zu bleiben, obgleich der Inhalt nicht gerade mundgerecht dargereicht wird. Gleichzeitig weiß ich allerdings, dass exakt diese Eigenschaften für viele ein No-Go sein werden und offen gestanden hatte ich mir auch ein wenig mehr populärwissenschaftliche Adaption gewünscht. Denn dieses Buch wurde nicht beispielsweise im Springer Gabler Verlag publiziert, der dafür bekannt ist, die Themen eher trocken und nüchtern darzustellen, sondern im Campus Verlag.

Deswegen hätte ich mir im Stil eines Daniel Kahnemann doch deutlich mehr Anpassungsbemühungen hinsichtlich Lesevergnügen und grafischer sowie literarischer Aufbereitung für ein breiteres Publikum gewünscht. Der inhaltlichen Tiefe und Wertigkeit dieses Buches leistet es natürlich keinen Abrieb. Es zeichnet ein differenziertes Bild übergeordneter Werte unseres täglichen wirtschaftlichen Handelns und sieht den Umgang mit Geld als ein relevantes Kriterium biografischer Weichenstellungen.

Finanz- und Wirtschaftsbildung stehen immer wieder im Mittelpunkt der Kapitel und die Autorin arbeitet interessant heraus, wie entscheidend diese für den eigenen Lebensverlauf sein können.

Man spürt zwischen den Zeilen förmlich, was für eine tragende Rolle das finanzwirtschaftliche Wissen und Können haben und welch deutlich breiteres Spektrum an potenziellen Zukunftsperspektiven es eröffnet.

„Der nachhaltige Umgang mit Geld gilt als Schlüsselkompetenz und als kulturelle Technik.“
Birgit Happel

Die promovierte Soziologin stellt in ihrem Werk auch die Unterschiede zwischen finanziellen Anforderungen, Wünschen und den existierenden Möglichkeiten heraus und geht dabei insbesondere auf von Armut gefährdete Gruppen ein. Sie selbst arbeitet als freie Referentin für Wirtschaftsbildung und setzt sich damit aktiv dafür ein, dass diese Probleme angegangen werden.

„Moderne Gesellschaften stehen vor sozialen, ökologischen und politischen Herausforderungen, die periodisch von ökonomischen Krisen begleitet sind, oder durch diese hervorgerufen werden. Jene werfen nicht nur Fragen im Hinblick auf die Gestaltung der öffentlichen Haushalte, sondern auch der privaten Finanzen auf. In Deutschland sind diese Fragen eng verwoben mit makroökonomischen und steuerungspolitischen Implikationen einer alternden Gesellschaft – sie demonstrieren die komplexen Wechselwirkungen zwischen der strukturellen Einbettung von Akteuren in Gesellschafts- und Marktordnungen und deren Raum zur individuellen wie autonomen Absicherung – etwa im Bereich der Altersvorsorge – sollen das Aufrechterhalten der sozialen Sicherungssysteme gewährleisten.“
Birgit Happel

Insbesondere die finanzielle Bildung auf privater Ebene ist in Deutschland nicht nur der Autorin ein Dorn im Auge.

Politisch sind in diese Richtung relativ wenig Bestrebungen zu erkennen, die Bürger:innen zu mehr Mündigkeit zu befähigen. Stattdessen könnte man den Eindruck gewinnen, dass die finanzielle Abhängigkeit vom Staat bei einigen Parteien politisch gewollt ist.

Nur wenn finanzielle Bildung eben kein Teil der allgemeinen und kostenfreien Schulbildung in unserem Land ist, werden insbesondere die Menschen langfristig abgehängt, die bereits von Hause aus keine oder schlechte Glaubenssätze und Werte in Verbindung mit Geld und Finanzen vermittelt bekommen. So erkennt man in der Vita einiger Interviewgäste in dieser Publikation auch klare Bruchstellen, die allerdings auf Erwachsenenbildung und klare Entscheidungen zurückzuführen sind. Nur treffen die wenigsten im reiferen Alter noch solche Entscheidungen, die bis dahin aufgebaute und gefestigte Glaubenssätze in Frage stellen und eine neue Welt eröffnen. Viel zu viele Menschen sind in einmal getroffenen Ideenbildern gefangen und, insbesondere wenn das finanzielle Dinge betrifft, in ihrer späteren Lebensgestaltung limitiert oder gar gefährdet.

„Im Rahmen der vorliegenden soziologischen Forschungsarbeit wird der Blick auf die biografischen Hintergründe des persönlichen Umgangs mit Geld gelenkt. Wie Geld individuell definiert und verwendet wird, ist soziokulturell und sozioökonomisch begründet und auf lebensgeschichtliche Bedingungen zurückzuführen. Das monetäre Alltagshandeln evolviert aus kulturell und individuell verankerten Wissensverständen und Sinndeutungen und umfasst das persönliche Konsum- und Haushaltsverhalten ebenso wie Vorsorgestrategien und den Umgang mit komplexen Finanzdienstleistungen; gleichzeitig tangiert es Wirtschafts- und finanzethische Aspekte.“
Birgit Happel

Man sollte sich in diesem Zusammenhang immer wieder ins Gedächtnis rufen, wie allgegenwärtig unser finanzieller Umgang Einfluss auf unser Leben und Wirken im Hier und Jetzt, aber vor allem auch in der Zukunft hat.

Insbesondere bis zum 30. Lebensalter kann man eine Vielzahl finanzieller Fehler begehen, die bis zum Lebensende nicht mehr vollständig korrigierbar sind. Vor allem deswegen ist es so entscheidend, möglichst früh mit finanzieller Bildung anzusetzen.

„Das Untersuchungsfeld der vorliegenden Studie reicht von individuellen monetären Handlungsmustern bis zu sozialstrukturell bedingten finanzwirtschaftlichen Erfordernissen der Anpassung an das moderne Wirtschaftsleben. Das Kernstück der Forschung bilden die Lebensgeschichten meiner Interviewpartnerinnen.“
Birgit Happel

Diese Dissertation gliedert sich – wie man es von wissenschaftlichen Arbeiten kennt – in drei größere Abschnitte: Einen theoretischen Grundlagenteil, die empirische Fallstudie an sich und die theoretische Integration und Diskussion der Forschungsergebnisse.

„Die Fragestellung wird auf der Ebene der Lebensführung und in Bezug auf institutionelle Rahmenbedingungen und Wohlfahrtsstaatliche Reorganisationen entwickelt. Zugleich gebe ich einen Einblick in die Bildungslandschaft der wirtschaftlichen Bildung in der Bundesrepublik Deutschland und den Diskurs um die finanzielle Allgemeinbildung.“
Birgit Happel

Eine wirklich spannende, wenn auch definitiv für die meisten nicht leicht zu lesende Doktorarbeit zum Umgang mit Geld aus der Sicht von verschiedenen interviewten und wissenschaftlich analysierten Personen.

Es hat mir sehr große Freude bereitet, durch die Interviews im Mittelteil des Buches Einblicke in die Lebensgeschichten verschiedener Personen zu erhalten und auch ihren Wandel im Umgang mit Geld zu ergründen. Als lesebegeisterter Mensch habe ich mich schon immer gerne in andere Menschen hineinversetzt und versucht von ihnen zu lernen. Demnach gefällt mir dieser wissenschaftliche Ansatz sehr.

Die Glaubenssätze in ihrem Leben entstehen und auch wieder gehen zu „sehen“, hat mir nochmals eine andere Perspektive auf das Thema des sozioökonomischen Hintergrunds von Personen gegeben.

Dennoch kann ich dieses Buch natürlich nur Menschen empfehlen, die kein Problem mit wissenschaftlichen Ausarbeitungen haben. Es ist schlicht eine Dissertation und so ist das Buch schlussendlich auch aufgebaut. So sind die Passagen geschrieben und so arm ist diese Publikation auch an Visualisierungen und Hervorhebungen.

Unterm Strich ist dies auch mein größter Kritikpunkt.

Denn, obgleich ich vor dem Lesen bereits grob wusste, was auf mich zukommt, hätte ich mir insgeheim gewünscht, dass die Autorin sich ein Stück weit mehr ein Beispiel an Daniel Kahnemann genommen hätte. So hätte sie wie er ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse für eine Publikation in einem eher populärwissenschaftlichen Verlag, wie ich den Campus Verlag einstufen würde, nochmals für eine breitere Masse adäquat aufarbeiten können.

Es ist und bleibt aber ein gutes Buch, eine gute Inspirationsquelle für tiefe Denkarbeit, nichts für Zwischendurch, nichts für unerfahrene Leser:innen, aber eben auch kein Werk der haltlosen Behauptungen und ohne Werbung und Verkaufsinteresse.


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