Ein Ratgeber für Interessierte und Fachleute aus dem Feld der Traumabewältigung und Psychotherapie. Wissenschaftlich fundiert und praxisnah.
Wissen & Gesundheit

Die Seele heilen

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DIE SEELE HEILEN von Renate Wirth* ist ein faszinierender und sehr umfangreicher Ratgeber über Trauma. Schwerpunktmäßig geht es um ganz verschiedenen Formen des Traumas und Wege zur Heilung. Die erfahrene Traumatherapeutin teilt nicht nur ihr wertvolles Fachwissen, sondern auch unzählige berührende Fallgeschichten aus ihrer täglichen Praxis. Damit richtet sich das Buch zugleich an thematisch Interessierte als auch an Fachkollegen. / Anzeige

Weniger würde ich das Buch allerdings Betroffenen empfehlen. Diese sollten sich primär persönliche und professionelle Unterstützung suchen und nicht allein auf eigene Faust agieren. Dabei bin ich mir allerdings sehr wohl bewusst, dass wir diesbezüglich enorme Engpässe in unserem Gesundheitssystem haben. Es ist definitiv nicht immer so einfach, zeitnah geeignete Hilfe zu bekommen.

Inhaltlich gliedert sich dieses Buch in drei Teile:

Im ersten Abschnitt geht es darum, Trauma zu erkennen und zu verstehen. Persönlich hatte ich mich bisher noch nie so tief mit der Thematik auseinandergesetzt. Deshalb war es für mich sehr interessant zu lesen, wie vielschichtig und tiefgründig das Thema ist. Die Autorin erklärt dabei die verschiedenen Formen von Traumata, sowohl selbst erlebte als auch übernommene aus der Familiengeschichte. Am Rande hatte ich davon zwar bereits an vielen Stellen gelesen und gehört. Aber noch nicht in einer solchen Tiefe wie in diesem Buch.

Darüber hinaus muss ich ergänzen, dass Renate Wirth hier einen wissenschaftlich fundierten Blick auf die Thematik wirft. Sie gibt nicht einfach reines Hörensagen oder Erfahrungsberichte wieder.

„Trauma wirkt im Verborgenen, auf unseren Körper, auf unseren Geist und auf unsere Seele. Sowohl selbst erlebte Traumata als auch übernommene Traumata können heilen. Wenn ein Trauma heilt, löst sich das Schwere im Herzen, unsere Seele wird weit und das Herz wird leicht. Du bist nie zu jung oder zu alt, Verletzungen der Seele zu heilen. Dann öffnet sich lautlos das Tor für ein leichteres Leben.“
Renate Wirth

Renate Wirth beschreibt eindrücklich, wie Traumata im Verborgenen wirken und welche Symptome und Abwehrmechanismen damit einhergehen.

Sicherlich kein Thema für den Nachttisch, aber sehr spannend für Menschen, die dafür aufrichtiges Interesse haben.

Im zweiten Teil des Buches beleuchtet die Autorin die verschiedenen Wege zur Traumaheilung. Hier stellt sie das Prinzip der Heilungswege vor und bietet einen Einblick in verschiedene traumatherapeutische Methoden. Dabei bilden Familienaufstellungen einen besonderen Schwerpunkt. Wer sich diesbezüglich noch intensiver informieren möchte, greift am besten zu ihrem zweiten Buch. Im Herzen frei: Wie Familienaufstellungen helfen, Probleme und Blockaden zu lösen* habe ich hier bereits ebenfalls rezensiert.

Der dritte Teil des Werkes widmet sich dem eigentlichen Ziel jeder Therapie: die Seele zu heilen. Renate Wirth geht dabei auf spezifische Themen wie vertauschte Rollen, Bindungstrauma, Entwicklungstrauma, Trennungstrauma, Verlusttrauma und kollektive Traumata ein. Sie beschreibt detailliert, wie Heilung Schritt für Schritt erfolgen kann. Denn selbstverständlich ist dies kein Prozess, der von heute auf morgen umsetzbar ist, sondern braucht seine Zeit.

Neben einem soliden wissenschaftlichen Fundament bringt das Buch aber auch immer wieder eine persönliche Note mit.

Die Autorin eröffnet es nicht nur mit einem persönlichen Prolog, in dem sie von ihren eigenen Erfahrungen während eines Wochenendseminars erzählt. Sie baut auch in den verschiedenen Kapiteln immer wieder authentische Geschichten ein.

Wie man meiner kurzen Inhaltswiedergabe vielleicht entnehmen kann, ist das Buch dabei sehr strukturiert aufgebaut. Ein Kapitel baut auf dem anderen auf. Querfeldein zu lesen, macht hier sicherlich keinen Sinn. Vielleicht sollte man sogar ihr anderes Buch Im Herzen frei* zuerst lesen.

„Was kann ein neugeborenes Kind dafür, dass es eine schwierige Geburt hatte und danach Abwehrreaktionen gegen Enge und Berührungen entwickelt? Nichts. Was kann ein kleines Kind dafür, wenn es ein schwieriges Verhältnis zur Mutter hat, da diese Belastungen aus ihrer Herkunftsfamilie trägt? Nichts. Und was kann ein Kind dafür, dass es Wutanfälle, Angststörungen, Weinanfälle, Körpersymptome und Krankheiten entwickelt? Wenn es Unsicherheit, Unruhe, Bettnässen entwickelt, wenn es anhaltende Abwertung erfährt? Es kann nichts dafür, nichts für sein Verhalten und nichts für seine entwickelten Symptome. Kinder sind immer unschuldig. Doch Ereignisse unserer frühen Kindheit, die uns nicht im Bewusstsein sind, haben einschneidende Folgen für unser Leben.“
Renate Wirth

An dieser Stelle ein paar Worte zur Autorin:

Renate Wirth, Jahrgang 1950, ist eine erfahrene Heilpraktikerin für Psychotherapie (nach dem Heilpraktikergesetz) und systemische Traumatherapeutin. Mit ihrer Arbeit ermöglicht sie ihren Klienten, sowohl selbst erlebte Traumata als auch übernommene transgenerationale Traumata aus der Herkunftsfamilie heilsam zu integrieren.

Sie leitet Seminare an verschiedenen Orten in Deutschland und Österreich. Dabei führt sie ihre Teilnehmer in die Welt der Familienaufstellungen ein. So hilft sie ihnen, belastende Gefühle und Probleme in ihren Familien zu lösen. Darüber hinaus bietet sie Fortbildungen in traumaauflösender Aufstellungsarbeit an, um auch anderen Therapeuten und Interessierten ihre Expertise weiterzugeben.

Als ZEN-Schülerin bringt Renate Wirth eine besondere Dimension der Achtsamkeit und Stille in ihre Arbeit ein.

Diese spirituelle Praxis beeinflusst ihre therapeutische Herangehensweise und schafft einen Raum der Ruhe und Präsenz. Dieser ist für die heilsame Verarbeitung von Traumata von großer Bedeutung.

Privat ist Renate Wirth verheiratet und Mutter von vier erwachsenen Kindern. Diese persönlichen Erfahrungen als Mutter und Familienmensch fließen sicherlich in ihre Arbeit ein. Sie verleihen ihrer therapeutischen Praxis eine menschliche und empathische Note.

„Es ist Montagmorgen, ich sitze auf der Terrasse und genieße den freien Tag. Meine Gedanken sind bei den vergangenen drei Tagen. Ich hatte ein Wochenendseminar mit intensiven Familienaufstellungen. Noch immer bin ich ganz bewegt von all den Schicksalen und Lebensgeschichten. Es wird Zeit, denke ich, Zeit zum Schreiben. Und so gehe ich ins Haus, nutze die morgendliche Ruhe und Frische und beginne zu schreiben. Das Buch zum Thema Trauma. Das schon seit Monaten geschrieben werden will und das mir ein Herzensanliegen ist. […]“
Renate Wirth

Obwohl ich mich als fachfremd und auf diesem Feld eher unerfahren bezeichnen würde, hat mich das Buch inhaltlich nicht überfordert.

Die Struktur und auch die Sprache haben mir geholfen, mich gut in die Thematik einzufinden. Die verschiedenen Fallgeschichten aus der Praxis der Autorin veranschaulichen die theoretischen Konzepte. Und sie machen das Buch meiner Meinung nach auch für Laien gut zugänglich. Dennoch muss ich ergänzen, dass man ein solches Buch nicht mal eben so nebenher lesen sollte. Mit dem nötigen Hintergrundwissen wird das wohl schon funktionieren, aber dafür ist es einfach nicht gemacht. Stattdessen benötigt es Aufmerksamkeit und tiefes Interesse für die Themen. Ansonsten könnte es doch mitunter überfordern.

Sprachlich würde ich das Buch als gut verständlich beschreiben. Die Autorin schafft es gut, die breite Masse zu erreichen, ohne dabei die Tiefe der Materie zu vernachlässigen. Die mitunter definitiv sehr komplexen psychologischen Zusammenhänge sind aus meiner Sicht anschaulich erklärt, ohne dabei an wissenschaftlicher Genauigkeit zu sparen. Das ist in diesem Zusammenhang besonders hervorzuheben, da es leider nicht der Regel entspricht. Insbesondere nicht bei solchen Themen.

Es ist leider so, dass sehr viele Menschen aus dem Leid anderer auf skrupelloseste Art und Weise Profit schlagen möchten.

Deswegen passt bitte auf eurer Suche nach Hilfe auf, wem ihr euch anvertraut. Begebt euch nicht aus Verzweiflung und Mangel an anderen Optionen in die Hände von fachlich unqualifizierten Leuten.

Wenn ich etwas an diesem Buch kritisieren müsste, dann vielleicht die nicht unbedingt abgesteckte und direkt erkenntliche Zielgruppe. Inhaltlich wird es sicherlich einige Menschen überfordern. Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, welche Auswirkungen es haben könnte, wenn Betroffene es ohne Unterstützung lesen würden. Aus dem Bauch heraus würde ich doppelt unterstreichen, dass es kein Ersatz für eine Therapie sein sollte.

Besonders hervorheben möchte ich noch eine wichtige Aussage der Autorin aus ihrem Buch.

So betont sie, dass es nie zu früh oder zu spät ist, Heilungsschritte zu gehen. Dies vermittelt Betroffenen Hoffnung und ermutigt dazu, sich mit der eigenen Traumageschichte auseinanderzusetzen. Auch ich tue das nun bereits zum wiederholten Male in meinem Leben und es hat mir immer geholfen. Sich Hilfe zu holen ist niemals eine schlechte Idee.

„Unsere DNA besteht aus Genen und Gensequenzen. Wir sind eine Kombination aus Genom, Epigenom und persönlichen Erfahrungen. Letztere entscheiden über die Veränderungen im Epigenom. Im Epigenom sitzt das Gedächtnis der Vergangenheit. Und unsere Umwelteinflüsse entscheiden, wer wir morgen sind. Das, was wir erleben und erlebt haben, schlägt sich in unserem Erbgut nieder. Die Geschichte unserer Familie wird damit zu unserer eigenen Geschichte. Und auch unsere Erlebnisse prägen durch epigenetische Marker die Weitergabe epigenetischer Muster an die nächsten Generationen unserer Kinder und Enkel.“
Renate Wirth

Insgesamt ist Die Seele heilen* von Renate Wirth ein sehr informatives Buch.

Es brachte mir einen umfassenden Einblick in eine völlig neue Thematik. Aus meiner unerfahrenen Sicht ist es sowohl für Laien als auch Fachleute auf dem Gebiet der Psychologie und Traumatherapie lesenswert. Denn es verbindet auf gekonnte Art und Weise Praxis mit Wissenschaft. 

„Es gibt zahlreiche Mechanismen, um im Alltag Traumafolgesymptome zu verdrängen: Essen, immer wieder Neues Kaufen, viel Arbeiten, Sport, Rauchen, Fernsehen, Computerspiele Spielen und Filme Schauen sind Kompensationsmechanismen, die helfen, aber nicht heilen. Sie können die kaum aushaltbaren Gefühle für kurze Zeit verdrängen. Es sind die belastenden Körperempfindungen, die bedrängende Gefühle entstehen lassen, die schmerzhaft sind. Da die Gefühle, die hinter den Körperempfindungen wirken, nicht benannt werden können, sind diese nicht veränderbar. Ist es eine Angst, eine Übererregung, eine tiefe, schmerzende Einsamkeit oder ein nicht benennbares Entsetzen? Um diese Gefühle und Körperempfindungen zu vermeiden, schiebt sich das intensive Bedürfnis dazwischen, zu essen, zu kaufen, zu arbeiten oder zu rauchen, […]“
Renate Wirth

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