Das Buch von Dami Charf bietet einen wertvollen Einblick in die Auswirkungen von frühen Kindheitserfahrungen.
Wissen & Gesundheit

Auch alte Wunden können heilen

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AUCH ALTE WUNDEN KÖNNEN HEILEN von Dami Charf* behandelt einfühlsam und fundiert die tiefgreifenden Auswirkungen früher Kindheitserfahrungen. Es zeigt, wie diese alten Wunden geheilt werden können, um ein erfülltes Leben im Hier und Jetzt zu führen. Mit ihrem Buch richtet sich die Traumatherapeutin damit vor allem an Menschen, die sich selbst nicht als „richtig“ empfinden. Die vielleicht unter Schuldgefühlen oder einem inneren Gefühl der Leere leiden oder Schwierigkeiten haben, sich in Beziehungen zu verbinden. / Anzeige

Charf beginnt mit einer ausholenden Erklärung, wie die ersten Lebensjahre eines jeden Menschen die Grundlage für ein erfülltes Leben schaffen.

Sie betont in diesem Zusammenhang die Bedeutung von Bindung, Zugehörigkeit und Kontakt in dieser entscheidenden Lebensphase. Menschen, die all das – aus welchen Gründen auch immer – nicht erfahren haben, können als Erwachsene unter Unzulänglichkeit und Einsamkeit leiden.

Sie erklärt weiterhin, wie diese frühen Wunden das spätere Leben prägen und zu Depressionen, Ängsten und unerfüllten Beziehungen führen können.

Die Autorin verwendet an dieser Stelle häufig den Begriff des „Entwicklungstraumas“. Damit möchte sie eben diese frühkindlichen Verletzungen beschreiben und erklärt, wie sie sich auf die Bindungsfähigkeit und Selbstregulation auswirken. Für viele sicherlich kein angenehmes Thema, aber eines, das einen ungeheuren Wert für die Betroffenen haben kann. Dami Charf beschreibt anschaulich die verschiedenen Bindungsmuster und zeigt auf, wie sich diese im Erwachsenenalter manifestieren können. Dabei geht sie ebenfalls auf traumatische Bindungen und die damit verbundenen Lernaufgaben ein.

Für Dami Charf liegt offenbar ein großer Wert darin, praktische Wege zur Heilung aufzuzeigen.

Sie erklärt, wie man Ressourcen nutzen, Gefühle klären und innere Sicherheit gewinnen kann. Dabei betont sie immer wieder die Bedeutung von Verbindung, Kontakt und Co-Regulation für die Selbstregulation. Sie geht aber auch auf die Entwicklung von gesunden Grenzen ein. Dabei zeigt sie, wie die Körperpsychotherapie dabei helfen kann, den eigenen Körper wieder zu spüren und zu integrieren.

Vor allem im Heilungsprozess stellt die Autorin immer wieder die Bedeutung von Beziehung und Kontakt heraus.

Man spürt zwischen den Zeilen, dass Dami Charf einen ungeheuren Erfahrungsschatz aus jahrzehntelanger Traumatherapie mit sich bringt. Sie ermutigt die Leser, ihre eigene Geschichte zu verstehen und liebevoller mit sich selbst umzugehen. Ihrer Meinung nach ist Heilung durch Integration und Veränderung möglich. Und an keiner Stelle will sie sich selbst als Expertin übermäßig herausstellen und Leser als Kunden in Seminare oder dergleichen schleusen. Stattdessen gibt sie lieber wertvolles Wissen weiter und reicht eine Anleitung, wie Betroffene am besten den passenden Therapeuten finden.

Das wertet aus meiner Sicht das Buch nochmals kräftig auf, denn es unterstreicht die Grundintention der Autorin. Sie möchte vor allem auf das Thema aufmerksam machen, Menschen helfen und Wissen vermitteln. Aber eben nicht sich selbst inszenieren, Kunden akquirieren oder dergleichen.

In gewisser Weise spiegelt sich diese Haltung auch in ihrem klaren, verständlichen und vor allem einfühlsamen Schreibstil.

Sie vermittelt die komplexen psychologischen Konzepte auf wirklich zugängliche Art und Weise. So sollte es auch Laien möglich sein, die Zusammenhänge zu verstehen, ohne im Laufe des Buches abgehängt zu werden. Das Buch ist dabei sehr gut strukturiert und organisiert. Jeder Abschnitt baut auf dem vorherigen auf, was dem Leser eine klare Orientierung gibt und ständiges Springen im Buch vermeidet.

„Als Erwachsene ist uns oft nicht bewusst, wie schwerwiegend manch scheinbar normale Kindheitserfahrung uns geprägt hat und uns heute im Wege steht. Unter Traumata werden leider bis heute meist nur sogenannte Schocktraumata verstanden, also einmalige überwältigende Erlebnisse. Gerade bei frühen Verletzungen zeigt sich, dass das Wissen um die eigene Geschichte nicht ausreicht, um eine Veränderung herbeizuführen. Viele Menschen können alles erklären und kommen doch nicht wirklich weiter. Das ist Teil des missing link. Ginge es allein um Erkenntnis, also um den Verstand, stünden wir alle kurz vor der Erleuchtung. Erkenntnis ist der erste Schritt, aber ohne Erfahrung nützt sie leider wenig. Doch ohne Erkenntnis können wir keine neuen Wege gehen.“
Dami Charf

An dieser Stelle ein paar Worte zur Autorin:

Dami Charf, geboren 1964, ist eine renommierte Traumatherapeutin und die Begründerin der körper- und bindungsorientierten Therapiemethode Somatische Emotionale Integration® (SEI). Ihr fundiertes Wissen und ihre langjährige Erfahrung fließen in ihre Arbeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie ein. Nach einem Studium der Sozialpädagogik und der Sozialen Verhaltenswissenschaften absolvierte Charf Ausbildungen in verschiedenen psychotherapeutischen Ansätzen. Darunter Transaktionale Körperpsychotherapie, Somatic Experiencing, Bodynamic und Sensorymotoric Psychotherapy.

Charf praktiziert als Traumatherapeutin in Göttingen. Dabei führt sie nicht nur individuelle Therapiesitzungen durch, sondern hat auch Gruppen und Ausbildungen in ihrer eigenen Methode angeboten. Ein tiefes Verständnis für die Auswirkungen früher Kindheitserfahrungen auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden im Erwachsenenalter prägt ihre Arbeit.

„Immer mehr Menschen leiden. Lange. Und sie wissen nicht, weshalb. Das Leiden hat unterschiedliche Ausdrucksformen: Manchmal verkleidet es sich als Depression oder Burn-out, manchmal als Angststörung oder chronische Verspannung. Noch viel häufiger tritt es in Erscheinung als inneres Gefühl von Abgeschnittenheit oder Anderssein, von Unzufriedenheit, Sinnlosigkeit und Einsamkeit. So suchen viele seit Jahren nach Lösungen für ihre Symptome und ihr Leid. Manche haben jahrelange Therapien hinter sich, und ihr Lebensgefühl hat sich dennoch nicht wesentlich verbessert. Nicht selten bleibt (nur) das Gefühl zurück, falsch und unfähig zu sein, und dass alle anderen es besser schaffen als sie selbst.“
Dami Charf

Mir persönlich ist bereits die Widmung des Buches sehr positiv aufgefallen:

„Für alle, die noch fühlen wollen und sich trauen, Mensch zu sein – unsere einfachste und schwerste Aufgabe überhaupt.“

Es mag für manche nur ein einfacher kleiner Satz sein. Aber ehrlich gesagt war das mein Türöffner für das Buch. Mitunter geben sich Autoren keine Mühe mit einer Widmung, obgleich sie ein super Einstieg sein kann, wie in diesem Fall.

Cover und Backcover haben mir sehr gut gefallen. Schön ruhig und bedacht, nicht zu überladen und klar im Ausdruck. Bindung und Papierqualität sind ebenfalls sehr gut, da gibt es gar nichts auszusetzen. Vielleicht wäre ein kleines Lesebändchen in grüner Farbe noch eine nette Ergänzung gewesen, aber sicherlich kein Muss. Für 22 Euro bietet das Buch ohnehin eine sehr gute Qualität.

Strukturell und inhaltlich ist das Buch für mich eine absolute Punktlandung.

Ich habe mich extrem gut abgeholt und begleitet gefühlt. Für mich war es zwar nicht das erste Buch zum Thema. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass es auch absolute Einsteiger nicht abgehängt hätte. Ein Puzzleteil – um in der Sprache der Autorin zu bleiben – hat sich in das nächste gefügt. Wirklich sehr gelungen. Wenn man noch das letzte bisschen herausholen wollte, wären Einleitungen (können auch nur optisch sein) und Ausleitungen noch schön gewesen. Auch Übergänge zwischen den Kapiteln sowie kurze Zusammenfassungen am Ende der Kapitel wären denkbar.

Insgesamt hätte man im Inneren etwas mehr optisch arbeiten können. Aber auch so bietet es einen stimmigen Gesamteindruck und kann eben textlich überzeugen. Denn sprachlich ist das Buch wundervoll. Die Autorin hat so eine schöne Wortwahl, so eine bedachte Leseführung. Das hat mir wirklich sehr gut gefallen. Manche Experten haben das Gefühl für die Leser verloren, die nicht unbedingt auf ihrem Wissenstand sind. Das trifft auf Dami Charf nicht zu.

„Es gibt unzählige Menschen, die nicht wissen, was mit ihnen los ist, und die keine Hilfe erfahren und keine Lösung finden, weil ihnen die Ursache ihres Leidens nicht bewusst ist. In unserer Gesellschaft ist das Bild entstanden, dass Glück, Schönheit und beständiger Spaß die Regel seien, und dass, wer dies nicht so erlebt oder fühlt, gescheitert ist. Schlankheit ist das Synonym für Gesundheit und Schönheit, Geld das Synonym für Erfolg und Spaß das Synonym für Glück. Schauen wir genauer hin, so sehen wir, dass diese Fassade überall bröckelt. Schmerzen, Ängste, Depressionen, Burn-out, innere Leere, Einsamkeit, Entfremdung, Schlaflosigkeit, Beziehungsfrust, Dauerstress und andere Symptome und Probleme greifen immer weiter um sich. Leider denken viele Menschen – darunter auch zahlreiche Therapeuten –, dass all diese Symptombilder unterschiedliche Ursachen haben. So fühlen sich die Betroffenen noch zusätzlich überwältigt, weil sie denken, dass sie für jedes Symptom einzeln eine Lösung finden müssten.“
Dami Charf

Schlussendlich bietet Auch alte Wunden können heilen* von Dami Charf einen wertvollen Einblick in die Auswirkungen von frühen Kindheitserfahrungen.

Und es zeigt auf, wie diese nachhaltig geheilt werden können. Das Buch eignet sich meiner Meinung nach für jeden, der tiefer in die Thematik eintauchen möchte. Sei es nun aus persönlichem Interesse oder auf der Suche nach einer praktischen Anleitung zur Selbstheilung. Ich rate aber, genau wie die Autorin, immer dazu, sich in solchen Fällen professionelle Unterstützung zu suchen. Und sich selbst Zeit zu geben für den Heilungsprozess.

Sie gibt nicht ohne Grund auf etlichen Seiten Tipps, wie man den passenden Therapeuten für sich findet. Außerdem betont sie an unzähligen Stellen, dass es kein Schalter sein wird, den man von heute auf morgen umlegt. Sondern die Heilung ist ein langer, womöglich schmerzhafter Prozess, den man, sofern möglich, nicht allein gehen sollte.

„Es sollte nun deutlich geworden sein, dass eine Berufsbezeichnung noch keinen guten Therapeuten ausmacht. Nicht jeder Schreiner ist ein Künstler und nicht jeder Automechaniker vertrauenswürdig. Genauso ist es in dieser Branche. In meinem Ratgeber Wie ich einen guten Psychotherapeuten finde habe ich ausführliche Informationen dazu zusammengestellt, worauf Klienten bei der Auswahl von Therapeuten achten sollten.“
Dami Charf

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