★★★★☆

ANREIZ, RISIKO, RUIN von Heribert Wienkamp* ist zur Abwechslung mal wieder ein Buch aus dem Bereich der Behavioral Finance, auch Verhaltensökonomik genannt. Dessen Begründer Daniel Kahnemann und Amos Tversky erhielten für ihre Studien den Nobelpreis. Grundannahme dieses Teilgebiets (der Wirtschaftswissenschaften) ist, dass der in wissenschaftlichen Modellen häufig zugrunde gelegte „Homo Oeconomicus“ nicht der Realität entspricht. Der Autor – promovierter Psychologe – bereitet in seinem Werk das Zusammenspiel aus Anreiz, Risiko und Ruin an den Kapitalmärkten wissenschaftlich für die Leser:innen auf.

Damit versucht er, die Finanzpsychologie für alle greifbar zu machen, obgleich die Sprache dieses Buches doch sehr akademisch ist, wie sich bereits am Springer Gabler Verlag erahnen lässt. Dennoch weiß der Autor seine Gedanken auch immer wieder humorvoll zum Ausdruck zu bringen. Das macht das Buch sprachlich zwar noch lange nicht mit populär-wissenschaftlichen Werken vergleichbar, aber doch nahbarer.

Die Grundthese des Autors: Ohne das Wissen um die eigene „Finanzpersönlichkeit“ lässt sich kein Finanzproblem zufriedenstellend lösen. Und genau darauf aufbauend analysiert sein Werk auch die unterschiedlichen Akteure und Gegebenheiten am Kapitalmarkt. Dabei versucht er, die Motive und Anreize dahinter zu verstehen und diese mit psychologischen Persönlichkeitsmodellen zu verbinden. Daraus entstehen teilweise sehr interessante psychologische Betrachtungsweisen von Charakteren, die jede:r erfahrene Börsianer:in schon einmal kennenlernen durfte.

Von Banker:innen, über aktive Investor:innen, Spekulant:innen, Hedgefondsmanager:innen und Analyst:innen, bis hin zu Finanzberater:innen wird jede Gruppe sauber und schonungslos analysiert.

„Aber Spekulanten (wie auch Spieler) leiden nicht nur an einer übertriebenen oder irrealen Selbstüberschätzung; erschwerend kommt hinzu, dass sie sich auch bestimmten Illusionen und Trugschlüssen hingeben. So verdrängen sie Gefahren und Risiken, da sie irrigerweise annehmen, dass ihnen bestimmte Fehler, die anderen unterlaufen sind, nicht passieren können. Oder sie geben sich dem Einfluss des ‚Survivorship Bias‘ hin, indem sie und andere fälschlicherweise glauben, sie sind erfolgreich, ‚weil sie gut sind‘. Dabei stellen wir möglicherweise die Kausalbeziehung auf den Kopf; wir halten sie für gut, nur weil sie Geld verdienen. An der Börse kann man aus purem Zufall Gewinne erzielen.“
Heribert Wienkamp

Ziel des Autors ist es, uns mit dem Buch dabei zu helfen, selbst herauszufinden, welcher Finanzpersönlichkeit wir entsprechen

Er möchte, dass wir verstehen, was das für Auswirkungen auf unsere finanziellen Entscheidungen hat. Einige Übungen und Testskalen sind bereits im Buch enthalten, sodass sich Leser:innen auf die Analyse ihrer eigenen Persönlichkeit stürzen können.

„Auf der Basis Ihres finanzpsychologischen Profils lernen Sie darüber hinaus verschiedene Situationen mit Finanzproblemen kennen, die Sie sowohl unter Berücksichtigung Ihrer persönlichen Finanzziele als auch Ihrer emotionalen Bedürfnisse zu Ihrem eigenen Nutzen und Vorteilen lösen können.“
Heribert Wienkamp

Dieses Buch ist vor allem für erfahrene Börsianer:innen ein interessanter Zusammenschnitt: Über die Geschehnisse an den Finanzmärkten, die Gewohnheiten der einzelnen Akteur:innen sowie ihrer im Hintergrund wirkenden Motivationskräfte, wie bspw. Geld und Profit.

„Denn, und das ist an den Finanzmärkten eine Binsenweisheit, die Aussicht auf eine hohe Anlagenrendite ist nun einmal mit einem höheren Risikopotenzial verbunden – und vielen professionellen wie auch privaten Spekulanten fällt es anscheinend schwer, ihre Profitgier zu bändigen.“
Heribert Wienkamp

„Da der Spekulant nicht alle Umstände kennt oder auf die einwirken kann, steckt insofern stets ein Stück Glücksspiel in dem Versuch, an Zukunftschancen zu profitieren.“
Max Weber

Der Autor stellt sich daraus abgeleitet die Frage, warum es so vielen Menschen so schwerfällt, ihre Emotionen bei ihren Entscheidungen am Kapitalmarkt außen vor zu lassen

Weshalb handeln so viele von ihnen emotional und welche Motive verbergen sich dahinter?

Das Ergebnis seiner Recherche ist unter anderem diese wissenschaftliche Untersuchung, die auf der Basis eines persönlichkeits-psychologischen Modells empirische Befunde und spezifische Erklärungen zur Wirksamkeit der untersuchten Motivationsfaktoren und Anreizmotivationen unter Risiko- oder Unsicherheitsbedingungen liefert. Somit bietet dieses Buch eher weniger konkrete Lösungsvorschläge für bestimmte Finanzfragen, sondern konzentriert sich darauf, die nötige emotionale Transparenz aufzubauen, um den Leser:innen beim Aufbau des nötigen Rüstzeugs zu helfen. Der Autor selbst spricht von Hilfe zur Selbsthilfe.

„Für Sie als Finanzverbraucher bedeutet das, dass sie an den Kapitalmärkten einem turbulenten Geschehen ausgesetzt sind und von vielen ‚Geschäftsfreunden‘ nicht nur beeinflusst, sondern auch ohne Skrupel ausgenutzt oder im schlimmsten Falle sogar ausgenommen werden, wenn Sie nicht vorsichtig genug sind.“
Heribert Wienkamp

Insgesamt ein wirklich gutes Buch, wenn es auch zeitweise sehr wissenschaftlich ausufernd geschrieben ist

Die Herleitungen könnten dann manches Mal doch ein bisschen knackiger sein und auch die Wortwahl ein wenig umgangssprachlicher. Nichtsdestotrotz ist das Buch dadurch in vielen Bereichen auch einfach on point, wenn auch vom Lesefluss nicht ideal konzipiert.

Meine einzig größere Kritik richtet sich an das Layout dieses Buches. Das ist wirklich keine Glanzleistung des Springer Gabler Verlags geworden – so deutlich muss ich das leider sagen. Die Grafiken im Buch könnten aufgewertet werden. Ein wenig Farbe hätte dem Inneren auch nicht geschadet. Am schlimmsten sind aber der Abstand vom Druck der obersten Zeile zur Blattkante sowie die Abstände zur Bindung in der Mitte einer Doppelseite. Da habe ich schon eine ganze Reihe deutlich besserer Versionen aus dem Springer Gabler Verlag in den Händen halten dürfen. Mit Korrekturen durch meine Anmerkungen könnte man ließen sich der Lesefluss und der optisch-qualitative Eindruck deutlich anheben.

Ansonsten liefert der Autor seinen Leser:innen sehr hochwertiges, gut und umfangreich recherchiertes, teilweise sogar humorvoll verpacktes Wissen.

Man kann seinen Schreibstil zeitweise mit Gerd Kommer vergleichen. Wer Gerd Kommer allerdings zu schwer zu lesen findet, wird hiermit noch größere Schwierigkeiten haben. Manches Mal muss man allerdings auch Hürden überspringen, um ins Ziel zu kommen.

Wer sich intensiver mit dem Thema Behavioral Finance und der Psychologie hinter der eigenen Anlageentscheidung auseinandersetzen möchte, findet hier definitiv interessante Ansätze

Insbesondere in Bezug auf die verschiedenen Persönlichkeitstypen und die Auswirkungen, die das mit sich bringt.

Jedes Kapitel wird sauber eingeleitet und auch wieder geschlossen und umfasst einen enormen Umfang an Literatur. Es ist wirklich sehr schön zu sehen, wie sauber man als Autor:in arbeiten kann und wie viel Wissen und Recherche in dieses Buch geflossen ist.

Wenn ich das mit anderen Publikationen zu ähnlichen Themen vergleiche, die nicht einmal die größten Namen der Branche in einem Halbsatz erwähnen können, dann ist dieses Buch mal wieder ein schönes Beispiel dafür, dass gewissenhafte Quellarbeit noch existiert.

Wer dagegen eher leichtere Kost konsumieren möchte, der/die greift im Zweifel zu Jessica Schwarzers GIERIG, VERLIEBT, PANISCH*. Hier kommst du zu meiner Rezension. Weiterführend sind in diesem Zusammenhang auch folgende vier Bücher zu empfehlen:


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