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BUSINESS SLOWDOWN von Svenja Hofert* ist ein wirklich spannendes Buch rund um das co-kreative Führen in postagilen Zeiten. Wem das direkt zu Beginn zu viele Business-Fachbegriffe sind, den:die kann ich beruhigen: Das Buch ist einfach und lebendig geschrieben und sollte alle Leser:innen gleichermaßen abholen können. Die Zielgruppe sind aber zweifelsohne Führungskräfte, Unternehmensgründer:innen, Lenker:innen und Entscheider:innen.

Auf den ersten Blick konnte mich weder das Cover noch der Buchtitel sonderlich überzeugen. Ich war skeptisch, was mich erwarten würde. Am Ende wurde ich aber mehr als positiv überrascht. Das Buch lieferte mir so viele neue Impulse wie schon lange keines mehr. Es bündelt so viele interessante Ansätze, Ideen und Denkstrukturen. Dazu nimmt die Autorin kein Blatt vor den Mund: Sie zeigt falsche Glaubenssätze und alte Strukturen sowohl an Praxisbeispielen als auch in ihren klaren Statements im Buch auf, von denen ich mir glatt etliche herausgeschrieben habe.

Anlass für dieses Buch ist für die Autorin der Beginn einer Zeitenwende, in der Produktivität und Gewinnmaximierung nicht mehr die wesentlichen Treiber sein werden. Spätestens nach Simon Sineks Ted Talk sollte das auch bei der breiten Masse angekommen sein. Im aufkommenden postagilen Zeitalter werden unsere unternehmerischen Entscheidungen von den großen Herausforderungen und Umwälzungen in unserer Welt und Gesellschaft massiv beeinflusst.

Svenja Hofert appelliert, sich an neuen Werten auszurichten und die Weichen für eine lebenswerte Zukunft für alle zu stellen.

Jedes Unternehmen sollte sich fragen, welchen Beitrag es dazu leisten kann.

„Ich möchte, dass Sie innehalten und nachdenken. Denn aus dem Getriebensein entsteht keine Kreativität, im Klima der Angst nichts Neues.“

Führen kann für die Autorin jede:r, der:die eine Vorstellung vom Guten hat. Es ist keine formale Position und zudem nichts, was im Alleingang möglich ist.

„Die Agilisierung eines Teils der Arbeitswelt hat bereits einen wichtigen Beitrag geleistet. Doch im agilen Denken fehlt die übergeordnete Orientierung an Werten, die ich ins Zentrum stellen möchte. Mein Leadership-Verständnis geht über die Grenzen des Individuums hinaus und rückt doch den Menschen ins Zentrum. Gleichwohl bin ich entfernt von einer Ponyhof-Ideologie. Im Zentrum steht für mich das Vermögen, inmitten von Widersprüchen, Paradoxien und Mehrdeutigkeiten handlungsfähig zu bleiben. Und zu erkennen: Es gibt viele Wege – Hauptsache, man geht jenen, der eine innere Resonanz erzeugt. Auf den richtigen zu warten, ist immer falsch. Denn der Weg verändert sich, während man ihn begeht.”
Svenja Hofert

 Auch außerhalb offizieller Führungsrollen kann jede:r Führung übernehmen, transformative Herausforderungen annehmen und seinem Umfeld Impulse geben.

Sie reicht uns mit diesem Buch nicht noch eine weitere agile Methode der Führung, wie bereits unzählige Business-Ratgeber vor ihr. Ihr Ansatz der Co-Kreation verbindet die Elemente „zusammen“ und „Kreation“. Der Autorin ist wichtig, dass dabei „zusammen“ nicht unbedingt „im Team“ heißen muss und ein Team nicht unbedingt nur innerhalb eines Unternehmens zu finden ist. Vielmehr möchte sie uns nahelegen, dass wir immer und jederzeit gemeinsam kreieren und das Wesen der Kreativität freilegen können.

Auch für Führung hat sie eine ganz eigene Definition:

Den Begriff Führung verstehe ich breit: Es geht mir nicht um die eine Person, die alles reißt – wie der Löwe die Antilope. Es geht mir um Ideen, die erst langsam reifen müssen und dann etwas in Bewegung setzen. Dafür nutze ich immer wieder die drei Säulen von Kreativität:

– Biegen
– Brechen
– Verbinden

Biegen wir unsere Gegenwart. Brechen wir Muster. Verbinden wir Menschen und Ideen: Schaffen wir eine gemeinsame, wertvolle Zukunft.“
Svenja Hofert

Svenja Hofert hat in ihrer jahrzehntelangen Beratungs- und Coaching-Zeit bereits viele Bücher geschrieben. Mittlerweile teilt sie ihre Erfahrungen auch als Speakerin und gibt in ihren Vorträgen Impulse für die postagile Welt. Gemeinsam mit ihrem Teamworks-Team bildet sie Menschen aus, die zur agilen Transformation beitragen.

Mein größter Kritikpunkt an diesem Buch betrifft tatsächlich die äußere Gestaltung.

Das Cover finde ich ganz ansprechend, doch das Backcover ist in kleiner Schrittgröße auf unruhigem Hintergrund nur schwer zu lesen. Das ist sicherlich nicht sonderlich gelungen. Die Gestaltung des Textteils ist dagegen besser gelungen. Etwas Farbe hätte hier sicherlich nicht geschadet. Aber es stört auch nicht, dass sie nicht vorhanden ist. Die Grafiken, Überschriften, Umbrüche und Co. lockern den Text sauber und gelungen auf.

Am Ende spricht vor allem der Inhalt dieses Buches für sich.

„Obwohl offensichtlich ist, dass wir in einer alle bisherigen Strukturen auflösenden Zeit leben, erkennen wir nicht, dass das auch für unsere eigene Organisation und unser Leben gelten wird. Für mein Unternehmen und mein Leben genauso wie für Ihres. Obwohl wir sehen, dass neue Strukturen nicht in die alten passen, verschließen wir die Augen davor, dass wir unsere Systeme ganzheitlich neu erfinden müssen. Stattdessen suchen wir nach Wundermethoden, doktern an Mitarbeiterverhalten herum und kleben Pflaster auf Teilbereiche. Systeme der vergangenen Welt haben sich zu einem Korsett entwickelt, das notwendiger Veränderung die Luft zum Atmen nimmt. Ob in Wirtschaft, Verwaltung, Politik oder Recht: Überall zeigt sich, dass eine Anpassung an die Veränderungen nicht mehr reicht, weil alles mit allem zusammenhängt. Es gilt vielmehr, die Art neu zu erfinden, wie wir zusammenleben, arbeiten, Organisationen führen, uns selbst verstehen und Entscheidungen treffen.
Svenja Hofert

Das Buch trägt den Namen „Business Slowdown“, weil die Autorin die feste Überzeugung vertritt, dass ohne ein Runterfahren eine transformative Veränderung von Innen unmöglich ist.

Viele Organisationen brauchen dringend einen kreativen Umbau – zumindest sehen das Menschen wie sie und ich so. „Aber von Führungskräften, die durch die alten Strukturen geprägt wurden wie Goldmünzen, kann man diesen kaum erwarten.“ Solche Aussagen der Autorin kann ich leider nur unterschreiben. Nicht nur aus meiner eigenen – zugegeben recht kurzen – Zeit in einem Unternehmen, aber vor allem auch aus den Berichten meiner Freunde, Freundinnen und Mentoren sowie Mentorinnen.

„Ein Mensch denkt und sieht, was er sieht. Er denkt und sieht nicht, was er nicht denkt und sieht.“
Svenja Hofert

Es fehlt viel, doch vor allem fehlt Feedback. Feedback ist in vielen Organisationen nur als erzieherische Maßnahme bekannt – es handelt sich also in Wahrheit um Bewertung. Aber wer will sich schon bewerten lassen? Die etablierten Konventionen verhindern das. Werte, die in Wahrheit Normen sind, lassen wirklich andere Sichtweisen nicht zu, sodass Rückmeldungen – Feedbacks eben – die Normen der Gruppe zeigen, nicht aber Offenheit. Also stumpft man lieber ab. Aufgrund der fehlenden Feedbackerfahrung der Vergangenheit wirft der ‚Mount Stupid‘ einen erst recht in ein tiefes Tal. Denn wer von der alten Bewertungswelt geprägt ist, ahnt schon, dass jetzt andere Qualitäten gefragt sind. Nur die Reaktion darauf ist typisch ‚alte Welt‘: Man sagt nicht ‚Super, jetzt kann ich lernen‘, sondern wehrt ab oder schämt sich.“ Svenja Hofert

Der Mount Stupid ist für sie eine Metapher: Vom Selbstbewusstsein vergangener Erfolge betankte Menschen wähnen sich schon mit sehr wenig Know-how auf dem Kompetenzgipfel und ruhen sich dort aus. Wirkliches Lernen ist von solchen Menschen nicht mehr zu erwarten. Eine Beobachtung, die ich auch in der Finanzbranche nur allzu häufig bestätigt sehe. Vor allem, wenn mir wieder ein Dutzend älterer Männer und Frauen schreibt, dass ich keine Ahnung habe, wenn ich mal wieder aus meinen Büchern Inhalte präsentiere, die ihrem bestehenden Weltbild und ihrem jahrzehntelangen Handeln widerstreben. Dann kommt innerer Protest hoch und die Überbringerin der Botschaft – in dem Fall ich – wird entweder diskreditiert oder angegriffen.

„Erst wer die eigene Inkompetenz spürt, beginnt an sich zu arbeiten, sucht ehrliches Feedback und wirkliche Entwicklung“, schreibt Svenja Hofert. Eine Behauptung, die ich so leider nur in den wenigsten Fällen bestätigen kann. Dennoch bleibt dieses Buch ein wunderbarer Impuls in alle möglichen Richtungen. Es hat mir große Freude bereitet, es zu lesen und ich kann mich an dieser Stelle nur bei der Autorin für ihr Werk bedanken.


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